Die geschickte Vermarktung des Thilo Sarrazin

Thilo Sarazin (SPD)

Thilo Sarrazin: Maßlose Kritik an Hartz-IV-Empfängern oder „Wie verkaufe ich mein Buch?“

(25.08.2010) Werbefachleute wissen es schon lange und auch der Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin (SPD) hat eines in seinem Leben mit Sicherheit gelernt: Provozierende Werbung hilft bei der Vermarktung! So scheut der ehemalige Berliner Finanzsenator momentan mal wieder kein noch so konfliktbehaftetes Themenfeld, um ordentlich die Werbetrommel für sein Ende August erscheinendes neues Buch "Deutschland schafft sich ab - Wie wir unser Land aufs Spiel setzen" zu rühren. Dass er dabei zahlreichen Leuten auf die Füße tritt und die Wellen der Entrüstung ordentlich hoch schlagen, kommt ihm nur entgegen. Auch der drohende Rausschmiss aus der SPD ist für ihn nur Reklame und solange er am Ende Mitglied bleibt, kann er mit der Kritik gut leben.

Am liebsten profiliert sich Sarrazin generell zu Lasten gesellschaftlicher Randgruppen, wie Hartz-IV-Empfängern, Muslimen oder Einwanderern, da ihm hier die Aufmerksamkeit gewiss ist, die er so dringend für die eigenen Vermarktung benötigt. Kein Wunder also, dass er bereits vor Erscheinen seines Buches zahlreiche Interviews in Funk und Fernsehen gibt und außerdem diverse Vorabdrucke in Magazinen und Tageszeitungen veröffentlichte, die alle möglichst provokant daher kommen.

So wollte sich Sarrazin im dritten Teil einer exklusiv für ihn eingerichteten Artikel-Serie der Bild eigentlich dem deutschen Bildungssystem widmen, schießt sich aber stattdessen auf die Empfänger von Transferleistungen ein. "Der Bezug von Transferleistungen für den Lebensunterhalt ist keineswegs mit Bildungsferne und Zugehörigkeit zur Unterschicht gleichzusetzen. Doch diese drei Größen haben erhebliche Schnittmengen", so der Bundesbank-Vorstand in dem „Bild“-Artikel. Doch damit nicht genug, denn Transfergeld-Empfänger bekämen nur deshalb überdurchschnittlich viele Kinder, weil sie damit ihr frei verfügbares Budget erhöhen können, unterstellt Sarrazin weiter. Daher gilt es nach seiner Ansicht „mit Blick auf die Zukunft (…) , das Transfersystem umzustellen: mehr Sachleistungen für die Kinder, weniger Geldleistungen für die Eltern". An dieser Stelle spricht er jedoch nur aus, was bei vielen Politikern schon in den Köpfen steckt: ein grundlegendes Misstrauen gegen Hartz-IV-Empfänger. Denn wie sonst ließen sich z. B. der Vorstoß zur Einführung der Chip-Karte für Kinder von ALG-II-Empfängern erklären?

Am Rande des Artikels fordert Sarrazin außerdem eine Reform des Bildungs- und Schulsystems, die z. B. die Einführung von Schuluniformen und den verpflichtenden Besuche einer Ganztagsschule vom ersten Schuljahr an umfassen soll, damit Kinder nur noch den Feierabend und das Wochenende zu Hause verbringen können. "Das ist die beste Methode, jenes Übermaß an Medienkonsum zu begrenzen, das für zusätzliche Benachteiligungen der Kinder aus bildungsfernen Schichten sorgt" erklärt Sarrazin seine Forderungen. Auch sollen die Eltern von Schulschwänzern "für jede unentschuldigte Fehlzeit mit empfindlichen Geldbußen" belegt werden wobei "diese mit den Transferzahlungen auch dann verrechnet (werden sollen), wenn dadurch das sozioökonomische Existenzminimum unterschritten wird", so Sarrazin.

Neben den ALG-II-Empfängern kriegen auch die Migranten von Sarrazin regelmäßig einen über gebraten. So betonte er kürzlich etwa im Deutschlandradio Kultur: "Für die Gesamtheit der muslimischen Einwanderung in Deutschland gilt die statistische Wahrheit: In der Summe haben sie uns sozial und auch finanziell wesentlich mehr gekostet, als sie uns wirtschaftlich gebracht haben." Außerdem dürfe nicht zugelassen werden, dass 40 Prozent der muslimischen Migranten von Transferleistungen leben und ihnen jede Form von Integration erspart bleibe, so Sarrazin weiter. Die Statistiken auf die sich Sarrazin beruft, legt er jedoch nicht offen und die Zahlen mit denen er hantiert wirken oft eher wie gefühlte Werte. Aber wie schon der ehemalige hessische Ministerpräsident Roland Koch einst so schön sagte: „Die Statistik ist für den Politiker das Selbe wie für den Betrunkenen die Straßenlaterne. Oft dient sie mehr der Aufrechterhaltung des eigenen Standpunktes als der wahren Erleuchtung!“ Zumindest stellenweise scheint dies auch bei Sarrazin der Fall zu sein.

Problematisch ist dabei, dass er sich generell gerne schwache gesellschaftliche Gruppierungen raus sucht und sie mit maßloser Kritik überzieht. Dies schürt in der Bevölkerung zusätzliche Antipathien gegen Randgruppen, die in unserer Gesellschaft einen ohnehin schon schweren Stand haben. Da es Sarrazin dabei ausschließlich um den Verkauf des eigenen Buches und nicht um die Anbringung von berechtigter gesellschaftlicher Kritik zur Verbesserung der Situation geht, ist sein Auftreten auch in den Augen der meisten Politiker völlig unangebracht. So legte ihm der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel jüngst erneut den Austritt aus der SPD nahe und aus allen politischen Lagern erfolgte massive Kritik, insbesondere in Bezug auf seine Äußerungen zu Migranten. Doch je mehr sich die Politik empört, umso häufiger wird Sarrazin zitiert und die Neugier in der Bevölkerung wächst – was dem Verkauf seines Buches sicher nicht schaden wird. Er muss sich jedoch die Frage gefallen lassen, ob in seinen Augen persönlicher Profit wirklich mehr wert ist, als der Schutz von Minderheiten und Schwachen in unserer Gesellschaft? (fp)

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