Der Bremer Senat plant eine deutliche Erhöhung des Stadttickets – und trifft damit ausgerechnet die Menschen, die ohnehin jeden Euro zweimal umdrehen müssen.
Rund 58.000 Bremerinnen und Bremer beziehen Bürgergeld oder andere Grundsicherungsleistungen und sind in ihrem Alltag stark auf Bus und Bahn angewiesen. Wer nicht über ein Auto verfügt und keine Rücklagen hat, erlebt den ÖPNV nicht als freiwillige Option, sondern als unverzichtbare Lebensader.
Scharfe Kritik vom Erwerbslosenverband
Die nun angekündigte Preiserhöhung löst in der Stadt heftige Diskussionen aus. Besonders Erwerbsloseninitiativen warnen davor, dass der rot-grün-rote Senat mit diesem Schritt jene belastet, für die der ÖPNV eigentlich ein Mittel sozialer Teilhabe sein soll. Der Bremer Erwerbslosenverband formuliert seine Kritik ungewöhnlich scharf – und spricht von einer Politik, die die Lebensrealität von Menschen in Armut ausblendet.
Warum das Stadtticket für viele Menschen unverzichtbar ist
Das Stadtticket gilt in Bremen seit Jahren als eines der wichtigsten sozialpolitischen Angebote im Nahverkehr. Bürgergeld-Beziehende sowie Menschen im Wohngeld- oder Kinderzuschlagsbezug können es deutlich günstiger erwerben als ein reguläres Monatsticket. Mit bisher 35,20 Euro im Monat blieb die Fahrkarte für viele gerade noch bezahlbar und sicherte ihnen Mobilität im Alltag.
Viele Bremerinnen und Bremer nutzen das Ticket, um Arzttermine wahrzunehmen, Kinder in Schule oder Kita zu bringen oder Jobcenter- und Bewerbungsgespräche zu erreichen.
Ohne das Ticket droht ihnen soziale Isolation oder der Zwang, Wege zu Fuß zurückzulegen, die körperlich nicht zu bewältigen sind. Gerade in einer Stadt wie Bremen, in der Entfernungen im Alltag selten fußläufig zu meistern sind, entscheidet Mobilität darüber, ob Menschen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.
Was die geplante Preiserhöhung bedeutet
Nach Informationen des “Weser-Kuriers” hat sich der Koalitionsausschuss aus SPD, Grünen und Linken auf eine deutliche Preissteigerung geeinigt. Ab dem 1. Januar soll das Stadtticket nicht mehr 35,20 Euro, sondern 39,90 Euro kosten. Die Erhöhung um 4,70 Euro mag im ersten Moment gering erscheinen, trifft aber Menschen im Bürgergeldbezug mit voller Wucht.
Der Grund dafür liegt in der Höhe der Regelsätze. Für Essen und Getränke stehen pro Tag lediglich 6,42 Euro zur Verfügung. Wer 4,70 Euro zusätzlich für Mobilität ausgeben muss, verzichtet fast auf einen gesamten Tag Essen – oder muss bei anderen lebensnotwendigen Ausgaben kürzen.
Steigende Preise verschärfen den Druck
Die Lebenshaltungskosten steigen weiter, und viele Bürgergeld-Beziehende kämpfen bereits darum, am Monatsende nicht mit leeren Kühlschränken dazustehen. Jede neue Belastung führt zu einer Kettenreaktion im ohnehin knappen Haushaltsbudget. Viele Betroffene berichten, dass sie schon heute häufig Mahlzeiten ausfallen lassen, um Geld für Tickets, Medikamente oder Kinderbedarf zu sparen.
Hilfebedürftige unter Druck
In einer solchen Situation wirkt die Preiserhöhung wie ein Signal, das Betroffene hart trifft: Mobilität soll nicht mehr selbstverständlich sein, sondern wird zur finanziellen Hürde. Die Entscheidung des Senats reiht sich nach Ansicht vieler Kritikerinnen und Kritiker in eine bundespolitische Stimmung ein, die Bürgergeld-Beziehende zunehmend unter Druck setzt.
