Die Politik diskutiert in Deutschland über steigende Rentenbeiträge, ein höheres Rentenalter und wachsende Bundeszuschüsse. Trotzdem fällt die Absicherung im Alter im internationalen Vergleich vergleichsweise niedrig aus.
Nach Berechnungen der OECD erreicht ein Durchschnittsverdiener mit vollständiger Erwerbsbiografie in Deutschland eine Nettoersatzrate von 53,3 Prozent. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 63,2 Prozent. Frankreich kommt auf 70 Prozent, Italien sogar auf 79 Prozent.
Noch größer ist der Abstand bei Menschen mit niedrigen Einkommen. Der Vergleich zeigt, dass Geringverdiener in Deutschland besondere Gefahr laufen, in Altersarmut zu geraten.
Was die 53 Prozent bei der deutschen Rente bedeuten
Die Nettoersatzrate beschreibt, welcher Anteil des früheren Nettoeinkommens im Ruhestand durch verpflichtende Alterssicherungssysteme ersetzt wird.
Das deutsche Rentenniveau von 48 Prozent setzt allerdings eine Standardrente ins Verhältnis zum Durchschnittsverdienst. Die OECD betrachtet dagegen modellhaft das Nettoalterseinkommen eines Beschäftigten im Verhältnis zu seinem früheren Nettoverdienst.
Für Deutschland ergibt sich für einen Durchschnittsverdiener eine Nettoersatzrate von 53,3 Prozent. Im Durchschnitt der OECD-Staaten sind es 63,2 Prozent.
Die Zahl bedeutet jetzt nicht, dass jemand mit 2.500 Euro Nettolohn automatisch exakt 53,3 Prozent davon als gesetzliche Rente ausgezahlt bekommt. Es handelt sich um einen internationale Vergleich und nicht um eine individuelle Rechnung.
Frankreich erreicht 70 Prozent, Italien 79 Prozent
Der Abstand zu einigen europäischen Nachbarn ist erheblich. Nach den OECD-Berechnungen erreicht Frankreich bei einem Durchschnittsverdiener eine Nettoersatzrate von 70 Prozent. Italien kommt auf 79 Prozent. Noch höhere Werte verzeichnet die OECD beispielsweise für Österreich und Spanien.
Die Höhe der Alterseinkommen hängt also nicht allein von der wirtschaftlichen Stärke eines Landes ab. Entscheidend ist auch, wie das jeweilige Rentensystem finanziert wird und welche Leistungen politisch vorgesehen sind.
Warum andere Länder höhere Renten finanzieren
Ein wichtiger Unterschied liegt bei den Beiträgen. In Deutschland beträgt der Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung 18,6 Prozent. Arbeitnehmer und Arbeitgeber tragen jeweils die Hälfte.
Andere Länder verlangen teilweise deutlich höhere Beiträge für die Alterssicherung. Arbeitgeber müssen in einigen europäischen Staaten deutlich höhere Anteile zahlen. Hinzu kommen unterschiedliche Steuerzuschüsse und ergänzende Sicherungssysteme.
Höhere Renten werden durch Beiträge, Steuern oder andere Finanzierungsquellen getragen. Deutschland hält den Beitragssatz vergleichsweise niedrig. Das begrenzt die Belastung von Arbeitnehmern und Arbeitgebern, trägt aber gleichzeitig dazu bei, dass die Leistungen im internationalen Vergleich geringer ausfallen.
Wer wenig verdient, bekommt noch weniger Rente
Überdeutlich zeigt sich die Schwäche des deutschen Systems bei niedrigen Einkommen. Für Beschäftigte mit der Hälfte des Durchschnittsverdienstes weist die OECD für Deutschland eine Nettoersatzrate von 57,7 Prozent aus. Der OECD-Durchschnitt liegt dagegen bei 75,4 Prozent.
Damit fällt Deutschland ausgerechnet bei Menschen zurück, die während ihres Berufslebens besonders wenig Möglichkeiten haben, zusätzlich privat für das Alter vorzusorgen.
Wer jahrzehntelang nur ein niedriges Einkommen erzielt, sammelt entsprechend wenige Entgeltpunkte. Die spätere gesetzliche Rente kann deshalb trotz langer Erwerbsbiografie niedrig bleiben.
Reicht das gesamte Einkommen im Ruhestand nicht zum notwendigen Lebensunterhalt, kann ergänzend Grundsicherung im Alter notwendig werden.
Warum niedrige Löhne zu niedrigen Renten führen
Das deutsche Rentensystem orientiert sich stark an den während des Berufslebens gezahlten Beiträgen. Wer ungefähr den Durchschnittsverdienst erzielt, erhält für ein Beitragsjahr grundsätzlich einen Entgeltpunkt. Wer nur die Hälfte verdient, erhält entsprechend ungefähr einen halben Entgeltpunkt.
Dieses Prinzip setzt sich über das gesamte Erwerbsleben fort. Niedrige Löhne führen deshalb unmittelbar zu niedrigen Rentenanwartschaften. Zwar bestehen Ausgleichsmechanismen, etwa für Kindererziehungszeiten oder durch den Grundrentenzuschlag. Eine allgemeine gesetzliche Mindestrente, die unabhängig vom früheren Einkommen einen bestimmten Betrag garantiert, gibt es jedoch nicht.
Andere Staaten gleichen niedrige Erwerbseinkommen stärker über Grund- oder Mindestrenten aus.
