Bundeskanzler Friedrich Merz hat die gesetzliche Rente zuletzt als künftige „Basisabsicherung“ beschrieben – ein Satz, der bei vielen Alarm auslöst. Denn damit steht das gesamte deutsche Rentensystem infrage.
Heiß diskutiert werden Modelle aus Ländern, in denen es keine gesetzliche Rente gibt, die den Lebensstandard sichert, sondern in denen private Vorsorge oder Elend die letzte Lebensphase bestimmen – wie die USA.
Dort gibt es ein Vorsorgesystem, an dem sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer beteiligen.
Inhaltsverzeichnis
Das 401 (h) Prinzip
Ein 401(k) ist in den USA ein arbeitgebergestütztes Altersvorsorgekonto, in das Beschäftigte direkt aus dem Gehalt einzahlen. Häufig kommt ein Arbeitgeberzuschuss dazu („Matching“), und die Anlage läuft kapitalmarktgebunden, etwa über Fonds.
Die spätere Rente hängt dort viel stärker als in Deutschland davon ab, wie viel eingezahlt wurde und wie sich die Märkte entwickeln.
Warum der Vergleich mit Deutschland in die Irre führt
In Deutschland gibt es bereits mehrere Säulen der Altersvorosorge: gesetzliche Rente, betriebliche Altersvorsorge und private Vorsorge. Ein 401(k) wäre deshalb ein stärkerer Fokus auf etwas, was hier bereits existiert, in Form von Betriebsrente, Direktversicherung oder Fonds.
Was reizt Finanzjongleure an der „401k-Logik“?
Verfechter privater Altersvorsorge reizt an dem US-Modell die Rendeitechance: Wer langfristig breit gestreut investiert, kann mehr Vermögen aufbauen als in klassisch garantierten Renten.
Kurz gesagt, wäre der Unterschied zu unserem in Deutschland bewährtem Umlagesystem: weniger Abhängigkeit von Beitragszahlern, mehr Erträge aus Kapital.
Diese Logik hinkt wie immer in solchen Fällen, weil sie gerade die finanziell Schwachen, abhängig Beschäftigten, gering Verdienenden, Care-Worker und Kranke außen vor lässt.
Ein kapitalbasiertes Rentenmodell funkioniert grundsätzlich nur für diejenigen, die Geld sparen und anlegen können. Wer seine gesamten Mittel aufbraucht, um den Kopf über Wasser zu halten, kann keine private Altersvorsorge betreiben.
Kapitaldeckung verstärkt Ungleichheit
Ein kapitalmarktbasiertes System belohnt also automatisch jene, die viel einzahlen können: höhere Einkommen, stabile Jobs, weniger Unterbrechungen. Wer wenig verdient, lange krank ist, Kinder erzieht oder in unsicheren Beschäftigungen steckt, verliert.
Kurz gesagt: Wer arm ist, muss damit rechnen, im Alter noch ärmer zu werden.
Voraussetzung dafür, damit so ein Modell fair sein
Wenn Deutschland Elemente eines 401(k)-Systems stärker ausbauen will, müssten drei Dinge gleichzeitig passieren: erstens klare, niedrige Kosten (sonst fressen Gebühren die Rendite).
Zweitens einfache Produkte ohne auf Beratungstricks oder das Abzweigen saftiger Provisionen. Drittens eine echte Teilhabe für Menschen mit kleinen Einkommen. Diese könnten Zuschüsse ermöglichen oder gestützte Mindesbeiträge.
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Welche Alternativen Sozialverbände in den Vordergrund stellen
Sozialverbände sehen die Diskussion über verstärkte marktbasierte Renten sowieso als Angriff gegen die arbeitende Bevölkerung, Geringverdiener, Pflegende, Kinder erziehende Eltern und Kranke.
Sie fordern vielmehr eine Stärkung der gesetzlichen Rente zum Beispiel dadurch, dass auch Selbstständige, Politiker und Beamte dazu Pflichtbeiträge leisten, und durch eine Vermögenssteuer, die dafür sorgt, dass auch die geschonten Reichen und Superreichen einen Beitrag für die Solidargemeinschaft leisten.
Eine solche Erwerbstätigenrente, in die alle einzahlen, trifft auf Zustimmung bei einer riesigen Mehrheit der Menschen in Deutschland.
Gänzlich antisozial wird die Logik der privaten Vorsorge bei denen, die den Schutz des Sozialstaats brauchen. Wer es nicht schaffft, bis zur Regelaltersgrenze zu arbeiten, weil er krank oder behindert ist, der kann nicht vorsorgen.
Ist das US-Modell eine Lösung für das deutsche Rentensystem?
Ein stärker kapitalgedecktes System kann zwar helfen, die Versorgung zu ergänzen, aber es ersetzt keine ausreichenden Löhne, stabile Erwerbsbiografien und eine verlässliche gesetzliche Rente.
„Basisabsicherung“ als politische Leitidee ist eine offene Kriegserklärung für gerade die Haushalte, die finanziell am wenigsten Spielraum haben.
FAQ: Die 5 wichtigsten Fragen
Was bedeutet „Rente als Basisabsicherung“ praktisch?
Das meint: Die gesetzliche Rente soll Existenzminimum plus Grundbedarf abdecken, aber nicht den Lebensstandard sichern. Dann muss die Lücke stärker über Betriebs- und Privatvorsorge geschlossen werden.
Ist ein 401(k) dasselbe wie Riester oder Betriebsrente?
Nicht 1:1. Es ähnelt eher einer kapitalmarktbasierten betrieblichen Vorsorge mit individuellen Konten, oft plus Arbeitgeberzuschuss – aber in den USA ist diese Säule viel zentraler als bei uns.
Wer profitiert am meisten von 401(k)-ähnlichen Modellen?
Menschen mit stabilem Einkommen, langer Erwerbsbiografie und Luft zum Sparen. Wer wenig verdient oder häufig ausfällt, baut tendenziell weniger Zusatzrente auf.
Was ist das größte Risiko einer stärkeren Kapitaldeckung?
Dass die Altersvorsorge ungleicher wird, weil Sparfähigkeit sehr ungleich verteilt ist. Zusätzlich tragen Sparer stärker das Kapitalmarktrisiko (Crash-Zeiten kurz vor Rentenbeginn sind besonders heikel).
Was müsste passieren, damit es in Deutschland fair wäre?
Niedrige Kosten, klare Standardprodukte, echte Zuschüsse für kleine Einkommen und starke Regeln gegen Missbrauch/Provisionen. Ohne soziale Ausgleichsmechanismen wird es schnell ein System „für die, die es sich leisten können“.
Fazit
Ein 401(k)-ähnlicher Ausbau kann zwar unser Rentenmodell sinnvoll ergänzen, aber nur, wenn er ermöglicht, dass breite Bevölkerungsschichten tatsächlich daran teilhaben können. Die Debatte um „Basisabsicherung“ macht aber vor allem eines klar: Wer wenig verdient oder krank ist, ist am stärksten gefährdet, am Ende zu wenig Rente zu haben.
Eine Basisabsicherung als Leitidee bedeutet, gezielt und bewusst die finanziell Schwächeren unserer Gesellschaft vor den Bus zu werfen.