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Bescheid prüfenErwerbslosenverband warnt vor sozialer Spaltung
Der Bremer Erwerbslosenverband schildert, wie sehr der Preisanstieg die Menschen verunsichert.
Viele hätten Angst, sich künftig entscheiden zu müssen, “ob sie einen Arzttermin wahrnehmen oder genug Essen kaufen. Betroffene sprechen von einem Eingriff in das Existenzminimum und fordern die Landesregierung auf, die Erhöhung zurückzunehmen.”
Der Verband betont, dass Mobilität kein Luxus sei, sondern eine Grundvoraussetzung für ein menschenwürdiges Leben. Ohne bezahlbaren ÖPNV schrumpfen berufliche Chancen, soziale Kontakte brechen weg und notwendige Wege können kaum noch bewältigt werden. Die geplante Erhöhung verschärfe daher Armut, anstatt sie zu bekämpfen.
Was der Senat jetzt tun müsste
Viele Sozialverbände und Initiativen erwarten vom Bremer Senat, soziale Leistungen nicht nur zu sichern, sondern auszubauen. Die Preiserhöhung wirkt jedoch wie ein Schritt in die gegenteilige Richtung. Kritiker werfen der Landesregierung vor, sich dem bundespolitischen Trend zu beugen, der stärker auf Einsparungen als auf soziale Gerechtigkeit setzt.
Mobilität fördern statt Armut vertiefen
Eine sozial ausgerichtete Verkehrspolitik müsste dagegen Mobilität fördern und Armut nicht weiter vertiefen. Sie könnte etwa durch gezielte Zuschüsse, eine Rücknahme der Erhöhung oder ein komplett kostenfreies Mobilitätsangebot für Menschen mit geringem Einkommen entstehen. Gerade Bremen, das sich gern als soziale und solidarische Stadt präsentiert, zeigt aktuell einen Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Was die Entscheidung für den Alltag bedeutet
Für viele Bürgergeld-Beziehende wirkt sich die Erhöhung unmittelbar auf den Alltag aus. Wer bereits jeden Cent plant, kann Mehrkosten kaum abfedern. Das Risiko liegt darin, dass Menschen das Ticket künftig nicht mehr kaufen und dadurch wichtige Wege nicht mehr bewältigen können.
Ein Beispiel aus der Praxis: Bürgergeld-Bezieherin riskiert Sanktionen, weil sie sich das Ticket nicht mehr leisten kann
Mira, 27 Jahre alt, ist seit einigen Monaten im Bürgergeld-Bezug und muss regelmäßig zu Beratungsterminen im Jobcenter erscheinen. Ohne Ticket wäre es ihr nicht möglich, pünktlich dort zu sein, da sie drei Kilometer entfernt wohnt und gesundheitlich nicht gut zu Fuß ist.
Durch die Preissteigerung fehlt ihr das Geld für das Monatsende, und sie überlegt, das Ticket nicht zu verlängern. Dadurch droht sie Termine zu verpassen – und riskiert Sanktionen, die ihre Existenz weiter gefährden
Ein Problem folgt auf das andere
Verzicht auf Mobilität führt häufig zu noch größeren Problemen: Versäumte Jobcenter-Termine können Sanktionen nach sich ziehen, ausgefallene Arztbesuche gefährden die Gesundheit. Auch Kinder leiden darunter, wenn Eltern ihre Wege nicht mehr zuverlässig organisieren können. Mobilität entscheidet damit über Chancen – und über sozialen Zusammenhalt.
Soziale Verantwortung oder Ausgrenzung der Ärmsten?
Bremen steht nun vor der Entscheidung, ob es den Weg sozialer Verantwortung geht oder Menschen mit geringem Einkommen weiter an den Rand drängt. Der Streit um das Stadtticket ist deshalb mehr als eine Tarifdiskussion: Er ist ein Prüfstein für den Anspruch einer solidarischen Stadt.




