Die Riester-Rente war einmal als Renten-Erfolgsmodell gedacht: Sie sollte die absehbare Lücke schließen, die durch sinkende Leistungen aus der gesetzlichen Rente entstehen kann.
Staatliche Zulagen, steuerliche Vorteile und das Versprechen, dass am Ende mindestens die eingezahlten Beiträge zur Verfügung stehen, klangen nach Sicherheit.
Zwei Jahrzehnte später wirkt dieses Konzept wie aus einer anderen Zeit. Hohe Kosten, geringe Renditechancen, komplizierte Regeln und ein Markt, der sich zunehmend ausdünnt, haben aus der geförderten Privatvorsorge für viele ein Produkt gemacht, das sich rechnerisch nur noch selten lohnt – und emotional oft noch seltener.
Ein Produkt aus der Ära der Garantien
Riester ist ein Kind der frühen 2000er-Jahre. Damals waren sichere Zinsen auf Anleihen und klassischen Versicherungsanlagen noch selbstverständlich. In so einem Umfeld ließ sich das Kernversprechen der Riester-Welt – am Ende mindestens „Beitrag plus Zulagen“ – relativ bequem darstellen.
Mit der langen Niedrigzinsphase hat sich dieses Umfeld jedoch fundamental verändert. Sicherheit wurde teuer, weil sie am Kapitalmarkt nicht mehr „gratis“ zu bekommen war. Die Riester-Konstruktion hat darauf kaum eine gute Antwort gefunden, weil sie stark reglementiert ist und Renditequellen nur eingeschränkt nutzen kann.
Warum die Beitragsgarantie Rendite fast zwangsläufig ausbremst
Die vollständige Beitragsgarantie zwingt Anbieter dazu, einen großen Teil der Kundengelder so anzulegen, dass das Garantieniveau jederzeit darstellbar bleibt. Das bedeutet in der Praxis: viel Sicherungsvermögen, viel Vorsicht, wenig Spielraum.
Selbst wenn ein Vertrag fondsgebunden ist, wird häufig mit Sicherungsmechanismen gearbeitet, die Aktienquoten in ungünstigen Marktphasen reduzieren und damit oft genau dann drosseln, wenn langfristig orientierte Sparer eigentlich investiert bleiben müssten.
Hinzu kommt ein Effekt, den viele unterschätzen: Auch wenn ein Vertrag nominal „garantiert“, kann er real an Kaufkraft verlieren. Inflation frisst den Wert von Garantien auf.
Wenn Renditen über Jahre nur knapp positiv sind oder nach Kosten kaum noch etwas übrig bleibt, kann sich die gefühlte Sicherheit in einen schleichenden Vermögensverlust verwandeln.
Kosten, Provisionen und Verwaltung: Wenn Förderung verpufft
Ein häufiger Grund, warum Riester-Verträge enttäuschen, liegt nicht allein in der Anlage, sondern in der Kostenstruktur. Abschluss- und Vertriebskosten, laufende Verwaltungskosten und – je nach Produkt – Fondskosten oder Garantiekosten summieren sich.
Das Problem ist dabei weniger, dass Kosten existieren, sondern dass sie in vielen Verträgen so hoch sind, dass sie einen erheblichen Teil der staatlichen Förderung wieder auffressen. Gerade bei kleineren Beiträgen können die Kostenquoten besonders unvorteilhaft wirken, weil fixe Gebühren prozentual stärker ins Gewicht fallen.
Verbraucherschützer berichten seit Jahren von vielen Beschwerden rund um Riester-Verträge und kritisieren, dass ein beträchtlicher Anteil von Sparbeiträgen und Zulagen durch Kostenbelastungen geschmälert wird.
Auch Streit um unzulässige oder zumindest fragwürdige Praktiken taucht immer wieder auf – ein Hinweis darauf, dass der Markt nicht nur kompliziert, sondern auch konfliktanfällig ist.
Förderung ist oft keine „Prämie“, sondern eine Steuerrechnung im Zeitversatz
Riester wird über Zulagen und über steuerliche Abzugsmöglichkeiten gefördert. Was wie ein Geschenk wirkt, ist für viele in Wahrheit ein Mechanismus, der Steuern zeitlich verschiebt. In der Ansparphase entlastet die Förderung, in der Auszahlungsphase werden Riester-Leistungen grundsätzlich als Einkommen versteuert.
Ob sich das rechnet, hängt stark vom individuellen Steuersatz heute und im Alter ab – und von der Frage, wie hoch die reale Rendite nach Kosten überhaupt ausfällt.
