Deutschland ist in den vergangenen zehn Jahren auf dem Papier deutlich vermögender geworden. Gleichzeitig leben heute mehr Menschen unterhalb der statistischen Armutsgefährdungsgrenze als 2016, während auch die Entschädigung der Bundestagsabgeordneten spürbar gestiegen ist.
Die drei Entwicklungen ergeben ein widersprüchliches Bild: Die Zahl der Dollar-Millionäre nahm um mehr als eine Million zu, die Zahl der armutsgefährdeten Menschen erreichte rund 13,3 Millionen und die monatliche Abgeordnetenentschädigung überschritt im Juli 2026 erstmals 12.000 Euro.
Die drei Zahlenreihen im Vergleich
Die Ausgangszahlen treffen im Grundsatz zu, müssen für einen aktuellen Vergleich aber präzisiert werden. Vor allem die häufig genannte Bundestagsdiät von 11.833 Euro ist seit dem 1. Juli 2026 überholt.
| Kennzahl | 2016 | Aktueller Datenstand | Veränderung | Wichtige Einordnung |
|---|---|---|---|---|
| Dollar-Millionäre in Deutschland | rund 1,637 Millionen | rund 2,648 Millionen, Vermögensstand Ende 2025 | rund +61,8 Prozent | Modellschätzung; Immobilien und private Altersvorsorge werden einbezogen, Schulden abgezogen |
| Abgeordnetenentschädigung im Bundestag | 9.327,21 Euro monatlich ab Juli 2016 | 12.330,48 Euro monatlich ab Juli 2026 | rund +32,2 Prozent | steuerpflichtige Entschädigung; Anpassung folgt dem Nominallohnindex |
| Armutsgefährdete Menschen | rund 12,9 Millionen | rund 13,3 Millionen nach EU-SILC 2025 | rund +3,1 Prozent | heutige Zahl wurde 2026 veröffentlicht, beruht aber auf der Erhebung 2025 und überwiegend auf Einkommen aus 2024 |
Die Tabelle zeigt, dass „2026“ nicht bei jeder Zahl dasselbe bedeutet. Beim Vermögen geht es um Werte zum Ende des Jahres 2025, bei der Armut um eine Erhebung aus 2025 mit Einkommensbezug zum Vorjahr und bei den Abgeordneten um den tatsächlich seit Juli 2026 geltenden Monatsbetrag.
Deutschland zählt rund eine Million Dollar-Millionäre mehr
Das frühere Credit-Suisse-Wealth-Databook ermittelte für 2016 rund 1,637 Millionen Erwachsene in Deutschland mit einem Nettovermögen von mehr als einer Million US-Dollar. Der Global Wealth Report 2026 der UBS weist für Ende 2025 rund 2,648 Millionen Dollar-Millionäre aus.
Rein rechnerisch ist ihre Zahl damit um gut 1,01 Millionen oder knapp 62 Prozent gestiegen. Deutschland liegt im UBS-Vergleich hinter den USA, China und Japan auf dem vierten Platz.
Ein Dollar-Millionär muss allerdings weder eine Million Euro auf dem Konto haben noch jederzeit über große Bargeldreserven verfügen. Die UBS rechnet Finanzvermögen, private Vorsorgeguthaben und reale Vermögenswerte wie Immobilien zusammen und zieht bestehende Schulden ab.
Ein schuldenfreies Haus in einer teuren Großstadt kann daher ausreichen, um die Schwelle zu überschreiten. Ansprüche aus der gesetzlichen Rente werden dagegen grundsätzlich nicht als privates Vermögen angesetzt.
Warum die Millionärszahl so stark gestiegen ist
Der Anstieg lässt sich nicht allein mit höheren Gehältern erklären. Steigende Immobilienpreise, Kursgewinne an den Aktienmärkten, Erbschaften und der über viele Jahre gesunkene reale Wert einer nominal festgelegten Millionenschwelle haben die Entwicklung begünstigt.
Hinzu kommt, dass die Grenze in US-Dollar berechnet wird. Wechselkursbewegungen zwischen Euro und Dollar können deshalb die Zahl der erfassten Millionäre verändern, obwohl sich das Vermögen in Euro kaum bewegt hat.
