Viele Menschen mit Behinderung in Deutschland sorgen sich. Eine Befragung von Aktion Mensch und Ipsos zeigt, dass persönliche Zufriedenheit und gesellschaftliche Verunsicherung deutlich auseinanderfallen. Zwar geben 61 Prozent der Befragten an, mit ihrem derzeitigen Leben zufrieden zu sein. Gleichzeitig schauen nur 37 Prozent optimistisch auf das Jahr 2026.
Diese Umfragewerte zeigen auf konkrete Ängste und Sorgen. Besonders häufig werden Gesundheit, Pflege und soziale Sicherheit genannt. Damit rücken Themen in den Vordergrund, die für viele Betroffene den Alltag unmittelbar bestimmen. Es geht um Versorgung, Verlässlichkeit und die Frage, ob Teilhabe auch unter wachsendem wirtschaftlichem Druck möglich bleibt.
Inhaltsverzeichnis
Zwischen Lebenszufriedenheit und Zukunftssorge
Der scheinbare Widerspruch zwischen Zufriedenheit und Sorge ist auf den zweiten Blick gut erklärbar. Viele Menschen mit Behinderung haben sich im Alltag Strukturen geschaffen, die ihnen Stabilität geben. Dazu gehören persönliche Netzwerke, vertraute Assistenz, medizinische Betreuung oder berufliche und soziale Routinen.
Doch genau diese Sicherheiten werden als verletzlich wahrgenommen. Wenn Pflegeleistungen knapper werden, Termine im Gesundheitswesen schwerer zu bekommen sind oder Unterstützungsangebote unter Druck geraten, entsteht Unsicherheit. Die Zufriedenheit mit dem gegenwärtigen Leben bedeutet daher nicht automatisch Vertrauen in die Zukunft. Sie kann vielmehr zeigen, wie viel Kraft nötig ist, um den Alltag überhaupt verlässlich zu gestalten.
Gesundheit und Pflege als größte Sorgenfelder
Gesundheit und Pflege gehören laut Befragung zu den wichtigsten Themen für 2026. Für Menschen mit Behinderung sind diese Bereiche oft nicht nur gelegentliche Anliegen, sondern dauerhafte Voraussetzungen für Selbstbestimmung. Eine verschobene Behandlung, fehlende Assistenz oder nicht barrierefreie Versorgung kann schnell weitreichende Folgen haben.
Die Sorge betrifft deshalb nicht allein medizinische Diagnosen oder Pflegegrade. Sie betrifft auch die Erreichbarkeit von Praxen, verständliche Kommunikation, barrierefreie Einrichtungen und ausreichend qualifiziertes Personal. Wo diese Bedingungen fehlen, wird Teilhabe eingeschränkt. Gesundheitspolitik wird damit unmittelbar zur Frage gesellschaftlicher Gleichstellung.
Soziale Sicherheit gewinnt an Bedeutung
Neben Gesundheit und Pflege nennen viele Befragte soziale Sicherheit als wichtiges Thema. Das ist vor dem Hintergrund steigender Lebenshaltungskosten besonders bedeutsam. Menschen mit Behinderung haben häufig zusätzliche Ausgaben, etwa für Mobilität, Hilfsmittel, Assistenz, barrierearmes Wohnen oder therapeutische Angebote.
Wenn Einkommen, Renten oder Sozialleistungen nicht Schritt halten, verschärft sich die Belastung. Auch Menschen, die erwerbstätig sind, können durch Teilzeit, eingeschränkte Arbeitsmöglichkeiten oder Diskriminierung am Arbeitsmarkt finanziell stärker gefährdet sein. Soziale Sicherheit meint daher mehr als reine Absicherung gegen Armut. Sie entscheidet darüber, ob Menschen ihr Leben selbst planen können.
Vertretung bleibt ein kritischer Punkt
Laut Ipsos fühlen sich 77 Prozent der Befragten politisch nicht ausreichend vertreten. Diese Zahl verweist auf ein Repräsentationsproblem, das über einzelne Sachfragen hinausgeht.
