Pflegegrad: Mann muss 34.000 Euro für Reha selbst zahlen weil Rentenkasse sich weigert

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Das Landessozialgericht Sachsen-Anhalt (L 3 R 79/24) hat entschieden, dass die gesetzliche Rentenversicherung die Kosten einer neurologischen Frührehabilitation der Phase B regelmäßig nicht übernehmen muss.

Auch im Fall eines schwerst geschädigten Mannes mit voller Erwerbsminderung blieb die Rentenkasse deshalb nicht zur Erstattung von 34.020 Euro verpflichtet.

Inhaltsverzeichnis

Worum es in dem Verfahren ging

Im Streit stand die Frage, ob ein Rentenversicherungsträger die Kosten eines stationären Aufenthalts in einer spezialisierten Klinik übernehmen oder nachträglich erstatten muss. Der Kläger verlangte konkret 34.020 Euro für eine neurologische Frührehabilitation der Phase B.

Der Kläger erlitt eine schwere Hirnstammblutung

Der 1975 geborene Mann war zuvor als leitender Angestellter in Vollzeit tätig. Am 5. September 2020 erlitt er eine Hirnstammblutung mit Einbruch in den vierten Ventrikel und lag zunächst im Koma auf der Intensivstation.

Es folgte eine monatelange Behandlung

Nach der Akutversorgung wurde der Kläger in das Neurozentrum eines BG-Klinikums verlegt. Dort wurde er bis Mitte Juli 2021 im Rahmen einer neurologischen Frührehabilitation der Phase B stationär behandelt.

Die gesundheitlichen Folgen waren massiv

Seit seiner Entlassung wird der Mann zu Hause gepflegt. Nach der Aktenlage wurde bei ihm ein Grad der Behinderung von 100 mit den Merkzeichen G, aG, B und H festgestellt, außerdem bezieht er Pflegegeld und hat jedenfalls seit Oktober 2022 Pflegegrad 5.

Die Rentenversicherung erkannte volle Erwerbsminderung an

Die Beklagte stellte bei dem Kläger eine volle Erwerbsminderung fest. Seit dem 1. September 2021 erhält er deshalb eine Rente wegen voller Erwerbsminderung auf Dauer.

Streit entstand wegen eines weiteren Aufenthalts in einer Spezialklinik

Später ließ sich der Kläger vom 12. Oktober bis zum 23. November 2022 erneut in der Klinik B. behandeln. Für diese 42 Tage stellte die Einrichtung ihm 34.020 Euro in Rechnung, also 810 Euro pro Tag.

Der Mann bezahlte die Rechnung selbst

Nach seinen Angaben beglich der Kläger die Kosten aus privaten Mitteln. Anschließend verlangte er von der Deutschen Rentenversicherung die Erstattung dieses Betrags.

Die private Krankenversicherung lehnte die Kostenübernahme ab

Der Kläger war privat kranken- und pflegeversichert. Seine Versicherung teilte ihm mit, dass kein Versicherungsschutz für Kur-, Sanatoriums- und Rehabilitationsbehandlungen bestehe und verwies ihn auf die Rentenversicherung.

Daraufhin beantragte er eine medizinische Rehabilitation bei der Rentenkasse

Am 25. Oktober 2021 stellte der Kläger bei der Beklagten einen Antrag auf Leistungen zur medizinischen Rehabilitation. Er legte dazu zahlreiche Unterlagen über den Verlauf seiner Erkrankung und Behandlung vor.

Seine Hausärztin sah noch Rehabilitationspotenzial

Zur Unterstützung des Widerspruchs erklärte die behandelnde Allgemeinmedizinerin später, es bestehe noch ein erhebliches Rehabilitationspotenzial. Sie bat die Rentenversicherung ausdrücklich, ihre Entscheidung noch einmal im Sinne des Patienten zu überdenken.

Die Rentenkasse blieb dennoch bei ihrer Ablehnung

Die Beklagte lehnte die Bewilligung von Leistungen zur medizinischen Rehabilitation ab. Aus ihrer Sicht war angesichts der Schwere der gesundheitlichen Einschränkungen nicht zu erwarten, dass durch die beantragte Maßnahme die bereits bestehende Erwerbsminderung beseitigt werden könne.

Der Kläger zog vor das Sozialgericht

Zunächst erhob der Mann Klage vor dem Sozialgericht Halle. Dort beantragte er später nicht mehr nur die Bewilligung einer Reha, sondern konkret die Erstattung der bereits gezahlten 34.020 Euro.

Sozialgericht Halle wies die Klage ab

Das Sozialgericht entschied im März 2024 gegen den Kläger. Es hielt den Ablehnungsbescheid der Rentenversicherung für rechtmäßig und sah keinen Anspruch auf Kostenerstattung.

