Bestimmte Politiker und Medien stellen Menschen, die Grundsicherungsgeld beziehen müssen als diejenigen dar, die auf Steuerkosten besonders teuer wohnen.
Dabei sind Leistungsbezieher Leidtragende bei Wuchermieten. Nicht sie profitieren, sondern die Vermieter stecken sich den Profit in die Taschen.
Nicht Leistungsbezieher kassieren – sondern Vermieter
Milliarden Euro gibt der Staat für die Unterkunft von Menschen in der Grundsicherung aus. Die politischen Debatte suggeriert, Grundsicherungsbezieher würden besonders teuer und gut wohnen.
Das ARD-Magazin Monitor zeigt ein gänzlich anderes Bild: Von drastisch überhöhten Mieten profitieren ausschließlich die Vermieter.
Kosten für Unterkunft und Heizung
Die Kosten für Unterkunft und Heizung dienen als Argument, angeblich zu hohe Sozialausgaben zu beklagen. Dabei blenden Politiker immer wieder aus, an wen das Geld tatsächlich fließt. Eine hohe Miete bedeutet nicht mehr Geld für einen Menschen im Leistungsbezug, sondern höhere Einnahmen für Vermieter.
Die Politik subventioniert Vermieter
Eine Recherche des ARD-Magazins Monitor unter dem Titel „Bürgergeld & Mieten: Wer kassiert die Milliarden vom Staat?“ zeigt, wie stark die Unterkunftskosten gestiegen sind und warum der Blick auf die Leistungsempfänger als vermeintliche Kostentreiber zu kurz greift.
Unterkunftskosten steigen um Milliarden
Nach den von Monitor genannten Zahlen stiegen die bundesweiten Ausgaben für die Kosten der Unterkunft von Bürgergeldbeziehern von 14,7 Milliarden Euro im Jahr 2021 auf 17,7 Milliarden Euro im Jahr 2025.
Die Zahl der unterstützten Menschen hat sich jedoch laut Monitor kaum verändert. Die steigenden Gesamtausgaben lassen sich nicht damit erklären, dass plötzlich mehr Menschen Grundsicherung beziehen. Ein wesentlicher Faktor sind vielmehr steigende Mieten.
Das Geld bekommen nicht die Leistungsbezieher
Monitor greift unter anderem eine Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz auf, wonach in Großstädten teilweise bis zu 20 Euro pro Quadratmeter übernommen würden und bei 100 Quadratmetern rechnerisch 2.000 Euro Miete zusammenkommen könnten.
Von einer Mietzahlung, egal in welcher Höhe, hat der Leistungsbezieher jedoch keinen zusätzlichen finanziellen Vorteil. Steigt die Miete, erhöhen sich die Mietforderungen des Vermieters und gleichzeitig das Risiko für den Leistungsberechtigten, dass das Jobcenter die Kosten irgendwann nicht mehr vollständig übernimmt.
Jobcenter-Mieten steigen laut Monitor besonders stark
Monitor zufolge sind die Preise bestehender und neuer Mietverhältnisse in Deutschland zwischen 2012 und 2025 um ungefähr 41 Prozent gestiegen.Die Mieten von Haushalten, bei denen das Jobcenter zahlt, seien im selben Zeitraum dagegen um 61 Prozent gestiegen. Damit liegt die Steigerung um 20 Prozentpunkte höher.
Der Ökonom Max Krahé erklärt in Monitor: Für Vermieter ist es verlockend, die Miete möglichst weit anzuheben, wenn der Staat die Kosten übernimmt. Die entscheidende Frage lautet also, warum Vermieter bei Sozialleistungen außerordentlich hohe Mieten durchsetzen können.
Steigende Mietspiegel treiben auch die Jobcenter-Kosten
Jobcenter übernehmen Unterkunftskosten innerhalb sogenannte Angemessenheitsgrenzen. Diese Grenzen orientieren sich an den örtlichen Mieten. Steigen die Vergleichsmieten, können auch die Obergrenzen für angemessene Unterkunftskosten steigen.
Monitor nennt hierzu deutliche Zahlen. Anfang 2015 seien im Bundesdurchschnitt 5,48 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter anerkannt worden. Elf Jahre später seien es bereits 8,46 Euro gewesen.
Steigende Mieten beeinflussen die Vergleichswerte, höhere Vergleichswerte ermöglichen wiederum neue Mieterhöhungen und gleichzeitig können auch die staatlich anerkannten Unterkunftskosten weiter steigen.
