Neue Studie zeigt immer mehr sinkende Chancen für Arbeitslose

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Bestimmte Politiker machen seit Jahren Stimmung gegen Leistungsberechtigte und stellen Menschen, die längere Zeit erwerbslos sind als “Faulpelze” dar, die nicht arbeiten wollten. Eine neue Studie entblößt dieses Herabwürdigen von Betroffenen in schwierigen Lebenslagen als Märchen. Diese Hetze stellt nicht nur die Wirklichkeit auf den Kopf, sondern beschädigt auch Förderung bei der Arbeitssuche.

Weniger Chancen und stärkerer Druck

Wer arbeitslos wird und nach einem Jahr noch keinen Job gefunden hat, steht in der Realität vor einem doppelten Problem: Die eigenen Bewerbungschancen sinken mit jeder weiteren Woche, und ab sofort trifft Langzeitarbeitslose gleichzeitig die neue Grundsicherung mit deutlich schärferen Vermögensregeln.

Eine aktuelle Studie des Forschungsinstituts Rockwool Foundation Berlin (RF Berlin) zeigt, wie dieser Teufelskreis entsteht. Und warum die politische Antwort darauf in die falsche Richtung zeigt.

Jede Absage verschlechtert die Chancen auf den nächsten Job

Zu Beginn der Arbeitslosigkeit finden laut der RF-Berlin-Studie von 100 Arbeitslosen in einem Monat etwa sieben eine neue Stelle. Nach zwölf bis fünfzehn Monaten ohne Beschäftigung sind es nur noch vier bis fünf.

Die Wahrscheinlichkeit, überhaupt einen Job zu finden, sinkt von anfangs rund sieben Prozent monatlich auf 4,5 Prozent, also um fast ein Drittel.

Langzeitarbeitslose werden seltener eingeladen

Der Grund liegt nicht in fehlender Qualifikation. Er liegt darin, dass Personalverantwortliche Bewerbungen von Menschen, die länger arbeitslos sind, systematisch seltener zu Vorstellungsgesprächen einladen.

Die Forschenden nennen das „statistische Diskriminierung”: Arbeitgeber werten die Dauer der Arbeitslosigkeit als Warnsignal, unabhängig davon, ob das Warnsignal berechtigt ist oder nicht.

Jobcenter unterstützen diejenigen mit besseren Chancen

Fatal ist dabei, dass Langzeiterwerbslose trotz Versuche, diesen Missstand zu beenden, im Jobcenter viel zu wenig Unterstützung bekommen. So sagt Tobias Ortmann, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann-Stifung: “Beratung und Vermittlung sind Kernaufgabe der Jobcenter. Vermittlungshemmnisse müssen abgebaut werden.  Doch gerade bei Personen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt kommen diese Aufgaben häufig zu kurz.”

Den Grund dafür sieht er darin, die zu fordern, die scheinbar bessere Chancen haben. Ortmann fährt fort: “Jobcenter nutzen ihre begrenzten Kapazitäten vor allem zur regelmäßigen Betreuung von Leistungsbeziehenden, die größere Chancen auf die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt haben. Deswegen fehlt die Zeit, Arbeitslose mit Vermittlungshemmnissen zu betreuen.”

Kurz gesagt: Arbeitsgeber schieben Bewerbungen vom Menschen, die länger erwerblos sind, beiseite, und das Jobcenter unterstützt diese Betroffenen weniger, weil sie schlechtere Chancen haben. Der Teufelkreis zieht sich enger.

Wer mehr Absagen bekommt, schickt weniger Bewerbungen

Die Reaktion der Betroffenen folgt einem zwar nachvollziehbaren, aber verhängnisvollen Muster. Wer immer mehr Absagen bekommt, schickt immer weniger Bewerbungen ab. Laut der Studie sinkt die Zahl der monatlichen Bewerbungen innerhalb eines Jahres im Durchschnitt von elf auf acht.