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Wer politische Entscheidungen über Pflege, Arbeit, Wohnen, Mobilität oder Gesundheit trifft, muss die Erfahrungen von Menschen mit Behinderung frühzeitig einbeziehen. Beteiligung darf nicht erst beginnen, wenn Gesetze bereits formuliert sind. Entscheidend ist, ob Betroffene mit ihren Perspektiven gehört werden und ob daraus praktische Verbesserungen entstehen.
Wohnen, Arbeit und Alltag hängen eng zusammen
Die Sorgen lassen sich nicht auf einzelne Felder begrenzen. Barrierefreier und bezahlbarer Wohnraum, faire Chancen auf dem Arbeitsmarkt und verlässliche Unterstützungsangebote greifen ineinander. Fehlt eine dieser Voraussetzungen, geraten auch andere Lebensbereiche unter Druck.
Wer keine passende Wohnung findet, hat schlechtere Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben. Wer im Arbeitsmarkt benachteiligt wird, ist stärker auf soziale Sicherung angewiesen. Wer keine verlässliche Pflege erhält, kann Ausbildung, Beruf oder soziale Kontakte oft nur eingeschränkt wahrnehmen.
Einordnung der wichtigsten Befragungsergebnisse
| Ergebnis der Befragung | Einordnung |
|---|---|
| 61 Prozent sind mit ihrem derzeitigen Leben zufrieden. | Viele Menschen verfügen aktuell über persönliche Stabilität, trotz bestehender Barrieren und Belastungen. |
| 37 Prozent blicken optimistisch auf 2026. | Der Blick in die Zukunft ist deutlich verhaltener als die Bewertung der Gegenwart. |
| Gesundheit und Pflege werden besonders häufig als Sorgenfelder genannt. | Die Verlässlichkeit von Versorgung und Unterstützung ist für viele Betroffene entscheidend für Selbstbestimmung. |
| 77 Prozent fühlen sich politisch nicht ausreichend vertreten. | Die Ergebnisse zeigen ein deutliches Bedürfnis nach stärkerer Beteiligung und sichtbarer Interessenvertretung. |
Handlungsbedarf für 2027
Für 2027 ergibt sich daraus ein klarer Auftrag. Pflege und Gesundheitsversorgung müssen barrierefrei, erreichbar und verlässlich organisiert werden. Gleichzeitig braucht es soziale Sicherungssysteme, die Mehrbelastungen realistisch abbilden und Menschen nicht in dauerhafte Unsicherheit drängen.
Auch der Arbeitsmarkt bleibt wichtig. Menschen mit Behinderung benötigen faire Zugänge zu Ausbildung, Beschäftigung und beruflicher Entwicklung. Unternehmen, Verwaltungen und Bildungseinrichtungen können hier viel bewirken, wenn sie Barrieren abbauen und inklusive Strukturen nicht als Ausnahme behandeln.
Kurzes Beispiel aus der Praxis
Eine berufstätige Frau mit Mobilitätseinschränkung ist mit ihrem Alltag grundsätzlich zufrieden. Sie hat eine barrierearme Wohnung, arbeitet in Teilzeit und erhält regelmäßig Unterstützung durch einen ambulanten Dienst. Dennoch blickt sie mit Sorge auf 2027, weil die Kosten steigen und ihre Pflegezeiten bereits mehrfach kurzfristig geändert wurden.
Fällt eine Assistenz aus oder verschiebt sich ein Arzttermin um Wochen, gerät ihr gesamter Tagesablauf durcheinander. Aus einer organisatorischen Schwierigkeit wird schnell ein Problem für Arbeit, Gesundheit und soziale Kontakte. Genau solche Erfahrungen erklären, warum viele Betroffene ihr heutiges Leben positiv bewerten und dennoch wenig optimistisch in die Zukunft schauen.
Quellen
Ipsos: „Menschen mit Behinderung blicken sorgenvoll auf 2026“, veröffentlicht am 13. Januar 2026.
Aktion Mensch: Übersicht zu Studien und Befragungen zu Inklusion, Teilhabe und Barrierefreiheit.