Der Kläger legte Berufung ein

Gegen dieses Urteil zog der Mann vor das Landessozialgericht Sachsen-Anhalt. Er machte geltend, sein Einzelfall sei nicht ausreichend berücksichtigt worden und die medizinischen Unterlagen hätten sehr wohl Verbesserungen gezeigt.

Er verwies auf Fortschritte im Zustand

Nach seinem Vortrag hätten behandelnde Ärzte, Angehörige und Freunde Verbesserungen bei Körperspannung und Fortbewegung bemerkt. Daraus leitete er ab, dass die Voraussetzungen für eine medizinische Rehabilitation erfüllt gewesen seien.

Auch die Einordnung der Phase B war umstritten

Ein zentraler Punkt des Verfahrens war die Frage, ob eine neurologische Frührehabilitation der Phase B überhaupt als Leistung der Rentenversicherung in Betracht kommt. Gerade dazu traf das Landessozialgericht eine deutliche Aussage.

Gericht ordnet Phase B regelmäßig der Krankenhausbehandlung zu

Das Landessozialgericht stellte klar, dass die neurologische Frührehabilitation der Phase B regelmäßig der Krankenhausbehandlung zuzuordnen ist. Sie fällt deshalb nach Auffassung des Senats im Regelfall nicht in die Zuständigkeit der Rentenversicherung im Rahmen medizinischer Rehabilitation.

Warum die Phase B rechtlich anders behandelt wird

Nach Ansicht des Gerichts müssen in dieser Phase noch intensivmedizinische Behandlungsmöglichkeiten vorgehalten werden. Genau das spreche dafür, die Phase B eher der Krankenhausversorgung als der klassischen Reha-Leistung der Rentenversicherung zuzuordnen.

Auch die Klinikstruktur sprach gegen eine Renten-Reha

Das Gericht verwies zusätzlich darauf, dass die Klinik B. als Fachkrankenhaus geführt wird. Außerdem war im Behandlungsvertrag ausdrücklich eine stationäre Behandlung im Fachkrankenhaus mit Abrechnung nach Krankenhausentgeltrecht vereinbart.

Die Vertragslage der Rentenversicherung sprach ebenfalls dagegen

Der Senat hob hervor, dass für die neurologische Frührehabilitation der Phase B nach den Angaben der Beklagten keine Verträge zwischen Rentenversicherungsträgern und Leistungserbringern im Sinne des § 15 Abs. 2 SGB VI bestehen. Auch das sprach gegen einen Anspruch des Klägers.

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Doch das war nicht der einzige Grund für die Niederlage

Selbst wenn man die Frage der Zuordnung anders sähe, fehlte es nach Auffassung des Gerichts bereits an den persönlichen Voraussetzungen für eine medizinische Reha der Rentenversicherung. Genau das war für den Kläger am Ende entscheidend.

Maßstab der Rentenversicherung ist die Erwerbsfähigkeit

Leistungen zur medizinischen Rehabilitation aus der gesetzlichen Rentenversicherung sollen dazu dienen, die Erwerbsfähigkeit zu sichern, wiederherzustellen oder eine wesentliche Verschlechterung zu verhindern. Es reicht also nicht, wenn eine Maßnahme lediglich im Alltag hilft oder die Pflege erleichtert.

Gericht ließ ein Gutachten einholen

Um den Vortrag des Klägers umfassend zu prüfen, holte das Landessozialgericht ein Gutachten eines Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie ein. Dieses Gutachten fiel für den Kläger ungünstig aus.

Keine realistische Rückkehr ins Erwerbsleben

Der Sachverständige kam zu dem Ergebnis, dass seit Antragstellung nicht zu erwarten gewesen sei, dass der Kläger in absehbarer Zeit, auch nicht nach mehreren Jahren, wieder in das Erwerbsleben eingegliedert werden könnte. Als besonders limitierend wurden nicht nur motorische Defizite, sondern vor allem schwere Sprach- und Ausdrucksstörungen angesehen.

Verbesserungen betrafen nur Alltag und Teilhabe

Nach Auffassung des Gerichts betrafen mögliche Fortschritte durch eine weitere Frührehabilitation vor allem die Alltagskompetenz, die Lebensqualität und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Für die Rentenversicherung genügt das aber nicht, wenn keine positive Prognose für die Erwerbsfähigkeit besteht.

Volle Erwerbsminderung half dem Kläger deshalb nicht

Gerade weil bei dem Mann bereits volle Erwerbsminderung auf Dauer festgestellt worden war, sah das Gericht keine realistische Chance mehr auf eine berufliche Wiedereingliederung. Damit fehlte die zentrale Voraussetzung für eine Leistung der Rentenversicherung.

Kein Anspruch wegen unterlassener Weiterleitung

Der Kläger hatte außerdem argumentiert, die Rentenversicherung hätte den Antrag an einen anderen zuständigen Rehabilitationsträger weiterleiten müssen. Auch damit drang er nicht durch.