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine einzelne Bewerbung überhaupt zu einer Einladung führt, fällt gleichzeitig von rund fünf auf 3,5 Prozent. Josef Zweimüller, Projektleiter bei RF Berlin, nennt das einen Kreislauf der Entmutigung.

Weil Personalverantwortliche zögerten einzuladen, reagierten Betroffene mit immer weniger Bewerbungen, was die Chancen weiter drückt. Die Daten von 600.000 ausgewerteten Bewerbungen belegen das.

Wer es ins Gespräch schafft, überzeugt dort öfter als angenommen

Die Studie zeigt eine überraschende Gegenbewegung: Die Wahrscheinlichkeit, nach einem Vorstellungsgespräch ein konkretes Jobangebot zu erhalten, steigt mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit von rund 20 Prozent auf über 25 Prozent.

Langzeitarbeitlose überzeugen öfter

Langzeitarbeitslose überzeugen bei Bewerbungsgesprächen also sogar öfter als Menschen, die gerade erst in die Grundsicherung gerutscht sind.  Die Gründe dafür untersucht die Studie nicht.

Mögliche Ursachen für diese überraschende Tatsache könnten sein: Wer längere Zeit erwerbslos ist, hat sich oft intensiver damit beschäftigt, worauf es in einem Bewerbungsgespräch ankommt.

Langzeiterwerbslose haben sich vermutlich außerdem damit auseinander gesetzt, was sie realistisch in welchem Bereich leisten können, ihre Stärken und ihre Schwächen analysiert.

Mutmaßlich ist auch das Engagement höher, endlich wieder eine echte Arbeit zu finden als bei denjenigen, die erst kurzzeitig aus dem Arbeitsmarkt gedrängt sind.

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Unabhängig von den Ursachen des Phänomens ist allerdings klar: Das Problem für Langzeiterwerbslose liegt nicht im Bewerbsgungsgespräch, sondern davor. Personalverantwortliche filtern sie aus, bevor das Gespräch überhaupt stattfindet. Professorin Aderonke Osikominu von der Universität Hohenheim, Mitautorin der Studie, fordert deshalb einen anderen politischen Ansatz.

Unterstützung bei der Jobsuche statt Umschulung

Sie will mehr gezielte Unterstützung bei der Jobsuche selbst, also Bewerbungsbegleitung, die Menschen darin unterstützt, die erste Hürde zu überwinden und überhaupt zur Einladung zu kommen.

Der bisher übliche politische Ansatz, der vor allem auf Umschulungen setzt, reiche dafür nicht aus, so Osikominu. Das ist eine direkte Kritik an dem, was die neue Grundsicherung ab Juli 2026 tatsächlich verstärkt.

Das unterschätzte Risiko: Was nach zwölf Monaten passiert

Wer ein Jahr Arbeitslosengeld I bezogen hat (die beitragsfinanzierte Leistung aus der Sozialversicherung) und danach noch keine Stelle gefunden hat, rutscht in die neue Grundsicherung. Dort treffen Betroffene auf verschärfte Sanktionen: Wer Termine versäumt oder Pflichten nicht einhält, muss mit Kürzungen von bis zu 30 Prozent des Regelbedarfs rechnen. Bei Wiederholung kann die Leistung vollständig entfallen, einschließlich der Miete.

Der Markt sortiert nach Dauer, nicht nach Mitwirkung

Der Staat signalisiert damit: Wer nach einem Jahr noch keine Arbeit hat, muss stärker mitwirken. Was die Studie zeigt, ist jedoch das Gegenteil dieser Unterstellung, die den Betroffenen den “schwarzen Peter” unterschiebt. Der Markt sortiert nämlich nicht nach Leistung, sondern nach Dauer.

Betroffene werden aussortiert, bevor jemand ihre Qualifikation geprüft hat. Mehr Druck auf Menschen, die strukturell aus Einladungsprozessen herausgefiltert werden, verstärkt die Entmutigung sogar noch statt sie zu überwinden.