Genau hier kippt die Rechnung häufig: Wenn die Rendite durch Garantiezwang und Kosten niedrig bleibt, kann die spätere Besteuerung den Vorteil der Förderung spürbar relativieren. In der Praxis kann das dazu führen, dass der Vertrag zwar „gefördert“ ist, aber dennoch ein bescheidenes Ergebnis liefert.
Die Komplexitätsfalle: Förderregeln, Mindesteinzahlung, Zulagenrisiko
Riester ist regelgetrieben. Wer die volle Förderung erhalten will, muss in der Regel jedes Jahr einen Mindesteigenbeitrag leisten, der sich am Vorjahreseinkommen orientiert. Änderungen im Einkommen, Elternzeiten, Teilzeitphasen oder ein Arbeitgeberwechsel können die Berechnung verändern. Fehler bei der Einordnung oder bei der Beantragung können dazu führen, dass Zulagen gekürzt werden oder ganz ausbleiben.
Diese ist kein Nebenpunkt, sondern ein wirtschaftlicher Faktor. Denn Riester rechnet sich – wenn überhaupt – häufig nur dann gut, wenn die Förderung zuverlässig und vollständig fließt. Je komplizierter das System, desto größer die Gefahr, dass genau das nicht passiert.
Die Auszahlungsphase: Ernüchterung durch Rentenfaktoren und Verrentung
Viele Riester-Sparer erleben die größte Enttäuschung nicht beim jährlichen Kontoauszug, sondern beim Übergang in die Rentenphase. Dann wird aus dem angesparten Kapital eine lebenslange Auszahlung kalkuliert, häufig über Rentenfaktoren. Genau an dieser Stelle gab es in den vergangenen Jahren juristische Auseinandersetzungen um Klauseln, die eine nachträgliche Absenkung der Rentenhöhe ermöglichen sollten. Solche Streitpunkte sind mehr als Vertragsdetails: Sie betreffen die Frage, wie verlässlich eine private Altersvorsorge wirklich ist, wenn wichtige Stellschrauben im Kleingedruckten nachträglich bewegt werden können.
Erschwerend kommt hinzu, dass Riester-Produkte traditionell stark auf Verrentung ausgerichtet sind. Wer Flexibilität will, etwa eine höhere Einmalentnahme oder eine andere Auszahlungslogik, stößt schnell an Grenzen oder zahlt indirekt dafür – etwa über ungünstigere Konditionen.
Wenn Anbieter aussteigen, ist das ein Warnsignal
Ein weiteres Indiz für die strukturellen Probleme ist der Markt selbst. In den vergangenen Jahren haben sich zahlreiche Anbieter aus dem Neugeschäft zurückgezogen oder ihre Produktpalette deutlich ausgedünnt.
Das ist kein Zufall, sondern eine Reaktion auf das Zusammenspiel aus Garantiezwang, anhaltendem Kostendruck und regulatorischen Anforderungen. Für Verbraucher bedeutet das: weniger Wettbewerb, weniger attraktive Neuangebote und häufig weniger transparente Vergleichsmöglichkeiten.
Wohn-Riester: Eigenheimförderung mit kompliziertem Nachspiel
Riester ist nicht nur „Rente“, sondern kann auch als Immobilienförderung genutzt werden. Das klingt attraktiv, weil Wohneigentum im Alter tatsächlich ein wichtiger Baustein sein kann. Das Problem liegt im steuerlichen Nachlauf: Wer gefördertes Riester-Kapital für eine Immobilie nutzt, baut ein fiktives Förderkonto auf, das später versteuert werden muss.
Dadurch entsteht eine Steuerlast im Ruhestand, die viele erst spät realisieren. Ob Wohn-Riester sinnvoll ist, hängt daher stark von der Lebensplanung, dem Zeitpunkt der Entnahme und der späteren steuerlichen Situation ab. Als „einfacher Weg ins Eigenheim“ taugt das Instrument für die meisten nicht.
Warum sich ein Neuabschluss heute besonders selten rechnet
Die Riester-Rente leidet nicht nur unter Altlasten, sondern auch unter einem Timing-Problem. Selbst wenn die Zinsen zuletzt wieder gestiegen sind, bleibt das Grundproblem bestehen: Garantie kostet Rendite, Kosten mindern den Zinseszinseffekt, und die Komplexität macht das Produkt beratungsintensiv. Gleichzeitig haben sich Alternativen verbreitet, die mit weniger Vorgaben auskommen und oft transparenter sind – sei es über betriebliche Altersvorsorge-Modelle, kostengünstige Wertpapiersparpläne oder andere Formen der privaten Vorsorge.
