Studium fertig und trotzdem zum Jobcenter: Wenn selbst Informatiker keinen Einstieg finden
Jahrelang lernen, Prüfungen bestehen, nebenbei Berufserfahrung sammeln – und nach dem Abschluss trotzdem Absagen kassieren: Für manche Hochschulabsolventen endet das Studium zunächst in der Arbeitslosigkeit. Selbst Wirtschaftsinformatik bietet keine Garantie mehr für einen schnellen Einstieg.
Die schwache Wirtschaft trifft auf einen technischen Umbruch, der ausgerechnet typische Einstiegsaufgaben verändern kann. Wer jetzt keinen Job findet, braucht deshalb mehr als den gut gemeinten Rat, einfach noch eine Bewerbung zu schreiben.
Sebastian: Ein duales Studium sollte Sicherheit bringen
Sebastian aus Berlin hat sich bewusst für ein duales Studium der Wirtschaftsinformatik entschieden. Hochschule und praktische Arbeit in einer Bank sollten ihm eine berufliche Perspektive eröffnen.
Die Verbindung aus Betriebswirtschaft und Informatik erscheint ihm nach dem Abitur zukunftssicher, das duale Modell bietet zudem einen direkten Bezug zum Arbeitsalltag. Was er an der Hochschule lernt, kann er in der Bank anwenden.
Umso enttäuschender ist nun für ihn, dass er nach dem Abschluss nicht übernommen wird. Anschließend bestimmen Bewerbungen seinen Alltag, über Monate hinweg bleibt der erhoffte Einstieg aus.
„Bewerbung schreiben, Bewerbung schreiben, Bewerbung schreiben“: So beschreibt Sebastian diese Zeit. Besonders belastet ihn, dass “niemand sagen kann, wann die Suche endlich endet und eine Zusage kommt”.
“Das frustet mich, von Unternehmen überhaupt keine Rückmeldung mehr zu bekommen”. Damit fehlt nicht nur ein Arbeitsvertrag, sondern häufig sogar eine Erklärung, woran die Bewerbung gescheitert ist.
Seine Geschichte widerspricht einer bequemen Erklärung: Berufseinsteiger scheitern nicht zwangsläufig daran, dass sie zu wenig praktische Erfahrung mitbringen. Sebastian hat bereits während seines Studiums gearbeitet und steht trotzdem ohne Anschlussstelle da.
Laura: Mehr als 100 Bewerbungen trotz Master in Data Science
Dass Sebastians Unsicherheit kein Einzelfall ist, zeigen weitere Rückmeldungen. Laura findet trotz eines Masters in Data Science nach mehr als 100 Bewerbungen auch keine Stelle.
Sie hat sich mit einem Fachgebiet beschäftigt, das eng mit Datenanalyse und KI verbunden ist. Dennoch öffnet ihr diese Spezialisierung bislang nicht die erhoffte Tür in den Beruf.
Desire und Max: Wenn der geplante Berufsweg nicht mehr trägt
Bei Desire beeinflusst die Angst vor KI bereits die Studienentscheidung: Eigentlich wollte sie Geschichte studieren, nun versucht sie, einen Studienplatz in Medizin zu bekommen. Sie fürchtet, mit ihrem ursprünglichen Berufswunsch später durch KI ersetzbar zu sein.
Max hat seinen Weg dagegen bereits geändert und arbeitet ungeplant als Lehrer, nachdem er in der Industrie und an Universitäten keine Stelle gefunden hat.
Mehr arbeitslose Akademiker – aber das Studium ist nicht wertlos
Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit stieg die Arbeitslosenquote von Menschen mit Hochschulabschluss von 2,9 Prozent im Jahr 2024 auf 3,3 Prozent im Jahr 2025.