Neue Grundsicherung ab Juli 2026: Was das Schonvermögen jetzt bedeutet

Mit dem 1. Juli 2026 trat das 13. Gesetz zur Änderung des SGB II schrittweise in Kraft. Das frühere Bürgergeld heißt jetzt offiziell Grundsicherungsgeld. Die wichtigste Änderung trifft Menschen mit Ersparnissen hart.

Bisher galt im ersten Jahr des Leistungsbezugs eine sogenannte Karenzzeit: Wer in die Grundsicherung rutschte, durfte zunächst deutlich mehr Vermögen behalten, bis zu 40.000 Euro für die erste Person in der Bedarfsgemeinschaft (alle Personen im Haushalt, deren Einkommen zusammengerechnet wird).

Diese Schutzfrist ist abgeschafft. Vermögen wird ab dem ersten Tag geprüft. Wie viel geschont bleibt, hängt vom Alter ab: bis 30 Jahre sind es 5.000 Euro, zwischen 31 und 40 Jahren 10.000 Euro, zwischen 41 und 50 Jahren 12.500 Euro, ab 51 Jahren 20.000 Euro.

Ein Beispiel für die Praxis

Ein Beispiel verdeutlicht die Tragweite: Nehmen wir an, Anita ist 45, verliert ihren Job als Einzelhandelskauffrau, bezieht zwölf Monate Arbeitslosengeld I und hat nach dieser Zeit noch 20.000 Euro auf dem Konto. Nach den alten Bürgergeld-Regeln wäre dieses Geld im ersten Jahr vollständig geschützt gewesen. Ab Juli 2026 gilt der Freibetrag von 12.500 Euro.

Die Differenz von 7.500 Euro muss zuerst aufgebraucht werden, bevor das Jobcenter Grundsicherungsgeld auszahlt.

Der Übergang in die Grundsicherung ist also keine kurze Überbrückung mehr. Er wird zur finanziellen Zäsur. Wer jetzt absehen kann, in diese Situation zu geraten, sollte die eigene Vermögenslage frühzeitig klären, bevor der Antrag gestellt werden muss.

Was Betroffene jetzt konkret tun können

Wer aktuell auf Jobsuche ist und merkt, dass auf seine Bewerbungen immer weniger Einladungen kommen, sollte bedenken, dass dies nicht unbedingt an individuellem Versagen oder fehlender Qualifikation liegen muss. Es handelt sich um einen statistisch belegten Effekt.

Formulierungen prüfen, Screening kennen

Der Fokus sollte deshalb nicht nur auf der Zahl der Bewerbungen liegen, sondern auf der Einladungsquote: Werden Unterlagen, Anschreiben oder Berufsbezeichnung so formuliert, dass Personalverantwortliche das Profil schon im ersten Screening aussortieren?

Setzen Sie beim Jobcenter Unterstützung bei Bewerbungen durch

Das Jobcenter ist verpflichtet, gezielt zu unterstützen. Im Kooperationsplan (der schriftlichen Vereinbarung zwischen Leistungsbeziehenden und dem Jobcenter) können Betroffene konkrete, auf die eigene Situation zugeschnittene Maßnahmen einfordern.

Dieser Plan ist keine Formalie. Er ist ein verhandelbares Dokument. Wer das nicht weiß, verschenkt einen konkreten Hebel.

Quellen

Bertelsmannstiftung (www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2026/langzeitarbeitslose-jobcenter-mitarbeitende-sind-kompetent-aber-arbeitsmarkt-chancen-bleiben-gering)
Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS): 13. Gesetz zur Änderung des SGB II
Bundesregierung: Bürgergeld wird zur neuen Grundsicherung (bundesregierung.de, März 2026)
Bundesregierung: Regelbedarfe 2026 bleiben unverändert (bundesregierung.de)
Rockwool Foundation Berlin (RF Berlin): Studie zu Dauer der Arbeitslosigkeit und Bewerbungserfolg (Juni 2026)