Rente mit 63: Warum viele Rentner den früheren Ausstieg wählen

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Der klassische Renteneintritt mit Erreichen der Regelaltersgrenze ist längst nicht mehr der Normalfall. 2024 bezogen in Deutschland 937.107 Menschen erstmals eine Altersrente.

Nur 378.243 davon gingen über die Regelaltersrente in den Ruhestand. Die übrigen 558.750 nutzten einen vorgezogenen Zugang, also eine Altersrente vor der Regelaltersgrenze. Damit lag der Anteil der vorgezogenen Altersrenten bei rund 59,6 Prozent. Die Mehrheit ging also tatsächlich früher.

Das ist mehr als eine Statistik. Es ist ein Signal dafür, dass der Ruhestand in Deutschland immer seltener mit der offiziellen Altersgrenze beginnt. Viele Versicherte steigen früher aus dem Job aus, weil sie nicht mehr können, weil der Körper nicht mehr mitspielt oder weil die letzten Arbeitsjahre nur noch als Belastung erlebt werden.

Andere nutzen eine Möglichkeit, die ihnen das Rentenrecht nach jahrzehntelanger Arbeit eröffnet. In beiden Fällen zeigt sich: Die Regelaltersgrenze ist für viele nicht mehr der Maßstab der Wirklichkeit.

Die Mehrheit geht früher, aber nicht automatisch mit Abschlägen

Genau hier liegt der entscheidende Punkt. Die Mehrheit der Neurentner ging 2024 zwar vor der Regelaltersgrenze in Rente. Das bedeutet aber nicht, dass auch die Mehrheit lebenslange Abschläge hinnehmen musste.

Die größte Gruppe unter den vorgezogenen Altersrenten waren die besonders langjährig Versicherten mit 268.751 Zugängen. Diese Rentenart ist oft gerade deshalb attraktiv, weil sie bei erfüllten 45 Versicherungsjahren abschlagsfrei möglich ist. Hinzu kamen 225.120 Zugänge bei der Altersrente für langjährig Versicherte und 64.879 Zugänge bei der Altersrente für schwerbehinderte Menschen.

Die oft verkürzte Erzählung von der „Rente mit 63 trotz Abschlägen“ greift deshalb zu kurz. Treffender ist: Immer mehr Menschen gehen vor dem regulären Rentenalter in den Ruhestand. Ein erheblicher Teil nimmt dabei dauerhafte Kürzungen in Kauf. Viele andere nutzen hingegen einen abschlagsfreien Weg, weil sie auf 45 Versicherungsjahre kommen.

Was hinter der „Rente mit 63“ wirklich steckt

Der Begriff „Rente mit 63“ wirkt klar, ist rechtlich aber unscharf. Eine eigene Rentenart mit diesem Namen gibt es nicht. Gemeint sind verschiedene Wege in die vorgezogene Altersrente.

Wer mindestens 35 Versicherungsjahre erreicht, kann die Altersrente für langjährig Versicherte ab 63 beziehen.

Der Preis dafür ist hoch. Für jeden Monat, den die Rente vor der persönlichen Altersgrenze beginnt, wird ein Abschlag von 0,3 Prozent fällig. Maximal sind 14,4 Prozent möglich. Diese Kürzung bleibt lebenslang bestehen.

Wer dagegen 45 Versicherungsjahre erfüllt, kann über die Altersrente für besonders langjährig Versicherte früher aus dem Erwerbsleben aussteigen, ohne Abschläge hinnehmen zu müssen.

Allerdings wurde auch diese Altersgrenze schrittweise angehoben. Für viele jüngere Jahrgänge ist die abschlagsfreie Frührente daher längst nicht mehr mit genau 63 erreichbar.

Gerade deshalb ist die bekannte Formel politisch eingängig, aber inhaltlich ungenau. Hinter demselben Schlagwort verbergen sich sehr unterschiedliche Lebenslagen und sehr unterschiedliche finanzielle Folgen.

Warum so viele den früheren Ausstieg wählen

Die Zahlen zeigen, dass der frühere Rentenbeginn längst kein Randphänomen mehr ist. Sie sagen aber nicht von selbst, warum Menschen diesen Schritt gehen. Schaut man auf die Lebenswirklichkeit vieler Beschäftigter, liegt die Antwort oft nahe.

Wer körperlich schwer arbeitet, im Schichtdienst steht, unter Dauerstress leidet oder mit gesundheitlichen Einschränkungen kämpft, erlebt die letzten Berufsjahre oft nicht als normalen Ausklang, sondern als Kraftakt. Für einen Teil der Versicherten ist die Frührente deshalb kein Komfortmodell, sondern ein Ausweg. Manchmal ist sie die einzige realistische Möglichkeit, den Übergang in den Ruhestand überhaupt noch selbst zu gestalten.