Große Wohnungskonzerne beeinflussen den Mietmarkt
Die Wohnungsmarktforscherin Lisa Vollmer sieht laut Monitor große Wohnungskonzerne in der Verantwortung. Diese könnten den Mietmarkt und damit auch den Mietspiegel beeinflussen.
Vollmer zufolge treiben systematische Verstöße gegen das Mietrecht Mieten nach oben treiben. Große Wohnungskonzerne hätten aufgrund ihrer Marktmacht einen erheblichen Einfluss auf die Preisentwicklung.
Monitor untersucht den Immobilienkonzern Vonovia. 2025 wollte das Unternehmen zahlreiche Mieterhöhungen unter anderem mit der guten Verkehrsanbindung und nahegelegenen Einkaufsmöglichkeiten begründen.
Das Berliner Landgericht hielt diese Begründung nicht für zulässig, weil entsprechende Merkmale bereits im Mietspiegel berücksichtigt gewesen seien.
Auch unberechtigte Mieterhöhungen können Folgen haben
Sebastian Bartels vom Berliner Mieterverein schätzt gegenüber Monitor, dass in Berlin mindestens 5.000 bis 10.000 Mietern entsprechende Merkmale im Zusammenhang mit Mieterhöhungsverlangen präsentiert worden seien. Viele Mieter hätten den Erhöhungen vermutlich zugestimmt.
Monitor beschreibt einen gefährlichen Mechanismus. Unberechtigte Mietsteigerungen können den Mietspiegel nach oben treiben. Ist der Mietspiegel dann gestiegen, nutzen andere Vermieter ihn wiederum als “legtime” Grundlage für neue Mieterhöhungen.
Für Leistungsbezieher ist dieser Effekt besonders problematisch, weil auch die Angemessenheitsgrenzen der Jobcenter von der allgemeinen Mietentwicklung abhängen. Am Ende steigen dadurch die staatlichen Ausgaben.
Die Betroffenen können eine solche Kostenexplosion nicht im geringsten beeinflussen. Trotzdem stellt die Politik Leistungsberechtigte an den Pranger, obwohl sie die Opfer sind:
Denn die Betroffenen erwarten harte Kostensenkungsverfahren der Jobcenter: Bestenfalls müssen sie untervermieten, oder Sie müssen umziehen, und das auf einem äußerst angespannten Wohnungsmarkt.
Frankfurter Wohnungsamt berichtet von Mieten über der Wuchergrenze
Daniela Hirchenhain vom Frankfurter Wohnungsamt berichtet, es gebe regelmäßig eine Vielzahl überhöhter Mieten. Ein großer Teil davon liege sogar mehr als 50 Prozent über der Vergleichsmiete und damit über der Wuchergrenze. Der Staat subventioniere ihr zufolge auf diese Weise Vermieter.
Beispiel Berlin: Miete steigt, Leistungsbezieherin droht Wohnungsverlust
Monitor begleitet in Berlin eine Frau, die seit mehr als 30 Jahren in derselben Wohnung lebt, ursprünglich eine Sozialwohnung und inzwischen im Bestand von Vonovia.
Die Frau erhielt in weniger als zwei Jahren zwei Mieterhöhungen. Die monatlichen Gesamtkosten sollten schließlich auf 1.026,68 Euro steigen, was einer Erhöhung von rund zwölf Prozent in weniger als zwei Jahren entspricht.
Am Ende der Monitor-Recherche will das Jobcenter nicht mehr sämtliche Wohnkosten übernehmen. Eine günstigere Wohnung in Berlin zu finden, erscheint für die Betroffene kaum möglich.
Mönchengladbach: 24 Prozent mehr Kaltmiete
Ein ähnliches Bild zeigt Monitor in Mönchengladbach. Dort lebt ein Mann, dessen Kaltmiete seit seinem Einzug fünf Jahre zuvor um ungefähr 24 Prozent gestiegen sei. Die Bruttokaltmiete liege inzwischen bei fast 15 Euro pro Quadratmeter, wobei die Heizkosten noch zusätzlich anfallen.
Der Balkon sei gesperrt und der Aufzug habe über Monate nicht funktioniert. Eine hohe Miete sagt demzufolge wenig darüber aus, in welchem Zustand sich eine Wohnung befindet.
Am Ende übernimmt das Jobcenter die Kosten auch in diesem Fall nicht mehr vollständig. Der Betroffene steht deshalb vor einem Umzug und muss eine andere Wohnung finden.
Hohe Unterkunftskosten sind keine hohen Sozialleistungen
Wer die Unterkunftskosten senken will, kann nicht hauptsächlich bei den Mietern ansetzen. Übernommene Kosten zu senken, senkt nicht die verlangte Miete. Stattdessen bleibt die Differenz beim Leistungsbezieher hängen.
