Der Pflegeversicherung droht bis Ende 2026 ein Rekorddefizit von bis zu 5,2 Milliarden Euro. Der BKK Dachverband warnt vor einem finanziellen Absturz und fordert eine schnelle Lösung, bevor Pflegebedürftige, Angehörige und Beitragszahlende die Rechnung bezahlen.
Anne-Kathrin Klemm, Vorständin des BKK Dachverbandes, kritisiert die Verzögerung der Pflegereform scharf. Die Pflegeversicherung stehe erneut „mit dem Rücken zur Wand“. Gleichzeitig gehe die Bundesregierung ohne tragfähiges Konzept in die Sommerpause.
Wenn die Politik nicht gegensteuert, könnte die soziale Pflegeversicherung bereits zum Jahresende tief in die roten Zahlen geraten.
Ausgaben der Pflegeversicherung steigen um elf Prozent
Im ersten Halbjahr 2026 lagen die Ausgaben der Pflegeversicherung nach Angaben des BKK Dachverbandes elf Prozent über dem Wert des Vorjahreszeitraums. Hinter diesem Anstieg stehen mehrere Entwicklungen, die sich gegenseitig verstärken.
Besonders stark wachsen die Kosten für die Kurzzeitpflege und die Verhinderungspflege. Seit der Zusammenlegung der Leistungsbeträge können Pflegebedürftige das gemeinsame Jahresbudget flexibler einsetzen. Diese Verbesserung erleichtert vielen Familien die Organisation der Pflege. Sie erhöht allerdings zugleich die Ausgaben der Pflegekassen.
Auch die Zuschüsse zu den pflegebedingten Eigenanteilen in Pflegeheimen steigen weiter. Höhere Tariflöhne für Pflegekräfte verteuern die stationäre Versorgung. Gleichzeitig nimmt die Zahl der pflegebedürftigen Menschen infolge der demografischen Entwicklung kontinuierlich zu.
Pflegebedürftige zahlen trotz Zuschüssen immer mehr
Die Pflegeversicherung deckt nur einen Teil der tatsächlichen Pflegekosten. Unterkunft, Verpflegung, Investitionskosten und ein verbleibender Eigenanteil belasten weiterhin die Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen.
Steigen Löhne, Energiepreise und Betriebskosten, wachsen deshalb häufig auch die monatlichen Rechnungen der Heime. Die Leistungszuschläge der Pflegeversicherung verhindern nicht, dass Betroffene mehrere tausend Euro aus der eigenen Rente und ihrem Vermögen aufbringen müssen – pro Monat!
Reichen Einkommen und Vermögen nicht aus, bleibt häufig nur der Antrag auf Hilfe zur Pflege beim Sozialamt. Kinder müssen sich in der Regel erst dann an den Kosten beteiligen, wenn ihr jährliches Bruttoeinkommen über 100.000 Euro liegt.
Höhere Pflegebeiträge reichen auf Dauer nicht aus
Die Politik könnte das Defizit kurzfristig durch höhere Beiträge ausgleichen. Damit würden Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Rentner erneut stärker belastet. Eine Beitragserhöhung löst darüber hinaus nicht das Finanzierungsproblem.
Anne-Kathrin Klemm verweist auf sogenannte versicherungsfremde Leistungen. Dazu gehören Aufgaben, die der gesamten Gesellschaft dienen, aber derzeit aus Beiträgen zur Pflegeversicherung bezahlt werden. Als Beispiel nennt der Verband die Rentenversicherungsbeiträge für pflegende Angehörige.
Diese Beiträge sichern Menschen ab, die ihre Erwerbsarbeit wegen der Pflege eines Angehörigen reduzieren oder ganz aufgeben. Der BKK Dachverband fordert, dass der Bund die Kosten vollständig aus Steuermitteln übernimmt.
Bund soll Milliardenkosten aus Steuern finanzieren
Beschäftigte und Rentner finanzieren also Leistungen, die eigentlich aus dem Bundeshaushalt bezahlt werden müssten. Übernimmt der Bund diese Ausgaben vollständig, könnte er die Pflegeversicherung um Milliardenbeträge entlasten. Das würde den unmittelbaren Finanzdruck spürbar lindern.
Der Verband bezeichnet diese Finanzierung als Beitragsgerechtigkeit. Wer gesamtgesellschaftliche Leistungen beschließt, müsse sie auch über Steuern und damit aus dem Bundeshaushalt finanzieren.
