Riester-Reform 2027: Die Zulagen werden bei der Riesterrente komplett neu berechnet

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Die Riester-Rente gilt seit Jahren als Symbol für Bürokratie, hohe Kosten und enttäuschende Renditen. Nun liegt ein Reformpaket auf dem Tisch, das ab 2027 einen Neustart bringen soll: weniger Garantiezwang, mehr Kapitalmarkt, neue Zulagenlogik und ein leichterer Anbieterwechsel. Klingt nach Befreiung – ist aber nicht für alle automatisch besser.

Was die Regierung ab 2027 plant

Ab Januar 2027 soll die staatlich geförderte private Altersvorsorge günstiger, transparenter und renditestärker werden. Herzstück ist ein neues Altersvorsorgedepot, mit dem Sie Ihr Geld direkt in Fonds oder ETFs anlegen können – ohne die bisherige Beitragsgarantie, die Rendite oft ausbremst.

Hochspekulative Anlagen sollen ausgeschlossen bleiben, und in der Ansparphase sollen Kapitalerträge nicht besteuert werden.

Das neue Altersvorsorgedepot – Renditechance statt Garantiefessel

Das Depot-Modell setzt darauf, dass langfristiges Sparen am Kapitalmarkt im Schnitt besser wächst als garantierte Produkte mit hohen Sicherheitskosten. Genau deshalb verzichtet das Depot auf die Einzahlungs-Garantie, die bei Riester viele Anbieter zu teuren, renditeschwachen Konstruktionen gezwungen hat.

Wer Sicherheit will, soll weiterhin Produkte mit Garantien wählen können, künftig auch mit einer niedrigeren Garantie, etwa 80 Prozent der Einzahlungen statt 100 Prozent.

Standarddepot: Für alle, die keine Finanzprodukte vergleichen wollen

Wer sich nicht selbst durch ETF-Auswahl und Fondslisten kämpfen will, soll ein Standarddepot nutzen können. Der Staat will hier Leitplanken setzen, damit es nicht wieder an Kosten scheitert: Die „Effektivkosten“ sollen gedeckelt werden und dürfen die durchschnittliche Rendite über die Laufzeit nur begrenzt drücken. In den Plänen steht dafür eine Obergrenze von 1,5 Prozent.

Zulagen werden komplett neu berechnet

Das alte System mit einkommensabhängigem Mindesteigenbeitrag soll verschwinden. Stattdessen soll künftig jeder eingezahlte Euro eine direkte Förderung auslösen – bis zu klaren Grenzen. Das macht die Förderung verständlicher, kann aber für bestimmte Gruppen das bisherige „Zulagen-Wunder“ beenden.

So soll die Förderung künftig funktionieren

Bis zu einem Eigenbeitrag von 1.200 Euro im Jahr sollen Sie pro eingezahltem Euro 30 Cent Grundzulage erhalten, ab 2029 sollen es 35 Cent sein. Für Einzahlungen zwischen 1.201 und 1.800 Euro soll es 20 Cent je Euro geben, sodass die maximale Grundzulage zunächst bei 480 Euro im Jahr liegt. Für Kinder ist eine zusätzliche Zulage geplant, die ebenfalls proportional zum Beitrag wirkt und pro Kind bis zu 300 Euro erreichen kann.

Die neue Obergrenze: Mehr als 1.800 Euro bringt keine zusätzliche Förderung

Die Förderung soll sich auf maximal 1.800 Euro Eigenbeitrag pro Jahr beziehen. Sie können zwar mehr einzahlen, aber der Staat fördert darüber hinaus nicht weiter. Das ist wichtig, weil manche Sparer heute deutlich höhere Beiträge leisten, um das Produkt „zu retten“.

Auszahlung: Weniger Verrentungszwang, mehr Gestaltung

In der Auszahlphase soll es künftig flexibler werden. Neben der lebenslangen Rente soll ein Auszahlplan möglich sein, der mindestens bis zum 85. Lebensjahr reicht. Das zielt direkt auf einen der teuersten Punkte vieler Riester-Verträge: die Pflicht, Restkapital später in eine teure Verrentung zu zwingen.

Anbieterwechsel: Endlich raus aus der Vertragsfalle

Ein Wechsel soll künftig deutlich leichter werden. Geplant ist, dass Anbieter nach fünf Jahren Laufzeit einen Wechsel kostenfrei ermöglichen müssen, und auch zu Beginn der Auszahlphase soll ein Wechsel möglich sein. Das ist ein Bruch mit der bisherigen Realität, in der viele Verträge praktisch „eingemauert“ waren.

Bestandsschutz: Wer vor 2027 abgeschlossen hat, kann im alten System bleiben

Wenn Sie bereits einen Riester-Vertrag haben, zwingt Sie niemand automatisch in das neue System. Für vor dem 1. Januar 2027 abgeschlossene Verträge soll Bestandsschutz gelten, also Weiterführung mit den bisherigen Regeln.

