Nach ZDF-Bürgergeld-Doku: Jobcenter-Mitarbeiter nach Kritik gekündigt

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Nach einem Auftritt in einer ZDF-Dokumentation über das Bürgergeld steht ein langjähriger Mitarbeiter des Jobcenters Bremen selbst ohne Arbeit da. Betroffen ist Fred Göcken, der nach Angaben mehrerer Medien seit 2005 im Bremer Jobcenter beschäftigt war. In der Sendung „Am Puls mit Sarah Tacke – System Bürgergeld: Leben ohne Leistung?“ sprach er offen über Probleme, die er im Umgang mit Bürgergeld, Anträgen und Arbeitsvermittlung sieht. Kurz darauf erhielt er die fristlose Kündigung.

Der Fall ist deshalb brisant, weil Göcken nicht als externer Kritiker auftrat, sondern als Beschäftigter einer Behörde, die täglich mit Bürgergeldempfängern arbeitet. Seine Aussagen trafen mitten in eine ohnehin aufgeheizte Debatte über Sozialleistungen, Missbrauch, Sanktionen und die Arbeitsweise der Jobcenter. Die Kündigung macht aus einer sozialpolitischen Kontroverse nun auch einen arbeitsrechtlichen Streit.

Wer ist der gekündigte Mitarbeiter?

Fred Göcken arbeitete nach den öffentlich bekannten Angaben seit rund zwei Jahrzehnten beim Jobcenter Bremen. In der ZDF-Berichterstattung wurde er als Mitarbeiter vorgestellt, der das Bürgergeld nicht grundsätzlich ablehnt.

Er sagte vielmehr, das Instrument sei sinnvoll, wenn Menschen krank seien, in Not gerieten oder vorübergehend Unterstützung brauchten.

Seine Kritik richtete sich nicht gegen Bedürftige insgesamt, sondern gegen aus seiner Sicht bestehende Fehlanreize und Kontrollprobleme.

Göcken stellte das System sozialer Absicherung nicht grundsätzlich infrage, sondern kritisierte, dass es nach seiner Wahrnehmung zu leicht ausgenutzt werden könne.

Was Göcken in der ZDF-Dokumentation sagte

In der Dokumentation äußerte Göcken mehrere scharfe Thesen. Nach Berichten über die Sendung sagte er sinngemäß, aus einem sinnvollen Hilfesystem werde ein ungerechtes System, wenn Probleme nicht offen angesprochen würden. Außerdem sprach er davon, dass viele Anträge aus seiner Sicht nicht der Wahrheit entsprächen.

Besonders folgenreich war offenbar seine Schätzung, wonach 30 bis 40 Prozent der Bürgergeldempfänger in ihren Anträgen falsche Angaben machten.

Diese Zahl nannte er nicht als offizielle Statistik, sondern als Einschätzung aus seiner beruflichen Erfahrung und aus Gesprächen mit Kollegen. Das Jobcenter Bremen wies später darauf hin, dass es für diese Größenordnung keine belastbaren Erkenntnisse gebe.

Eine weitere Aussage sorgte ebenfalls für Ärger. Göcken soll erklärt haben, das Jobcenter sei vor allem mit dem Ausgeben von Geld beschäftigt. Zudem entstand laut Kündigungsschreiben der Eindruck, die Behörde wolle ihrem gesetzlichen Auftrag, Menschen in Arbeit zu bringen, nicht ausreichend nachkommen.

Was die Behörde ihm vorwirft

Die Stadt Bremen soll Göcken in dem Kündigungsschreiben vorwerfen, die Behörde diffamiert zu haben. Laut Bericht beruft sich das Schreiben außerdem darauf, dass das Interview nicht genehmigt gewesen sei. Göcken habe eigenmächtig mit ZDF-Moderatorin Sarah Tacke gesprochen.

Der Arbeitgeber erkennt demnach zwar an, dass auch Beschäftigte des öffentlichen Dienstes Kritik äußern dürfen. Diese Kritik müsse aber sachlich und konstruktiv bleiben. Nach Einschätzung der Behörde seien Göckens Aussagen über diese Grenze hinausgegangen.

Besonders schwer wiegt aus Sicht des Arbeitgebers offenbar der mögliche Vertrauensverlust. Im Kündigungsschreiben soll sinngemäß stehen, durch die Aussagen sei das Vertrauensverhältnis zerstört. Damit begründet die Behörde offenbar, warum sie nicht nur eine Abmahnung oder ein Personalgespräch wählte, sondern die sofortige Trennung.

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Streitpunkt Einordnung
Öffentliches Interview Die Behörde wirft Göcken vor, ohne Genehmigung mit dem ZDF gesprochen zu haben.
Vorwurf der Diffamierung Die Stadt Bremen sieht die Aussagen offenbar nicht mehr als zulässige Sachkritik.
Schätzung zu falschen Angaben Göcken sprach von 30 bis 40 Prozent; das Jobcenter verweist darauf, dass es dafür keine belastbaren Daten gebe.
Fristlose Kündigung Der Arbeitgeber beruft sich laut Bericht auf ein zerstörtes Vertrauensverhältnis.