Hinzu kommt ein politischer Befund, der für sich spricht: Die Bundesregierung arbeitet inzwischen an einer grundlegenden Neuordnung der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge, die ausdrücklich darauf zielt, Riester in seiner bisherigen Form abzulösen und renditestärkere, kostengünstigere Lösungen zu ermöglichen.
Wenn ein Produkt faktisch als reformbedürftig und überholt gilt, wird ein Neuabschluss in der Übergangszeit automatisch riskanter – nicht rechtlich, aber ökonomisch. Denn niemand kann seriös versprechen, wie attraktiv heutige Konditionen im Vergleich zu künftigen Förderprodukten wirken werden.
Wann Riester trotzdem noch funktionieren kann
Trotz aller Kritik gibt es Konstellationen, in denen Riester noch einen spürbaren Vorteil bringen kann. Das betrifft vor allem Haushalte, bei denen die Zulagen im Verhältnis zum Eigenbeitrag sehr hoch ausfallen, etwa durch Kinderzulagen und niedrige eigene Einzahlungen.
Auch ältere Verträge, die zu Zeiten deutlich höherer Garantiezinsen abgeschlossen wurden, können im Bestand besser dastehen als neuere Produkte. In solchen Fällen ist die pauschale Empfehlung „kündigen“ oft der teuerste Fehler, weil dabei Förderung verloren gehen kann und ein bereits günstiger Vertragsrahmen zerstört wird.
Die entscheidende Unterscheidung ist daher nicht „Riester ja oder nein“, sondern „welcher Vertrag, welche Kosten, welche Förderung, welche Perspektive“. Genau deshalb raten viele Beratungsstellen dazu, bestehende Verträge individuell prüfen zu lassen, statt reflexartig zu kündigen oder weiterzuzahlen, ohne die Zahlen zu kennen.
Die geplante Reform ab 2027: Was sich schon jetzt abzeichnet
Die Reformpläne sind auch ein indirektes Urteil über den Status quo. Nach dem Stand Anfang 2026 soll die staatlich geförderte private Altersvorsorge grundlegend neu aufgestellt werden. Vorgesehen ist unter anderem, die Förderung für ein kostengünstiges Altersvorsorgedepot zu öffnen, bei dem Kapitalmarktanlagen ohne starre Garantiepflicht möglich sind.
Das soll die Renditechancen erhöhen und zugleich die Produkte verständlicher machen. Parallel wird über Kostenbegrenzungen, mehr Flexibilität bei der Auszahlung und einfachere Förderlogik gesprochen. Ergänzend taucht in den Konzepten eine „Frühstart“-Komponente auf, bei der frühzeitig Kapital für Kinder angelegt werden soll.
Für heutige Riester-Sparer ist vor allem wichtig, dass Reformen typischerweise Übergangsregeln und Wechselmöglichkeiten vorsehen können, aber selten ohne Reibung funktionieren.
Wer bereits einen Riester-Vertrag hat, steht damit vor einer nüchternen Abwägung: weiter besparen, beitragsfrei stellen oder auf künftige Produkte warten – immer abhängig davon, wie gut der eigene Vertrag tatsächlich ist und wie stark die persönliche Förderung wirkt.
Fazit
Die Riester-Rente lohnt sich für viele Menschen nicht mehr, weil das System in einem ungünstigen Dreieck gefangen ist: Garantiezwang drückt Rendite, Kosten drücken zusätzlich, und die Förderung ist häufig weniger großzügig, als sie auf den ersten Blick wirkt, weil sie im Alter steuerlich wieder hereinkommt.
Dazu kommen eine schwer verständliche Förderlogik, Unsicherheiten in der Auszahlungsphase und ein Markt, der die Attraktivität des Produkts selbst zunehmend infrage stellt.
Wer heute über Riester nachdenkt, sollte sich bewusst machen: Das Produkt ist nicht nur umstritten, es wird bereits durch ein neues Modell ersetzt. Damit wird Riester in seiner bisherigen Form zum Auslaufmodell – und Neuabschlüsse werden, nüchtern betrachtet, immer schwerer zu rechtfertigen. Für bestehende Verträge gilt dagegen: Erst rechnen, dann handeln. Denn im Einzelfall kann Riester – vor allem bei hoher Zulagenquote oder günstigen Altverträgen – trotz aller Systemfehler noch einen finanziellen Vorteil bieten.
Quellen
Stiftung Warentest: „Was der Umbau der Riester-Rente für Sie bedeutet“ (17.12.2025).