Gleichzeitig soll ein Systemwechsel möglich werden, bei dem Sie in die neue Förderung wechseln oder sogar in ein neues Produkt umziehen können – je nach Modell auch mit gesetzlich begrenzten Wechsel- und Abschlusskosten.

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Der Haken: Nicht für alle wird es besser

Die Reform bringt nicht nur Vorteile. In den Plänen steht, dass das frühestmögliche Rentenbeginndatum in diesem System von 62 auf 65 Jahre steigen kann, und auch der Mindestbeitrag für eine Förderung soll anziehen.

Außerdem verliert das neue System für manche Familien den extremen Förderhebel, der bisher möglich war, wenn viele Kinder auf einen sehr kleinen Eigenbeitrag trafen.

Wer besonders aufpassen muss: Niedriges Einkommen und mehrere Kinder

Gerade Eltern mit geringem Einkommen konnten im alten System mit minimalen Einzahlungen sehr hohe Zulagenquoten erreichen. Wenn künftig jeder Euro nur noch proportional gefördert wird, kann diese Förderquote deutlich sinken.

Für solche Haushalte kann es sinnvoll sein, am alten Vertrag festzuhalten oder – wenn noch keiner existiert – vor 2027 gezielt zu prüfen, ob ein Abschluss nach altem Recht überhaupt noch vorteilhaft ist.

Entscheidungshilfe: Alt behalten, neu abwarten oder jetzt handeln

Viele werden 2026 in eine Warteschleife geraten, weil neue Produkte erst 2027 kommen sollen. Wer das Sparen komplett stoppt, verliert jedoch Jahre – und genau die Jahre zählen bei Altersvorsorge am meisten. Wenn Sie bereits einen Vertrag haben, kann „weiterlaufen lassen und später vergleichen“ die vernünftigste Zwischenlösung sein, weil Sie sich damit keine Tür zuschlagen und später immer noch wechseln können.

Kurzer Überblick: Altes Riester vs. neue Vorsorge ab 2027

Punkt Bis Ende 2026 Ab 2027 geplant
Produktkern oft Garantieprodukte, häufig teuer Altersvorsorgedepot mit Fonds/ETF möglich
Förderung komplizierte Mindesteigenbeiträge Förderung pro eingezahltem Euro
Kosten stark abhängig vom Produkt Standarddepot mit Kostenbegrenzung geplant
Wechsel oft praktisch kaum möglich Wechselrechte sollen deutlich verbessert werden
Auszahlung Verrentung oft teuer und starr mehr Auszahlplan-Optionen geplant

 

FAQ: Die fünf wichtigsten Fragen zur Riester-Reform

Muss ich jetzt etwas tun, wenn ich schon einen Riester-Vertrag habe?
Meist nicht, denn Bestandsschutz soll den Vertrag nach den alten Regeln weiterlaufen lassen. Sinnvoll ist, dass Sie 2026 Ihre Kosten und Ihre Rendite nüchtern prüfen, damit Sie 2027 schnell entscheiden können, ob ein Wechsel lohnt.

Wird Riester 2027 besser?
Für viele ja, weil Depotlösungen ohne Garantiefessel meist mehr Renditechance bieten. Für Haushalte mit sehr hoher Zulagenquote im alten System kann das neue Modell aber unterm Strich schlechter ausfallen.

Was ist dieses Altersvorsorgedepot konkret?
Es ist eine geförderte Vorsorgeform, die Fonds und ETFs zulässt und auf Beitragsgarantien verzichten kann. Das soll Kosten senken und die Rendite über lange Laufzeiten verbessern, verlangt aber, dass Sie Kursschwankungen aushalten.

Wie hoch ist die Förderung künftig maximal?
Die Grundzulage soll pro Euro Einzahlung bis 1.200 Euro bei 30 Cent liegen und ab 2029 bei 35 Cent, darüber hinaus bis 1.800 Euro bei 20 Cent. Daraus ergibt sich eine maximale Grundzulage von zunächst 480 Euro im Jahr.

Sollte ich 2026 noch einen Riester-Vertrag abschließen?
Das hängt stark von Ihrer Situation ab. Wenn Sie extrem zulagenstark sind, kann das alte System bis Ende 2026 noch attraktiv sein, während andere besser fahren, wenn sie auf 2027 warten und in der Zwischenzeit anderweitig konsequent fürs Alter sparen.

Fazit: Die Reform kann Vorteile bringen: aber nur, wenn Sie Ihre Situation kennen

Das neue System wirkt wie ein überfälliger Befreiungsschlag: mehr Kapitalmarkt, weniger Garantiekosten, bessere Wechselrechte und eine Förderung, die endlich verständlicher wird. Gleichzeitig trifft die Reform nicht alle gleich, weil eine proportionalere Förderung extreme Zulagenquoten abschneidet und neue Mindestanforderungen entstehen können.

Wenn Sie jetzt handeln wollen, sollten Sie nicht „Riester ja oder nein“ entscheiden, sondern: Welche Variante bringt Ihnen unter Ihren Einkünften, Kindern und Verträgen real den größten Vorteil.