100 % spam-frei • jederzeit abbestellbar
Verschobene Pflegereform soll Leistungen vereinfachen
Die geplante Pflegereform enthält nach Einschätzung des BKK Dachverbandes durchaus sinnvolle Ansätze. Dazu zählen einfachere Budgets und eine bessere Pflegebegleitung für Menschen mit Pflegebedarf.
Einheitliche oder gebündelte Budgets könnten den Zugang zu Leistungen erleichtern. Pflegebedürftige und Angehörige müssten dann nicht mehr jede Leistung aus unterschiedlichen Fördertöpfen beantragen und komplizierte Abgrenzungen beachten.
Auch eine verlässliche Pflegebegleitung könnte Familien dabei unterstützen, passende Hilfen zu finden, Anträge zu stellen und ambulante, teilstationäre sowie stationäre Angebote miteinander zu verbinden.
Gerade Menschen, die erstmals mit Pflegebedürftigkeit konfrontiert werden, verlieren sich häufig in einem Hickhack aus Pflegekasse, Ärzten, Pflegediensten und Sozialamt. Diesem Behörenwirrwarr sind die Betroffenen dann zusätzlich in einer Phase ausgesetzt, in der sie sowieso enorme Schwierigkeiten durch die neue Lebenslage bewältigen müssen.
Verzögerung gefährdet Verbesserungen für Pflegebedürftige
Der BKK Dachverband warnt davor, die geplanten Verbesserungen im weiteren politischen Verfahren abzuschwächen. Eine Reform dürfe nicht nur neue Finanzierungsregeln enthalten. Sie müsse vielmehr den Alltag der Betroffenen spürbar vereinfachen.
Gleichzeitig braucht die Pflegeversicherung nach Ansicht des Verbandes noch im laufenden Jahr eine Lösung für ihr Defizit. Ohne zusätzliche Bundesmittel oder andere Einnahmen wächst der Druck, Beiträge anzuheben, Leistungen zu begrenzen oder Eigenanteile stärker auf Pflegebedürftige zu verlagern.
Für die Versicherten droht eine doppelte Zumutung: höhere Beiträge bei steigenden privaten Pflegekosten.
Keine zusätzliche Belastung pflegender Angehöriger
Millionen Menschen versorgen ihre Angehörigen zu Hause. Viele reduzieren dafür ihre Arbeitszeit, beziehen weniger Gehalt und riskieren auch noch Lücken in ihrer Altersvorsorge. Die Rentenbeiträge bilden für Angehörige, die pflegen, einen elementaren sozialen Ausgleich.
Eine Reform darf nicht auf Kosten der Pflegebedürftigen und der Pflegenden gehen. Entscheidend ist die Finanzierung. Zahlt nämlich der Bund die Beiträge aus Steuermitteln, bleiben die Rentenansprüche der Pflegenden erhalten, und die Pflegeversicherung wird trotzdem finanziell entlastet.
Pflegebedürftige und ihre Angehörigen sollten bereits jetzt prüfen, ob sie alle vorhandenen Leistungen ausschöpfen. Dazu gehören Pflegegeld, Pflegesachleistungen, Entlastungsbetrag, Verhinderungspflege, Kurzzeitpflege, Pflegehilfsmittel und Zuschüsse für den Wohnungsumbau.
FAQ zur Finanzkrise der Pflegeversicherung
Werden die Beiträge zur Pflegeversicherung erneut steigen?
Eine Beitragserhöhung ist möglich, wenn die Politik das erwartete Defizit nicht durch Bundesmittel oder andere Finanzierungsmaßnahmen ausgleicht. Eine konkrete Erhöhung steht nach den vorliegenden Angaben jedoch noch nicht fest.
Können Leistungen der Pflegeversicherung gekürzt werden?
Aktuell ist keine konkrete Leistungskürzung beschlossen. Der wachsende Finanzdruck erhöht jedoch das Risiko, dass künftige Reformen Leistungen begrenzen, langsamer anpassen oder stärker auf Eigenbeteiligungen setzen.
Was können Pflegebedürftige jetzt tun?
Betroffene sollten ihren Pflegegrad und ihre Leistungsansprüche regelmäßig prüfen. Pflegeberatungsstellen und Pflegestützpunkte unterstützen kostenlos bei Anträgen und bei der Zusammenstellung geeigneter Hilfen.
Quellen
BKK Dachverband: Stellungnahme von Vorständin Anne-Kathrin Klemm zur Verschiebung der Pflegereform




