E-Patientenakte und Digi-Rente: Digitale Angebote verschärfen soziale Ungleichheiten

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Die elektronische Patientenakte und die Digitale Rentenübersicht sollen Menschen einen besseren Überblick über ihre Gesundheit und ihre Altersvorsorge geben. Eine neue Untersuchung der Ernst-Abbe-Hochschule Jena zeigt jedoch: Ausgerechnet Menschen mit wenig Geld, geringerer formaler Bildung oder wenig digitaler Erfahrung erreichen diese Angebote besonders selten.

Die Hürde entsteht nicht erst beim Lesen komplizierter Gesundheits- oder Rentendaten. Viele Interessierte scheitern bereits an Ausweisfunktion, PIN, App, Registrierung oder fehlender technischer Ausstattung.

Studie untersucht den Zugang statt nur die Zahl der Konten

Der im August 2026 veröffentlichte Forschungsbericht der Ernst-Abbe-Hochschule Jena beruht auf 1.297 persönlichen Interviews. Untersucht wurde, wie Menschen von der elektronischen Patientenakte, kurz ePA, und der Digitalen Rentenübersicht erfahren, ob sie sich dafür interessieren und ob ihnen die Anmeldung gelingt.

Dieser Ansatz macht einen Unterschied. Eine automatisch angelegte Patientenakte sagt noch nichts darüber aus, ob die versicherte Person ihre Akte öffnen, Einträge prüfen und Zugriffe selbst verwalten kann.

Nach den im MDR veröffentlichten Ergebnissen hatten zehn Prozent der Befragten die ePA genutzt. Bei der Digitalen Rentenübersicht waren es sechs Prozent, wobei die Forschenden vermuten, dass die tatsächlichen Werte wegen Verwechslungen verschiedener Kassen-Apps noch niedriger liegen könnten.

Die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung

Befund Ergebnis der Untersuchung
Befragte Personen 1.297
Bekanntheit der ePA 87 Prozent
Interesse an der ePA 25 Prozent
Nutzung der ePA 10 Prozent
Bekanntheit der Digitalen Rentenübersicht rund 40 Prozent
Nutzung der Digitalen Rentenübersicht 6 Prozent
Nutzung mindestens eines Angebots bei Hauptschulabschluss 5 Prozent
Nutzung mindestens eines Angebots bei Hochschulabschluss 14 Prozent
Scheitern während der Registrierung etwa jede zweite Person

Die hohe Bekanntheit der ePA führt demnach nur selten zur praktischen Verwendung. Von 87 Prozent, die das Angebot kennen, bleiben 25 Prozent mit Interesse und noch weniger Menschen mit einem erfolgreichen Zugang übrig.

Bei der Rentenübersicht beginnt das Problem früher. Nur etwa vier von zehn Befragten kannten das Portal überhaupt, obwohl es gesetzliche, betriebliche und private Vorsorgeansprüche an einem Ort zusammenführen soll.

Registrierung wird zum sozialen Filter

Für den eigenen Zugang zur ePA-App werden je nach Krankenkasse mehrere Schritte zur sicheren Identifizierung verlangt. Benötigt werden regelmäßig ein geeignetes Gerät, die App der Krankenkasse und ein Identitätsnachweis, etwa über die elektronische Gesundheitskarte mit PIN oder die Online-Ausweisfunktion.

Bei der Digitalen Rentenübersicht sind ein Internetzugang, die steuerliche Identifikationsnummer und ein Ausweisdokument mit nutzbarer Online-Funktion erforderlich. Die offiziellen Informationen zur Rentenübersichtversprechen eine Anmeldung in wenigen Schritten, doch genau an dieser Stelle brach nach den Jenaer Ergebnissen etwa die Hälfte der Registrierungsversuche ab.

Fehlt nur eine PIN, kann bereits ein zusätzlicher Behördengang nötig werden. Kommen ein älteres Smartphone, Speicherprobleme, Unsicherheit bei Passwörtern, sprachliche Hürden oder Angst vor Fehlern hinzu, wird aus einem vermeintlich kurzen Vorgang eine lange Kette von Anforderungen.

Bildung und Einkommen verändern die Zugangschancen

Nur fünf Prozent der Befragten mit Hauptschulabschluss nutzten mindestens eines der beiden Angebote. Unter Menschen mit Hochschulabschluss lag der Anteil mit 14 Prozent fast dreimal so hoch.

Auch das Einkommen hing deutlich mit der Nutzung zusammen. Mit jeweils 1.000 Euro mehr verfügbarem Einkommen erhöhte sich die statistische Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Nutzung um 20 bis 30 Prozent.

Dieser Zusammenhang beweist nicht, dass zusätzliches Einkommen allein automatisch digitale Fähigkeiten schafft. Er weist aber darauf hin, dass Geld, Bildung, Geräteausstattung, Beratungsmöglichkeiten und Erfahrung mit digitalen Verwaltungswegen häufig zusammenwirken.

Weshalb die Benachteiligung besonders schwer wiegt

Die betroffenen Angebote sollen Menschen helfen, informierte Entscheidungen zu treffen. Wer seine Befunde, Medikamente und Behandlungen überblickt, kann Unstimmigkeiten eher bemerken; wer Rentenansprüche aus mehreren Quellen vergleichen kann, erkennt eine mögliche Versorgungslücke früher.