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Hinzu kommt ein weiterer Effekt. Seit dem 1. Januar 2023 sind die Hinzuverdienstgrenzen bei vorgezogenen Altersrenten weggefallen. Wer früher in Altersrente geht, kann grundsätzlich weiterarbeiten, ohne dass der zusätzliche Verdienst die Rente kürzt. Auch das verändert die Entscheidung. Der Übergang in den Ruhestand ist heute flexibler als früher. Manche verlassen den Hauptjob, ziehen die Rente vor und arbeiten in geringerem Umfang weiter.

Der finanzielle Preis bleibt spürbar

So nachvollziehbar der frühere Ausstieg oft ist, billig ist er nicht. Ende 2024 lag der durchschnittliche Zahlbetrag bei Altersrenten bei 1.154 Euro im Monat. Bei Frauen waren es 955 Euro, bei Männern 1.405 Euro. Schon diese Beträge zeigen, wie knapp viele Renten ausfallen.

Wer dazu noch einen dauerhaften Abschlag tragen muss, spürt das Monat für Monat. Bei einer rechnerischen Rente von 1.400 Euro brutto bedeuten 13,8 Prozent Abschlag ein Minus von 193,20 Euro im Monat. Auf das Jahr gerechnet sind das 2.318,40 Euro weniger. Und weil der Abschlag dauerhaft gilt, summiert sich der Verlust über die gesamte Rentenzeit zu einer erheblichen Belastung.

Genau darin liegt der eigentliche Konflikt. Viele gehen nicht früher, weil sie es sich bequem machen wollen. Viele gehen früher, obwohl sie wissen, dass sie sich die Kürzung eigentlich kaum leisten können. Der Wunsch nach Entlastung ist dann größer als die Angst vor dem finanziellen Nachteil.

35 Jahre, 45 Jahre, Schwerbehinderung: Die Unterschiede sind enorm

Für Versicherte ist deshalb vor allem eines wichtig: Sie müssen genau wissen, auf welchem Weg sie in Rente gehen wollen. Zwischen 35 und 45 Versicherungsjahren liegen erhebliche Unterschiede. Wer 45 Jahre erfüllt, hat oft die Chance auf einen abschlagsfreien früheren Rentenbeginn. Wer nur 35 Jahre erreicht, kann ebenfalls früher gehen, muss aber meist lebenslange Abzüge hinnehmen.

Für schwerbehinderte Menschen gelten zudem eigene begünstigte Altersgrenzen. Auch hier ist ein früherer Rentenbeginn möglich. Entscheidend sind jedoch die rechtlichen Voraussetzungen, insbesondere der anerkannte Grad der Behinderung von mindestens 50 und die erforderliche Wartezeit.

Gerade weil diese Unterschiede so groß sind, führt die pauschale Rede von der „Rente mit 63“ oft in die Irre. Sie klingt einfach, verschleiert aber, dass sich dahinter völlig verschiedene Rentenwege verbergen.

FAQ

Geht die Mehrheit wirklich vor der Regelaltersgrenze in Rente?
Ja. 2024 entfielen von 937.107 neuen Altersrenten nur 378.243 auf die Regelaltersrente. Rund 59,6 Prozent der neuen Altersrenten begannen vorzeitig.

Ist die „Rente mit 63“ eine eigene Rentenart?
Nein. „Rente mit 63“ ist nur ein umgangssprachlicher Begriff. Gemeint sind verschiedene vorgezogene Altersrenten mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Folgen.

Wie hoch sind die Abschläge bei einer vorgezogenen Altersrente?
Der Abschlag beträgt 0,3 Prozent pro Monat der vorzeitigen Inanspruchnahme. Maximal sind 14,4 Prozent möglich. Die Kürzung gilt dauerhaft.

Kann man trotz vorgezogener Altersrente weiterarbeiten?
Ja. Seit Anfang 2023 sind die Hinzuverdienstgrenzen bei vorgezogenen Altersrenten weggefallen. Zusätzliche Einkünfte führen grundsätzlich nicht mehr zur Kürzung der Altersrente.

Warum gehen so viele Menschen früher in Rente?
Häufig spielen gesundheitliche Einschränkungen, belastende Arbeitsbedingungen, lange Versicherungsbiografien und der Wunsch nach einem früheren Ausstieg aus dem Erwerbsleben eine Rolle.

Quellen

Deutsche Rentenversicherung: Rentenstatistik 2024: Zahlen, Trends und Entwicklungen

Deutsche Rentenversicherung: „Rente mit 63“? Welche Altersrenten es für langjährig Versicherte gibt