Es gab keinen anderen Reha-Träger im Sinne des Gesetzes

Das Gericht stellte klar, dass private Krankenversicherungen keine Rehabilitationsträger im Sinne des SGB IX sind. Deshalb kam eine Weiterleitung an die private Krankenversicherung rechtlich nicht in Betracht.

Auch Eingliederungshilfe half hier nicht weiter

Soweit der Kläger sich hilfsweise auf Eingliederungshilfe berief, verwarf das Gericht auch diesen Ansatz. Es fehle bereits an einem entsprechenden Antrag, außerdem seien Bedürftigkeit und weitere Voraussetzungen nicht nachgewiesen worden.

Das Gericht benannte sogar eine Schutzlücke

Bemerkenswert ist, dass das Landessozialgericht die bestehende Lücke ausdrücklich ansprach. Es räumte ein, dass es keine vollständige Harmonisierung zwischen dem Sozialleistungssystem und der privaten Krankenversicherung gibt.

Diese Lücke geht aber nicht zulasten der Rentenkasse

Nach Ansicht des Senats kann diese Schutzlücke nicht dazu führen, dass die Rentenversicherung für Leistungen aufkommen muss, die nicht zu ihrem gesetzlichen Aufgabenbereich gehören. Genau deshalb blieb der Kläger trotz seiner schweren Lage auf den Kosten sitzen.

Berufung wurde vollständig zurückgewiesen

Das Landessozialgericht wies die Berufung des Klägers zurück. Kosten werden auch für das Berufungsverfahren nicht erstattet, die Revision wurde nicht zugelassen.

Warum die Entscheidung für Betroffene wichtig ist

Die Entscheidung zeigt deutlich, dass medizinisch sinnvolle oder sogar dringend gewünschte Maßnahmen nicht automatisch von der Rentenversicherung bezahlt werden müssen. Maßgeblich bleibt, ob die Leistung auf die Erwerbsfähigkeit gerichtet ist und in die gesetzliche Zuständigkeit der Rentenkasse fällt.

Besonders relevant für privat Versicherte

Gerade für privat krankenversicherte Menschen kann das erhebliche Folgen haben. Wenn die private Versicherung eine Maßnahme nicht übernimmt und zugleich kein Sozialleistungsträger zuständig ist, kann eine erhebliche Finanzierungslücke entstehen.

FAQ: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Muss die Rentenversicherung eine neurologische Frührehabilitation der Phase B bezahlen?
Nein, regelmäßig nicht. Das Landessozialgericht Sachsen-Anhalt hat ausdrücklich entschieden, dass die neurologische Frührehabilitation der Phase B im Regelfall nicht in die Leistungszuständigkeit der Rentenversicherung fällt.

Warum scheiterte der Kläger trotz schwerer Erkrankung?
Weil es für Leistungen der Rentenversicherung nicht nur auf den medizinischen Nutzen ankommt. Entscheidend ist, ob die Maßnahme die Erwerbsfähigkeit erhalten, wiederherstellen oder verbessern kann. Genau daran fehlte es nach Ansicht des Gerichts.

Reichen Verbesserungen im Alltag für einen Anspruch gegen die Rentenkasse aus?
Nein. Verbesserungen bei Alltagskompetenz, Pflegebedürftigkeit oder gesellschaftlicher Teilhabe genügen für sich genommen nicht. Die Rentenversicherung ist auf Leistungen zur Sicherung oder Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit ausgerichtet.

Warum half die private Krankenversicherung dem Kläger nicht?
Die private Krankenversicherung berief sich auf ihre Versicherungsbedingungen und lehnte die Kostenübernahme für die Rehabilitationsmaßnahme ab. Gleichzeitig ist sie kein Rehabilitationsträger im Sinne des SGB IX, sodass auch keine Weiterleitung des Antrags dorthin möglich war.

Welche Summe wollte der Kläger erstattet bekommen?
Der Kläger verlangte 34.020 Euro. Das war der Betrag, den ihm die Klinik für 42 Tage neurologische Frührehabilitation der Phase B in Rechnung gestellt hatte.

Fazit

Der Beschluss des Landessozialgerichts Sachsen-Anhalt macht deutlich, dass eine neurologische Frührehabilitation der Phase B regelmäßig nicht von der gesetzlichen Rentenversicherung getragen wird.

Selbst schwere gesundheitliche Einschränkungen und erkennbare Fortschritte im Alltag reichen nicht aus, wenn keine realistische Aussicht besteht, die Erwerbsfähigkeit wiederherzustellen.

Für privat Versicherte zeigt der Fall zudem besonders drastisch, dass zwischen privater Krankenversicherung und Sozialleistungssystem gefährliche Finanzierungslücken entstehen können.