Hartz IV Bezieher selektiert zur Gratis-Arbeit

Arbeitsloseninitiative Galida: Hartz IV Bezieher erst selektiert und dann zur Gratis-Arbeit verdonnert

14.08.2014

In Darmstadt ist es wieder einmal der Kreativ-Abteilung des Jobcenters – dem Team Jobs für best!agers vorbehalten, gesellschaftlich überwunden geglaubte Zustände ins neue Jahrtausend zu transferieren. Verpackt wird dies unter dem euphemistischen Begriff “Begleitete Bewerbung“, unter dem unkritische Zeitgenossen eher ein sozialromantisch verklärtes Händchen-Halten eines Bewerbungsprofis für unsichere Erwerbslose verstehen könnten.

Die Darmstädter Realität ist eine andere und erfolgt in erster Linie mittels Vorladung: "Sie haben sich zwecks eines Bewerbungsgespräches am (xyz) um 9:45 Uhr auf dem Hof der Wäscherei einzufinden". So der unmissverständliche Jobcenter-Klartext an einen langjährigen GALIDA-Mitstreiter. So fanden sich dann am Morgen dieses Tages insgesamt 8 BewerberInnen nebst Jobcenter-Mitarbeiter Herr E. an der Laderampe der Wäscherei ein. Alle waren erstaunt ob der Vielzahl an BewerberInnen, doch die große Zahl gehört hier wohl zum Konzept: Was früher der Patron war, mutiert in dieser realen Geschichte zu einem der Besitzer der Wäscherei.

Ohne Bewerbungsmappe: Nach Nasenspitze wird aussortiert
Erste Handlung: Ohne je eine Bewerbungsmappe der Angetretenen gesehen zu haben, wird nach Nasenspitze aussortiert: Den, den und den können wir hier nicht gebrauchen. Die einzige Frau hört ebenfalls Klartext: Frauen können wir hier auch nicht gebrauchen.

Gut das da ein Mitarbeiter des Jobcenter anwesend war, werden jetzt viele denken. Der kann wenigstens bezeugen, in welcher Art und in welchem Tonfall hier mit nach Arbeit suchenden Menschen umgegangen wird. Doch Herr E. schweigt. Kein Wort zur Selektion von Erwerbslosen. Kein Ton zum Ausschluss von Frauen. Kein Abbruch der offiziellen Jobcenter-Veranstaltung an der Laderampe des Betriebsgeländes.

Im Gegenteil: Einer der Erwerbslosen macht deutlich, dass er unter diesen Umständen nicht in diesem Betrieb arbeiten, er sich aber die Veranstaltung bis zum Ende anhören wolle. Die bisherige Bewegungsstarre des Herrn E. findet hier ein jähes Ende: Mit großer Empörung verweist er ihn unmittelbar vom Hof. Diese Sache klären wir dann im Jobcenter, ruft er dem Erwerbslosen noch nach. Obwohl Art und Umgangsweise des Herrn F. eigentlich ein energisches Einschreiten von Seiten des Jobcenter notwendig gemacht hätte, führt das Schweigen letztendlich zum Kern des Problems: Die faktische Komplizenschaft des Teams best!agers des Jobcenter mit jedem Arbeitgeber, der auch nur ansatzweise einen möglichen Job vorgibt.

Gratis-Schuften für den Gewinn der Wäscherei
Übrig bleibt am Ende unser GALIDA-Mitstreiter, der natürlich einen Blick hinter die Kulissen dieses wahrlich ehrenwerten Betriebes werfen möchte. Die Gelegenheit hierzu folgt postwendend. In drei Tagen kostenloser „Probearbeit“ für die Wäscherei bekommt er mit, wie hier mit Mitarbeitern umgegangen wird: Rauer Tonfall, Muskelkraft statt Maschineneinsatz, überall defekte Dinge, welche die Arbeit noch schwerer machen, keine Sicherheitsschuhe vom Betrieb, der Sozialraum darf nicht genutzt werden, ständiger Arbeitsdruck von Vorgesetzten. Arbeitsende ist dann, wenn die Arbeit vollständig gemacht ist, vorher nicht. Überstunden aufschreiben? Auf welchem Planeten leben sie denn?

Am vierten Tag der vom Jobcenter verlangten Gratis-Arbeit in der Wäscherei ist dann auch der Chef anwesend: Der Arbeitsdruck steigt dadurch noch mehr. Aufgrund der hohen Temperaturen der Wäsche direkt nach dem Kochwaschgang erleidet unser Mitstreiter Hautirritationen an den Armen. Somit ist die Arbeit für ihn beendet. Der Chef legt einfach den Hörer auf, als er am folgenden Tag mit ihm hierüber sprechen will.

Nun werden einige sagen, bestimmt war das eine einmalige Aktion des best!agers-Teams bei der Wäscherei. Hier müssen wir enttäuschen: Uns liegen zwei Zeugenaussagen von unterschiedlichen Veranstaltungen dort vor. Die Teamleiterin Frau B. scheint davon überzeugt zu sein, dass in derartigen Beschäftigungsbedingungen wie in der Wäscherei die Zukunft ihrer Klientel liegt.

Doch wir möchten helfen:
Als erste Maßnahme der innerbetrieblichen Weiterbildung haben wir Frau B. einen Band von Upton Sinclairs Roman „Der Dschungel“ übergeben. Auf das es hilft, zukünftige „kreative Aktionen“ des Teams best!agers im Jobcenter Darmstadt menschenfreundlicher zu gestalten. Doch wir fragen uns: Was passiert mit Erwerbslosen, die sich diesen Schikanen widersetzen? Erhalten diese postwendend eine Sperrzeit durchs Jobcenter? Dient die „Begleitete Bewerbung“ vor alle der Generierung von kostensparenden Sanktionen? Schluss mit erniedrigenden Zwangsbewerbungen in latent gesetzwidrigen Betrieben! (pm Galida)





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