Warum gerade die Zahl 30 bis 40 Prozent so heikel ist

Göckens Aussage über angeblich falsche Angaben in 30 bis 40 Prozent der Fälle ist der empfindlichste Punkt des Streits. Eine solche Zahl kann in der öffentlichen Debatte schnell den Eindruck erwecken, Bürgergeldmissbrauch sei massenhaft verbreitet. Zugleich fehlt nach Angaben des Jobcenters eine offizielle Datengrundlage, die diese Schätzung bestätigt.

Für eine Behörde ist das ein Problem. Wenn ein eigener Mitarbeiter öffentlich eine hohe Missbrauchsquote nennt, kann dies das Vertrauen in die Verwaltung beschädigen. Es kann außerdem Bürgergeldempfänger unter pauschalen Verdacht stellen, auch wenn viele Menschen aus gesundheitlichen, familiären oder wirtschaftlichen Gründen auf Leistungen angewiesen sind.

Für Göcken dürfte dagegen entscheidend sein, dass er seine Aussage als Erfahrungswert verstand. Er sprach aus dem Blick eines Mitarbeiters, der seit vielen Jahren mit Anträgen, Vermittlung und Mitwirkungspflichten zu tun hat. Genau hier prallen zwei Perspektiven aufeinander: dienstliche Zurückhaltung auf der einen Seite, Erfahrungsbericht aus der Praxis auf der anderen Seite.

Konflikt zwischen Loyalität und öffentlicher Kritik

Beschäftigte im öffentlichen Dienst dürfen Missstände nicht beliebig nach außen tragen. Sie müssen Datenschutz, Dienstpflichten und die Interessen ihres Arbeitgebers beachten. Gleichzeitig sind sie nicht rechtlos, wenn sie politische oder fachliche Kritik äußern.

Ob Göckens fristlose Kündigung arbeitsrechtlich Bestand hat, dürfte deshalb von mehreren Fragen abhängen. Wurden interne Vorgaben verletzt? War eine Genehmigung für das Interview erforderlich? Waren die Aussagen noch von der Meinungsfreiheit gedeckt oder beschädigten sie den Arbeitgeber in unzulässiger Weise?

Hinzu kommt die Frage der Verhältnismäßigkeit. Eine fristlose Kündigung beendet das Arbeitsverhältnis sofort und ist im Arbeitsrecht ein besonders harter Schritt. Göcken hat angekündigt, juristisch gegen die Kündigung vorzugehen.

Das Jobcenter Bremen steht schon länger unter Beobachtung

Der Fall Göcken fällt in eine Phase, in der das Bremer Jobcenter auch unabhängig von der ZDF-Dokumentation kritisch betrachtet wurde. Die taz berichtete im März 2026 über Vorwürfe von Sozialberatungen, wonach Leistungsberechtigte teils lange auf Geld warten müssten, weil Unterlagen nachgefordert oder Dokumente verloren worden seien.

Das bedeutet nicht, dass diese Vorwürfe direkt mit Göckens Aussagen zusammenhängen. Sie zeigen aber, dass die Behörde in einem schwierigen Umfeld arbeitet. Auf der einen Seite stehen Menschen, die auf pünktliche Leistungen angewiesen sind. Auf der anderen Seite stehen Beschäftigte, die prüfen, beraten, vermitteln und Missbrauch verhindern sollen.

Gerade in einem solchen Umfeld können öffentliche Aussagen von Mitarbeitern besondere Wirkung entfalten. Sie können Missstände sichtbar machen. Sie können aber auch das Vertrauen in eine Behörde beschädigen, wenn sie pauschal wirken oder nicht belegt sind.

Besonders bemerkenswert ist die unmittelbare Folge für Göcken selbst. Nach der fristlosen Kündigung muss er sich nun arbeitsuchend melden. Laut Bericht hat er dafür drei Tage Zeit und müsste sich ausgerechnet an seinen früheren Arbeitgeber wenden.

Diese Pointe macht den Fall öffentlich so wirksam. Ein Mann, der jahrelang Bürgergeldempfänger betreute und das System kritisierte, gerät plötzlich selbst in die Lage, Leistungen oder Unterstützung beantragen zu müssen. Damit wird aus einer abstrakten Debatte über Verwaltung und Sozialstaat eine persönliche Geschichte.

Warum die ZDF-Doku so polarisiert

Die Bürgergeld-Debatte ist seit Monaten aufgeheizt. In der ZDF-Dokumentation wurden unter anderem Fälle gezeigt, in denen von Schwarzarbeit, fehlender Mitwirkung und langjährigem Leistungsbezug die Rede ist. Genau diese Auswahl sorgt für Kritik, weil sie nach Ansicht von Gegnern der Sendung ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit zeichnen könnte. 

Der Verein Sanktionsfrei reichte eine Programmbeschwerde ein und warf dem ZDF eine einseitige Darstellung vor. Kritisiert wurde unter anderem, dass drastische Einzelfälle stark im Vordergrund standen.