Informatik: Weniger Stellenangebote bei weiter wachsender Beschäftigung
Für IT-Berufe ergibt sich ein widersprüchliches Bild: Die Beschäftigung wächst, während weniger Stellen neu gemeldet werden. Der BA-Bericht zur Informatik vom August 2026 weist für 2025 folgende Entwicklung aus.
| Kennzahl für IKT-Berufe | Entwicklung 2025 gegenüber 2024 | Einordnung |
|---|---|---|
| Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte | Rund 1,15 Millionen, plus 2 Prozent | Die Beschäftigung ist insgesamt weiter gestiegen. |
| Neu bei der BA gemeldete Stellen | Rund 39.000, minus 11 Prozent | Es kamen weniger gemeldete Jobangebote hinzu. |
| Gemeldete offene Stellen im Jahresdurchschnitt | Rund 13.000, minus 22 Prozent | Der durchschnittliche Stellenbestand sank deutlich. |
Gemeldete Stellen zeigen nur einen Teil des gesamten Stellenmarktes und sagen nicht unmittelbar, wie viele Menschen eingestellt wurden.
Wenn die Aufgaben verschwinden, an denen Anfänger lernen
Die Sorge über KI, die immer mehr Jobs von Menschen übernimmt, greift um sich. Übernimmt Software mehr einfache Programmierarbeiten, könnte der Bedarf an entsprechenden Einstiegsaufgaben sinken. Für Nachwuchskräfte würde damit zugleich eine Möglichkeit schwinden, Erfahrungen in ihrem Berufszweig zu sammeln.
Daraus entsteht ein mögliches Problem für Unternehmen selbst: Wer heute nur erfahrene Fachkräfte einstellen möchte und beim Nachwuchs spart, muss erklären, woher die erfahrenen Beschäftigten von morgen kommen sollen. Berufserfahrung entsteht schließlich durch Arbeit, zu der jemand erstmals Zugang bekommen muss.
Lena setzt auf KI – und auf Fähigkeiten jenseits des Programmierens
Die 27-jährige Softwareentwicklerin Lena aus Trier hat ihren Einstieg bereits geschafft: Sie schließt Wirtschaftsinformatik mit Auszeichnung ab und findet eine Stelle. Ihr Unternehmen entwickelt IT für Versorgungsunternehmen, unter anderem für die Energie- und Wasserversorgung.
Computer haben sie schon lange begeistert, im Studium investiert sie viel Zeit in ihre Programmierkenntnisse. Nun erlebt sie, wie ihr Arbeitgeber verstärkt KI einsetzt und sich damit gerade die Arbeit verändert, für die sie sich ausgebildet hat.
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Lena beschreibt das Gefühl, dass der Wert ihrer bisherigen Arbeit deutlich sinke. Besonders bei Aufgaben, die sonst Berufseinsteiger übernehmen, sieht sie die Möglichkeit, dass KI diese erledigt.
Gleichzeitig berichtet sie nicht von einer bevorstehenden Kündigung und macht sich nach eigener Aussage keine großen Sorgen. Sie versucht, KI als Arbeitskollegen zu betrachten und ihre Kenntnisse mit der Technik weiterzuentwickeln.
Dafür arbeitet sie bewusst nur selten im Homeoffice und sucht im Büro den Austausch, auch mit anderen Abteilungen. Sie möchte Zusammenhänge verstehen und lernen, komplexe Themen verständlich zu erklären.
Anders als Sebastian würde Lena sich erneut für ein Informatikstudium entscheiden.
Sebastians Neustart: Zweieinhalb Jahre Ausbildung für zunächst 970 Euro brutto
Sebastian zieht aus seiner erfolglosen Suche eine andere Konsequenz und entscheidet sich für eine Ausbildung zum Elektroniker. Während andere nach dem ersten Hochschulabschluss einen Master anschließen, will er einen praktischen Beruf erlernen.
Die Ausbildung soll zweieinhalb Jahre dauern, zu Beginn erhält er rund 970 Euro brutto im Monat.
Dass ein Elektroniker vor Ort Leitungen verlegt, erscheint ihm vorerst weniger leicht durch KI ersetzbar als manche Arbeit am Computer. Das ist seine Einschätzung der eigenen Zukunft und keine Garantie, dass handwerkliche Berufe dauerhaft unverändert bleiben.
