Rentnerin aus Bayern: „Verzichte eigentlich auf alles“

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Gerda D. (77) aus Oberbayern sagt, sie verzichte „eigentlich auf alles“ – und bringt damit ein Problem auf den Punkt, das viele ältere Menschen in Deutschland kennen. Gemeint ist nicht Luxus, sondern der Alltag: Einkaufen, Heizen, Miete, Medikamente, Mobilität und kleine soziale Ausgaben.

„Früher habe ich gedacht, im Alter wird es ruhiger“, sagt die Rentnerin. „Heute rechne ich jeden Einkauf vorher im Kopf durch.“ Der Satz wirkt schlicht, doch er beschreibt eine Lebensrealität, in der jeder Euro Bedeutung bekommt.

Gerade in Regionen mit hohen Wohnkosten kann eine gesetzliche Rente schnell an ihre Grenzen kommen. Oberbayern steht dabei sinnbildlich für eine Entwicklung, die längst nicht nur Großstädte betrifft. Wer allein lebt, keine hohen Rücklagen hat und steigende Fixkosten tragen muss, gerät im Alter schnell unter Druck.

Wenn Sparsamkeit nicht mehr ausreicht

Viele ältere Menschen haben ihr Leben lang gearbeitet, Kinder großgezogen, Angehörige gepflegt oder in Teilzeit verdient. Trotzdem fällt die monatliche Rente im Alter oft deutlich niedriger aus, als es für ein würdevolles Leben nötig wäre. Besonders Frauen sind betroffen, weil unterbrochene Erwerbsbiografien, Teilzeitphasen und geringere Löhne langfristig die Rentenhöhe drücken.

Die Rentnerin beschreibt ihren Alltag als eine Abfolge kleiner Verzichte. „Ich kaufe fast nur noch das, was im Angebot ist“, sagt sie. „Beim Obst überlege ich schon, ob ich mir das leisten kann.“

Der Satz „Ich verzichte eigentlich auf alles“ beschreibt deshalb mehr als persönliche Bescheidenheit. Er zeigt, dass manche Rentnerinnen und Rentner nicht mehr entscheiden, worauf sie verzichten möchten, sondern nur noch, worauf sie verzichten müssen. Kultur, Restaurantbesuche oder Urlaub sind dann längst gestrichen, bevor es an Lebensmittel, Stromabschläge oder neue Kleidung geht.

Der Alltag wird zur Rechenaufgabe

Der Monat beginnt für viele Betroffene mit festen Abbuchungen. Miete, Strom, Versicherungen, Telefon und Medikamente gehen zuerst vom Konto ab. Was übrig bleibt, muss für Lebensmittel, Fahrten, Kleidung, Reparaturen und unerwartete Ausgaben reichen.

„Wenn die Miete weg ist, schaue ich auf den Kontostand und weiß: Jetzt darf nichts passieren“, sagt die Rentnerin. Eine kaputte Waschmaschine, eine neue Brille oder eine Nachzahlung bei den Nebenkosten könne sie nicht einfach auffangen. „Dann muss ich irgendwo anders sparen, aber irgendwann gibt es nichts mehr, wo man noch sparen kann.“

Besonders belastend sei die ständige Unsicherheit. Sie prüfe Preise, vergleiche Angebote und gehe manchmal ohne bestimmte Produkte nach Hause. „Ich stehe im Supermarkt und lege Dinge wieder zurück. Nicht, weil ich sie nicht brauche, sondern weil ich Angst habe, dass das Geld am Ende nicht reicht.“

Altersarmut ist kein Randthema

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind in Deutschland 19,4 Prozent der Menschen ab 65 Jahren armutsgefährdet. Damit lag die Quote älterer Menschen über dem Wert der Gesamtbevölkerung. Für alleinlebende Personen lag die Armutsgefährdungsschwelle 2024 bei 1.381 Euro netto im Monat.

Diese Zahlen bedeuten nicht automatisch, dass jede betroffene Person akut mittellos ist. Sie zeigen aber, wie eng der finanzielle Spielraum im Alter für viele Menschen geworden ist. Schon eine Mieterhöhung, eine hohe Nebenkostennachzahlung oder eine kaputte Waschmaschine kann dann zum ernsten Problem werden.

Für die Rentnerin ist Altersarmut nicht irgendein Begriff. „Ich habe nie groß gelebt“, sagt sie. „Aber dass ich im Alter überlegen muss, ob ich die Heizung wirklich aufdrehe, das hätte ich nicht gedacht.“

Warum es Rentnerinnen besonders schwer haben

Frauen haben im Alter häufig niedrigere Renten als Männer. Ein Grund liegt in Lebensläufen, die über Jahrzehnte gesellschaftlich erwartet wurden: Kinderbetreuung, unbezahlte Sorgearbeit, Minijobs oder Teilzeitbeschäftigung.

Was im Erwerbsleben oft als familiäre Selbstverständlichkeit galt, zeigt sich später auf dem Rentenbescheid.

Auch Gerda D. erzählt von Jahren, in denen Familie und Arbeit nebeneinander organisiert werden mussten. „Man macht das, was getan werden muss“, sagt sie. „Damals denkt man nicht daran, dass einem diese Jahre später bei der Rente fehlen.“

Hinzu kommt, dass viele ältere Frauen allein leben. Wenn der Partner stirbt oder eine Ehe endet, müssen Miete, Energie, Versicherungen und Haushaltskosten oft von einem einzigen Einkommen getragen werden. Eine Hinterbliebenenrente kann helfen, gleicht aber nicht in jedem Fall die finanzielle Lücke aus.