Die UBS weist selbst darauf hin, dass Methoden überarbeitet wurden und Vergleiche mit früheren Ausgaben nicht immer lückenlos möglich sind. Der Anstieg zeigt einen deutlichen langfristigen Trend, sollte aber nicht wie eine amtliche Zählung einzelner Personen gelesen werden.
Auch der Begriff „Millionär“ sagt wenig darüber aus, wie breit Wohlstand verteilt ist. Eine wachsende Gruppe oberhalb der Millionengrenze kann mit stagnierenden Rücklagen, hohen Wohnkosten und finanzieller Unsicherheit in großen Teilen der Bevölkerung gleichzeitig auftreten.
13,3 Millionen Menschen gelten als armutsgefährdet
Nach den im Februar 2026 veröffentlichten Erstergebnissen des Statistischen Bundesamtes waren zuletzt rund 13,3 Millionen Menschen armutsgefährdet. Das entsprach 16,1 Prozent der Bevölkerung.
Als armutsgefährdet gilt nach der EU-Definition, wer weniger als 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Einkommens zur Verfügung hat. Die Schwelle lag in der Erhebung 2025 für Alleinlebende bei 1.446 Euro netto im Monat und für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren bei 3.036 Euro.
Die Einkommensangaben stammen überwiegend aus dem Jahr 2024, weil in EU-SILC das Jahreseinkommen des Vorjahres erfasst wird. Die Formulierung „13,3 Millionen arme Menschen im Jahr 2026“ ist deshalb verkürzt; treffender ist, von den 2026 veröffentlichten Ergebnissen der Erhebung 2025 zu sprechen.
2016 wurden auf Grundlage des damaligen Mikrozensus rund 12,9 Millionen Betroffene beziehungsweise eine Quote von etwa 15,7 Prozent genannt. Gegenüber diesem Wert ergibt sich ein Plus von ungefähr 400.000 Menschen, doch wegen veränderter Stichproben, Hochrechnungen und Erhebungsverfahren ist die Differenz nur als Größenordnung zu verstehen.
Relative Armut ist mehr als ein statistisches Etikett
Die Armutsgefährdungsgrenze misst nicht, ob ein Mensch überhaupt ein Einkommen bezieht. Sie zeigt, ob das verfügbare Einkommen deutlich unter dem gesellschaftlichen Mittel liegt und damit die finanziellen Möglichkeiten zur Teilhabe eingeschränkt sind.
Besonders hoch ist das Risiko nach den aktuellen Destatis-Daten bei Arbeitslosen, Alleinlebenden und Menschen in Alleinerziehenden-Haushalten. Auch Ruheständler liegen mit einer Quote von 19,1 Prozent über dem Durchschnitt.
100 % spam-frei • jederzeit abbestellbar
Die relative Berechnung hat eine wichtige Folge: Steigen die mittleren Einkommen, erhöht sich ebenfalls die Armutsschwelle. Ein Haushalt kann deshalb trotz einer kleinen nominalen Einkommenssteigerung unter die neue Grenze fallen, wenn sein Einkommen langsamer wächst als das mittlere Einkommen der Bevölkerung.
Zugleich bildet die bundesweite Schwelle regionale Preisunterschiede nur unvollständig ab. 1.446 Euro reichen in einer Region mit niedrigen Mieten weiter als in einer Großstadt mit angespanntem Wohnungsmarkt.
Abgeordnetenentschädigung steigt seit Juli 2026 auf 12.330 Euro
Im Juli 2016 erhöhte sich die monatliche Entschädigung eines Bundestagsabgeordneten von 9.082 Euro auf 9.327,21 Euro. Dies geht aus einer Mitteilung des Deutschen Bundestages aus dem Jahr 2016 hervor.
Von Juli 2025 bis Juni 2026 wurden 11.833,47 Euro gezahlt. Seit dem 1. Juli 2026 beträgt die steuerpflichtige Entschädigung jedoch 12.330,48 Euro, wie der Bundestag zur jüngsten Anpassung mitteilt.
Damit ist der Monatsbetrag gegenüber Juli 2016 nominal um 3.003,27 Euro oder 32,2 Prozent gestiegen. Die Erhöhung zum Juli 2026 betrug 4,2 Prozent und folgte der vom Statistischen Bundesamt festgestellten Entwicklung des Nominallohnindexes.