Gerade Menschen mit niedrigem Einkommen haben jedoch weniger Spielraum, eine Lücke in der Altersvorsorge später auszugleichen. Zugleich können chronische Erkrankungen, Behinderungen oder belastende Arbeitsbedingungen den Bedarf an übersichtlichen Gesundheitsinformationen erhöhen.

Wenn dieselben Gruppen seltener Zugang erhalten, wird ein bestehender Nachteil digital fortgeschrieben. Das Problem ist deshalb nicht, dass es moderne Angebote gibt, sondern dass ihr Nutzen sehr ungleich ankommt.

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Eine ePA kann auch ohne App bestehen

Für gesetzlich Versicherte wurde die ePA grundsätzlich angelegt, sofern sie nicht widersprochen haben. Der fehlende App-Zugang bedeutet daher nicht automatisch, dass keine Akte existiert oder behandelnde Einrichtungen sie nicht nutzen können.

Ohne App können Versicherte ihre Dokumente jedoch nicht in derselben Weise selbst einsehen und verwalten. Bestimmte Widersprüche, etwa gegen den Zugriff einer medizinischen Einrichtung oder gegen die Weitergabe zu Forschungszwecken, lassen sich laut gematik auch über die Ombudsstelle der Krankenkasse erklären.

Versicherte dürfen außerdem während einer Behandlung der Speicherung bestimmter Dokumente widersprechen. Wer die ePA insgesamt nicht möchte, kann sich an die Krankenkasse wenden; ein späterer Widerspruch gegen eine bestehende Akte führt zur Löschung des Aktenkontos und seiner Inhalte.

Mehr zu den Fragen, die sich beim Zugriff auf Gesundheitsdaten ergeben, erläutert Gegen-Hartz im Beitrag „Hat die Krankenkasse vollen Zugriff auf die elektronische Patientenakte?“.

Die Digitale Rentenübersicht bleibt freiwillig

Die sogenannte Digi-Rente ist weder ein Rentenantrag noch ein Rentenbescheid. Sie ist ein freiwilliges und kostenloses Online-Angebot, das Werte aus gesetzlichen, betrieblichen und privaten Standmitteilungen gebündelt darstellt.

Ohne freigeschaltete Online-Ausweisfunktion ist die Anmeldung derzeit nicht möglich. Eine neue PIN oder die Aktivierung der Funktion kann kostenlos beim zuständigen Bürgeramt veranlasst werden.

Die Übersicht kann zudem unvollständig sein. Beamtenversorgung, berufsständische Versorgungswerke, bestimmte Direktzusagen und kleinere Versorgungseinrichtungen müssen sich nicht in jedem Fall anschließen.

Auch angezeigte Prognosen sind nicht mit einer garantierten späteren Auszahlung gleichzusetzen. Wie die Werte einer klassischen Renteninformation zu lesen sind, erklärt Gegen-Hartz im Ratgeber „Renteninformation richtig deuten“.

Analoge Beratung darf nicht zum Notbehelf werden

Die Studienautoren sprechen sich für persönliche Unterstützung neben digitalen Zugängen aus. Das ist mehr als ein Service für ältere Menschen, denn Schwierigkeiten entstehen auch bei jüngeren Personen, wenn Ausweisdokumente, PINs, geeignete Geräte oder Verwaltungserfahrung fehlen.

Für technische Fragen zur Digitalen Rentenübersicht gibt es einen telefonischen Dienst unter 0800 1000 787. Zur persönlichen Altersvorsorge beraten die Auskunfts- und Beratungsstellen der Deutschen Rentenversicherung kostenlos; auch Verbraucherzentralen bieten Beratung an.

Bei der ePA sind Krankenkasse und deren Ombudsstelle wichtige Ansprechpartner. Arztpraxen können medizinische Fragen beantworten, sollten aber nicht dauerhaft die fehlende technische Unterstützung des Systems auffangen müssen.

Die Debatte reicht über ePA und Rentenübersicht hinaus. Auch beim geplanten digitalen Rentenausweis stellt sich die Frage, wie staatliche Angebote Menschen ohne Smartphone oder sichere Internetkenntnisse erreichen; Gegen-Hartz hat dies im Beitrag „Digitaler Rentenausweis: Zwang für alle Rentner?“ eingeordnet.

Gescheiterte Anmeldungen beschädigen das Vertrauen

Nach der Untersuchung führt ein erfolgloser Registrierungsversuch nicht nur zum Abbruch. Frust kann sich auf weitere digitale Angebote des Staates übertragen und die Bereitschaft senken, einen neuen Versuch zu unternehmen.

Das ist für die öffentliche Verwaltung besonders problematisch. Werden Anlaufstellen geschlossen oder Öffnungszeiten verkürzt, während das Online-Angebot nur für einen Teil der Bevölkerung gut funktioniert, wird aus einer Komfortfrage eine Frage des gleichberechtigten Zugangs.

Eine sozial verträgliche Digitalisierung benötigt deshalb leicht verständliche Anmeldewege, barrierearme Oberflächen und erreichbare Menschen, die praktisch helfen. Sichere Verfahren bleiben nötig, doch Sicherheit darf nicht allein durch immer mehr Einzelschritte hergestellt werden.