Andere Länder schützen kleine Einkommen stärker
In mehreren Staaten besteht die Altersvorsorge aus einer Kombination verschiedener Sicherungssysteme. Dänemark setzt beispielsweise stärker auf eine steuerfinanzierte Grundversorgung. Auch andere Länder verbinden beitragsabhängige Renten mit Mindestsicherungselementen oder verpflichtenden Zusatzsystemen.
Dadurch wird das frühere Arbeitseinkommen nicht immer so direkt in das Alter übertragen wie in Deutschland. Das deutsche System bildet dagegen Einkommensunterschiede aus dem Berufsleben stark in den späteren Rentenansprüchen ab. Wer lange wenig verdient, erhält deshalb auch wenig im Ruhestand.
Demografischer Wandel erhöht den Druck auf die Rente
Gleichzeitig verschärft die Alterung der Bevölkerung das Finanzierungsproblem. Nach Angaben der OECD kamen im Jahr 2000 durchschnittlich 22 Menschen ab 65 Jahren auf 100 Personen im Alter von 20 bis 64 Jahren. Im Jahr 2025 waren es bereits 33.
Bis 2050 könnten es im OECD-Durchschnitt 52 ältere Menschen je 100 Personen im erwerbsfähigen Alter sein. In Deutschland verschärft der Renteneintritt der geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge diese Entwicklung zusätzlich.
Weniger Beitragszahler müssen damit die Renten einer wachsenden Zahl älterer Menschen finanzieren.
Höheres Rentenalter soll das System entlasten
Eine Antwort auf diese Entwicklung ist das steigende Rentenalter. In Deutschland wird die Regelaltersgrenze bereits schrittweise angehoben. Für Versicherte ab dem Geburtsjahrgang 1964 liegt sie nach geltendem Recht bei 67 Jahren.
Wer länger arbeitet, zahlt länger Beiträge und bezieht seine Rente im Durchschnitt für einen kürzeren Zeitraum. Aus finanzieller Sicht kann eine höhere Altersgrenze die Rentenversicherung deshalb entlasten.
Allerdings trifft diese Strategie nicht alle Beschäftigten gleichermaßen. Wer jahrzehntelang körperlich schwere Arbeit geleistet hat, kann häufig nicht ohne Weiteres bis 67 oder darüber hinaus arbeiten. Beschäftigte in Pflege, Handwerk, Logistik oder Reinigung sind von einem höheren Rentenalter deshalb oft stärker betroffen als Menschen in weniger belastenden Berufen.
Betriebsrenten können die gesetzliche Rente ergänzen
Ein weiterer Ansatz ist der Ausbau der betrieblichen Altersvorsorge. Zusätzliche Leistungen über den Arbeitgeber können dazu beitragen, die Lücke zwischen Erwerbseinkommen und gesetzlicher Rente zu verkleinern.
Nicht jeder Beschäftigte verfügt aber über eine Betriebsrente. Gerade Arbeitnehmer mit niedrigen Einkommen haben zudem weniger finanziellen Spielraum, um Teile ihres Lohns zusätzlich für das Alter zurückzulegen.
Eine stärkere betriebliche Altersvorsorge kann die gesetzliche Rente deshalb ergänzen, ersetzt aber nicht die Frage, wie ausreichend hohe gesetzliche Renten finanziert werden sollen.
Höhere Renten sind eine Frage der Finanzierung
Der OECD-Vergleich zeigt, dass eine Nettoersatzrate von rund 53 Prozent keine zwangsläufige Folge der Bevölkerungsentwicklung und des steigenden Lebensalters ist. Vergleichbare europäische Länder erreichen deutlich höhere Werte. Dafür erheben diese jedoch teilweise höhere Beiträge, nehmen Arbeitgeber stärker in die Verantwortung oder setzen mehr Steuermittel ein.
Gerade bei Geringverdienern zeigt der internationale Vergleich erhebliche Lücken hierzulande. Während Deutschland bei niedrigen Einkommen auf 57,7 Prozent kommt, liegt der OECD-Durchschnitt bei 75,4 Prozent.
FAQ zur deutschen Rente im OECD-Vergleich
Bedeutet die Nettoersatzrate von 53,3 Prozent, dass jeder Rentner nur gut die Hälfte seines Nettogehalts erhält?
Nein. Die 53,3 Prozent sind eine OECD-Modellrechnung für einen Durchschnittsverdiener mit vollständiger Erwerbsbiografie. Die persönliche Rentenhöhe hängt unter anderem vom individuellen Verdienst, den Versicherungszeiten und weiteren Rentenansprüchen ab.
Warum zahlen Frankreich und Italien im Vergleich höhere Renten?
In mehreren Ländern liegen die Beiträge höher, Arbeitgeber werden stärker beteiligt oder der Staat bringt mehr Steuermittel ein. Teilweise spielen außerdem zusätzliche verpflichtende Alterssicherungssysteme eine größere Rolle.
Warum sind Geringverdiener in Deutschland besonders betroffen?
Wer dauerhaft wenig verdient, sammelt weniger Entgeltpunkte. Dadurch bleibt die spätere Rente trotz langer Beschäftigungszeiten häufig niedrig.
Quellen
OECD: Pensions at a Glance 2025, internationale Vergleichsdaten zu Nettoersatzraten, Altersstruktur und Rentensystemen.
Deutsche Rentenversicherung: Angaben zum Beitragssatz, zur Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung und zum Entgeltpunktesystem.
Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Angaben zur Regelaltersgrenze und zur schrittweisen Anhebung des Renteneintrittsalters.