800.000 wegfallende Jobs sind keine feststehende Zukunft
Eine Szenarioanalyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und seiner Forschungspartner berechnet nach 15 Jahren rund 790.000 wegfallende und etwa ebenso viele zusätzliche Arbeitsplätze gegenüber einem Vergleichsszenario. Im fünften Jahr liegt die Beschäftigung im KI-Szenario dagegen um fast 100.000 Personen niedriger.
Diese Modellrechnung hängt von Annahmen über Technik, Produktivität und neue Geschäftsmodelle ab und ist keine sichere Vorhersage. Ein rechnerischer Ausgleich bedeutet zudem nicht, dass Betroffene ohne Unterbrechung und am selben Wohnort eine passende neue Stelle finden.
Für jemanden, der heute seine Miete bezahlen muss, ist ein möglicherweise ausgeglichener Arbeitsmarkt in 15 Jahren deshalb nur begrenzt tröstlich. Der Übergang braucht konkrete Unterstützung und Arbeitgeber, die weiterhin bereit sind, Nachwuchs einzuarbeiten.
Nach dem Studium zuerst den Anspruch auf Arbeitslosengeld prüfen
Wer nach dem Abschluss keine Stelle findet, gehört nicht automatisch zum Jobcenter: Zunächst sollte die Agentur für Arbeit einen möglichen Anspruch auf Arbeitslosengeld prüfen. Dafür sind im Regelfall mindestens zwölf Monate Arbeitslosenversicherung innerhalb der letzten 30 Monate sowie Arbeitslosmeldung und Verfügbarkeit für eine versicherungspflichtige Beschäftigung erforderlich.
Gerade nach einem dualen Studium ist diese Prüfung wichtig, weil dual Studierende grundsätzlich auch arbeitslosenversicherungspflichtig sind. Ein gewöhnlicher Werkstudentenjob ist dagegen in der Arbeitslosenversicherung regelmäßig versicherungsfrei und schafft dann keine entsprechenden Beitragszeiten.
Der Abschluss allein begründet keinen Zahlungsanspruch, fehlende Berufsjahre nach dem Studium schließen ihn aber ebenso wenig automatisch aus. Weitere Hintergründe erläutert der Beitrag über Arbeitslosengeld im Zusammenhang mit einem Studium.
Wenn das Geld nicht reicht, ist der Antrag beim Jobcenter wichtig
Besteht kein ausreichender Anspruch auf Arbeitslosengeld, können nach dem Studienende Leistungen nach dem SGB II infrage kommen. Ob ein Anspruch besteht, hängt insbesondere von Erwerbsfähigkeit, Einkommen, verwertbarem Vermögen und der Bedarfsgemeinschaft ab.
Die Leistung heißt seit Juli 2026 Grundsicherungsgeld und hat das Bürgergeld abgelöst. Was Betroffene beachten müssen, erklärt der Ratgeber zu Anspruch, Antrag und Höhe des Grundsicherungsgeldes.
Wer Unterstützung benötigt, sollte den Antrag nicht wegen einer erhofften baldigen Zusage verschieben: Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts werden grundsätzlich frühestens für den Antragsmonat gewährt. Die Rückwirkung auf dessen Beginn ersetzt allerdings nicht die Prüfung, ab wann tatsächlich alle Voraussetzungen erfüllt waren, wie der Beitrag zur Monatsfrist beim Grundsicherungsantrag erläutert.
Auch Unterstützung für Bewerbungs- oder notwendige Reisekosten zu Vorstellungsgesprächen kann infrage kommen. Die Förderung aus dem Vermittlungsbudget sollte vor Entstehung der Kosten beantragt werden und ist grundsätzlich eine Ermessensleistung.
Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Arbeitsmarktbericht für Akademiker und Informatik; IAB-Forschungsbericht 23/2025; BA zu Arbeitslosengeld; BA-Weisungen zu § 27 SGB III; BA zu Grundsicherungsgeld; § 37 SGB II; BA zum Vermittlungsbudget.