Kann dieser die zusätzlichen Kosten nicht tragen, droht Wohnungssuche oder Wohnungslosigkeit.
Bundesregierung wälzt Verantwortung auf die Leidtragenden ab
Nach Darstellung von Monitor setzt die Bundesregierung darauf, dass Jobcenter Höchstmieten pro Quadratmeter festlegen. Gleichzeitig sollen Leistungsbezieher schneller reagieren, wenn ihre Unterkunft als zu teuer eingestuft wird. Betroffene sollen gegebenenfalls schneller umziehen und sich stärker selbst gegen überhöhte Mieten wehren.
Joachim Rock vom Paritätischen Wohlfahrtsverband zufolge wird so die zusätzliche Verantwortung auf die Mieter verlagert, obwohl diese Mietpreise kaum beeinflussen könnten.
Menschen mit sehr geringen Einkommen könnten schließlich nicht frei entscheiden, einfach umzuziehen. Gerade auf angespannten Wohnungsmärkten fehlen günstige Alternativen häufig vollständig.
Nicht die Leistungsbezieher sind die Gewinner hoher Mieten
Der wirtschaftliche Nutznießer einer besonders hohen Miete ist der Vermieter. Höhere Mietforderungen führen zu höheren Mieteinnahmen. Für die Betroffenen haben steigende Mieten dagegen ganz konkrete negative Folgen.
Auf angespannten Wohnungsmärkten bedroht dies ihre Existenz. Menschen im Leistungsbezug können ihre Wohnung verlieren, obwohl sie selbst keinerlei Einfluss auf die Mietsteigerungen haben.
Wer über steigende staatliche Unterkunftskosten spricht, sollte also fragen, wer von den steigenden Mieten profitiert. Milliarden staatlicher Gelder fließen an Vermieter und Wohnungskonzerne.
FAQ: Bürgergeld, Grundsicherung und hohe Mieten
Wer profitiert finanziell von hohen Mieten beim Bürgergeld?
Nicht die Leistungsbezieher, sondern die Vermieter. Die Kosten der Unterkunft stehen den Betroffenen nicht als frei verfügbares Einkommen zur Verfügung, sondern werden benötigt, um die Miete zu bezahlen.
Steigen die Mieten von Haushalten im Leistungsbezug besonders stark?
Nach der von Monitor dargestellten Auswertung ist das der Fall. Zwischen 2012 und 2025 seien die Mieten bei neuen und bestehenden Mietverhältnissen in Deutschland um etwa 41 Prozent gestiegen, während die Mieten von Haushalten, bei denen das Jobcenter zahlt, im gleichen Zeitraum um rund 61 Prozent gestiegen seien.
Was passiert, wenn das Jobcenter die Miete für zu hoch hält?
Das Jobcenter kann Betroffene auffordern, ihre Unterkunftskosten zu senken. Wird die Miete nicht mehr vollständig übernommen, müssen Leistungsbezieher möglicherweise einen Teil selbst bezahlen oder eine günstigere Wohnung suchen.
Quellen
ARD / WDR, Monitor: „Bürgergeld & Mieten: Wer kassiert die Milliarden vom Staat?“, veröffentlicht am 27.07.2026. Autorinnen und Autoren der Recherche sind Luc Oeppert, Dina Dada und Lutz Polanz, Recherchestand ist der 13.07.2026.
Bartels, Sebastian / Berliner Mieterverein: Einschätzung gegenüber Monitor zu Mieterhöhungen, der Zustimmung von Mietern und möglichen Auswirkungen auf spätere Mietspiegel.
Hirchenhain, Daniela / Wohnungsamt Frankfurt am Main: Aussagen gegenüber Monitor zu überhöhten Mieten und Fällen, die nach ihrer Darstellung mehrheitlich oberhalb der Wuchergrenze von 50 Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen.
Krahé, Max / Dezernat Zukunft: Einordnung der überdurchschnittlichen Mietsteigerungen bei vom Jobcenter finanzierten Wohnungen und möglicher wirtschaftlicher Anreize für profitorientierte Vermieter, zitiert in der Monitor-Recherche.
Rock, Joachim / Paritätischer Wohlfahrtsverband: Kritik an der Verlagerung zusätzlicher Verantwortung für hohe Unterkunftskosten auf Grundsicherungsbezieher, zitiert von Monitor.
Vollmer, Lisa / Wohnungsmarktforscherin: Einordnung des Einflusses großer Wohnungskonzerne auf Mietmarkt und Mietspiegel sowie Kritik an Mietsteigerungspraktiken, zitiert von Monitor.