Die Entschädigung sollte nicht mit dem privaten Vermögen eines Abgeordneten gleichgesetzt werden. Sie ist ein steuerpflichtiges Einkommen für die Ausübung des Mandats und eignet sich daher nur eingeschränkt als Vergleichsgröße zur Zahl der Millionäre.
Inflation verändert den Blick auf die Diäten
Ein Plus von 32,2 Prozent klingt zunächst erheblich. Allerdings ist auch das allgemeine Preisniveau seit 2016 stark gestiegen, besonders während der Inflationsjahre 2022 und 2023.
Der Vergleich der Destatis-Daten für Juli 2016 mit dem Verbraucherpreisindex bis Juni 2026 zeigt einen Anstieg des Preisniveaus um ungefähr 30 Prozent. Ein großer Teil des nominalen Diätenanstiegs gleicht somit die allgemeine Teuerung aus.
Das nimmt der politischen Debatte nicht ihre Berechtigung. Die automatische Orientierung am Nominallohnindex wirft weiterhin die Frage auf, ob andere Einkommen und Sozialleistungen ähnlich verlässlich an Lohn- und Preisentwicklungen angepasst werden.
Gerade Menschen mit kleinen Renten, niedrigen Löhnen oder Sozialleistungen erleben Teuerung anders als der statistische Durchschnitt. Wer einen großen Anteil seines Einkommens für Miete, Lebensmittel und Energie ausgeben muss, hat kaum Spielraum, um starke Preissteigerungen aufzufangen.
Warum Reichtum und Armut gleichzeitig wachsen können
Vermögen und Einkommen sind zwei verschiedene Größen. Vermögen entsteht über lange Zeit durch Sparen, Wertsteigerungen, Unternehmensbesitz, Immobilien und Erbschaften, während die Armutsgefährdung am laufenden verfügbaren Haushaltseinkommen gemessen wird.
Steigen Aktien- und Immobilienwerte, profitieren vor allem Menschen, die solche Werte bereits besitzen. Haushalte ohne nennenswertes Eigentum spüren davon wenig, müssen aber möglicherweise höhere Mieten oder Kaufpreise tragen.
Deshalb ist es kein statistischer Widerspruch, wenn die Millionärszahl kräftig wächst und zugleich mehr Menschen unter die relative Einkommensgrenze fallen. Beide Entwicklungen können sogar durch denselben wirtschaftlichen Wandel verstärkt werden, etwa wenn Vermögenspreise schneller steigen als Löhne und Renten.
Aus den drei Zahlen lässt sich dennoch nicht ableiten, dass höhere Abgeordnetenentschädigungen die Armut verursacht hätten. Dafür fehlt ein unmittelbarer sachlicher Zusammenhang; der Vergleich beschreibt gesellschaftliche Entwicklungen, aber keinen Beweis für Ursache und Wirkung.
Was der Zehnjahresvergleich über Deutschland aussagt
Die Daten zeigen ein Land, in dem erhebliche Vermögen aufgebaut wurden, ohne dass alle Bevölkerungsgruppen in gleichem Umfang am Wohlstandszuwachs teilhaben. Besonders sichtbar wird die Spannung zwischen steigenden Vermögenswerten und der wachsenden Zahl einkommensarmer Menschen.
Die Zahl der Dollar-Millionäre allein belegt noch keine zunehmende Ungleichheit, weil auch Menschen aus der Mitte durch eine wertvolle, schuldenfreie Immobilie über die Schwelle kommen können. Zusammen mit Armuts-, Einkommens- und Vermögensverteilungsdaten entsteht jedoch ein Bild, das eine breite Debatte über Teilhabe, Löhne, Renten, Wohnen, Steuern und soziale Sicherung verlangt.
Auch die Diätenentwicklung gehört in diese Debatte, sollte aber sachlich bewertet werden. Ihr nominaler Zuwachs liegt in einer ähnlichen Größenordnung wie die Preissteigerung seit 2016, während viele Menschen keine automatische Anpassung ihres Einkommens erhalten.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Vermögensaufbau grundsätzlich problematisch ist. Es geht darum, ob wirtschaftlicher Fortschritt genügend Menschen erreicht und ob das soziale Sicherungssystem vor einem dauerhaften Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe schützt.