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Hohe Wohnkosten verschärfen die Lage

In Oberbayern sind die Wohnkosten vielerorts besonders hoch. Für Rentnerinnen und Rentner mit kleiner Rente wird die Wohnung dadurch zur größten monatlichen Belastung. Selbst wer seit Jahrzehnten in derselben Gegend lebt, kann durch steigende Mieten, Nebenkosten und Energiepreise finanziell verdrängt werden.

Die Rentnerin möchte ihre vertraute Umgebung nicht verlassen. „Hier kenne ich die Nachbarn, hier ist mein Arzt, hier ist mein Leben“, sagt sie. Doch genau dieses Bleiben wird teuer. „Eine günstigere Wohnung zu finden, ist fast unmöglich. Und umziehen kostet auch Geld.“

Das Problem besteht nicht nur bei Mieterinnen und Mietern. Auch selbstgenutztes Wohneigentum schützt nicht automatisch vor Geldsorgen. Reparaturen, Grundsteuer, Heizkosten und Versicherungen können im Alter erhebliche Ausgaben verursachen.

Zwischen Scham und Anspruch

Wer mit seiner Rente kaum auskommt, sollte mögliche Ansprüche prüfen lassen. Dazu zählen Wohngeld, Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung sowie gegebenenfalls ergänzende Leistungen bei besonderen Belastungen. Viele Menschen beantragen solche Hilfen jedoch nicht, obwohl sie Anspruch haben könnten.

Die Rentnerin gibt offen zu, dass ihr der Schritt schwerfällt. „Ich habe mein Leben lang gearbeitet und versucht, niemandem zur Last zu fallen“, sagt sie. „Zum Amt zu gehen, fühlt sich für mich nicht leicht an.“

Ein Grund ist Scham. Viele Ältere empfinden es als demütigend, nach einem langen Arbeitsleben Unterstützung beantragen zu müssen. Dabei handelt es sich nicht um Almosen, sondern um Sozialleistungen, die gesetzlich vorgesehen sind.

Leistung Wofür sie gedacht ist
Wohngeld Zuschuss zu Mietkosten oder Wohnkosten bei selbstgenutztem Eigentum, wenn das Einkommen niedrig ist, aber keine Grundsicherung bezogen wird.
Grundsicherung im Alter Unterstützung für Menschen im Rentenalter, wenn Einkommen und Vermögen nicht ausreichen, um den notwendigen Lebensunterhalt zu decken.
Mehrbedarfe Zusätzliche Leistungen, etwa bei bestimmten gesundheitlichen Einschränkungen oder besonderen Lebenslagen.
Beratung durch Sozialverbände Hilfe beim Prüfen von Ansprüchen, beim Ausfüllen von Anträgen und beim Umgang mit Bescheiden.

Wenn Verzicht einsam macht

Finanzielle Not im Alter zeigt sich nicht nur im Kühlschrank oder auf dem Konto. Sie verändert auch das soziale Leben. Wer Einladungen absagt, Ausflüge meidet oder Besuche nicht erwidern kann, zieht sich oft immer weiter zurück.

„Ich sage manchmal, ich habe keine Zeit“, erzählt die Rentnerin. „In Wahrheit möchte ich mir den Kaffee oder die Fahrt nicht leisten.“ Dieser Rückzug sei ihr unangenehm. „Man will ja nicht ständig erklären müssen, dass das Geld nicht reicht.“

Gerade diese leisen Formen der Armut werden selten sichtbar. Viele Betroffene wirken nach außen gefasst, ordentlich und sparsam. Doch hinter verschlossenen Türen wird gerechnet, gestrichen und verzichtet.

Warum die Debatte mehr Ehrlichkeit braucht

Die Diskussion über niedrige Renten wird häufig abstrakt geführt. Es geht um Beitragssätze, Rentenniveau, Steuerzuschüsse und demografische Entwicklung. Für Betroffene geht es dagegen um die Frage, ob sie am sozialen Leben teilnehmen können oder sich immer weiter zurückziehen.

Die Rentnerin wünscht sich vor allem mehr Verständnis. „Es heißt oft, Rentner hätten doch genug Zeit und könnten sparen“, sagt sie. „Aber Zeit bezahlt keine Rechnung.“

Wer im Alter dauerhaft verzichten muss, verliert nicht nur Kaufkraft. Es geht auch um Würde, Sicherheit und Zugehörigkeit. Eine Gesellschaft muss sich daran messen lassen, ob Menschen nach Jahrzehnten von Arbeit, Erziehung und Pflege im Alter mehr haben als bloß das Nötigste.

Beispiel aus der Praxis

Eine alleinlebende Rentnerin erhält monatlich 1.180 Euro Rente. Für Miete, Nebenkosten und Strom zahlt sie zusammen 720 Euro. Nach Versicherungen, Medikamentenzuzahlungen und Telefon bleiben ihr nur noch wenige Hundert Euro für Lebensmittel, Kleidung, Mobilität und alles Unerwartete.

Als die Nebenkostennachzahlung kommt, streicht sie den Friseurbesuch, kauft weniger frische Lebensmittel und sagt den Besuch bei einer Freundin ab, weil die Zugfahrt zu teuer ist. „Das tut weh, weil man sich nicht nur Dinge verkneift, sondern auch Menschen“, sagt sie. In einer Beratungsstelle erfährt sie schließlich, dass sie möglicherweise Wohngeld beantragen kann.

Quellen

Statistisches Bundesamt: Armutsgefährdung älterer Menschen in Deutschland 2024, Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen: Informationen zum Wohngeld-Plus, Deutsche Rentenversicherung: Rentenatlas 2025.