Rente: Immer mehr Rentner gelten als arm: Anstieg auf 1,28 Millionen Armutsrentnern

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Die Entwicklung fällt auf den ersten Blick moderat aus, doch ihre gesellschaftliche Aussagekraft ist erheblich. Ende Dezember 2025 bezogen in Deutschland rund 1,28 Millionen Menschen Leistungen der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung nach dem Zwölften Buch Sozialgesetzbuch. Gegenüber Dezember 2024 entspricht das einem Anstieg um rund 23.000 Personen oder 1,8 Prozent.

Hinter dieser Zahl steht mehr als ein statistischer Zuwachs. Sie verweist auf eine soziale Lage, in der für immer mehr Menschen das Einkommen im Alter oder bei dauerhafter Erwerbsminderung nicht mehr ausreicht, um den notwendigen Lebensunterhalt selbst zu bestreiten.

Gerade weil sich die öffentliche Debatte häufig auf Durchschnittsrenten, Rentenanpassungen oder die langfristige Stabilität der gesetzlichen Rentenversicherung konzentriert, gerät der Blick auf die Menschen am unteren Ende der Einkommensskala leicht in den Hintergrund.

Die Grundsicherung zeigt jedoch in besonders nüchterner Form, wo finanzielle Not im Alter und bei gesundheitlich bedingter Erwerbsunfähigkeit tatsächlich ankommt: im Alltag der Betroffenen, bei Miete, Heizung, Lebensmitteln und medizinischen Zusatzkosten.

Vor allem die Zahl älterer Leistungsbezieher steigt weiter

Auffällig ist, dass der Anstieg nicht gleichmäßig verteilt ist. Während die Zahl der Empfängerinnen und Empfänger von Grundsicherung bei dauerhafter Erwerbsminderung leicht zurückging, nahm die Zahl der Menschen im Rentenalter spürbar zu. Rund 764.000 Personen, die die gesetzliche Altersgrenze erreicht oder überschritten hatten, bezogen Ende 2025 Grundsicherung im Alter. Das waren 3,4 Prozent mehr als ein Jahr zuvor und zugleich der höchste bislang ausgewiesene Stand.

Damit verdichtet sich ein Befund, der schon seit Jahren erkennbar ist: Das Armutsrisiko im höheren Lebensalter ist längst kein Randphänomen mehr. Wenn die Zahl der älteren Leistungsberechtigten einen neuen Höchststand erreicht, lässt sich das nicht als vorübergehende Schwankung abtun.

Vielmehr deutet vieles darauf hin, dass die Absicherung im Alter für einen wachsenden Teil der Bevölkerung brüchiger geworden ist. Die Grundsicherung greift zwar als letztes soziales Auffangnetz, doch ihr wachsender Bezug ist immer auch ein Hinweis darauf, dass vorgelagerte Sicherungssysteme für viele Menschen nicht ausreichen.

Was die Statistik tatsächlich misst

Die Destatis-Zahlen betreffen nicht nur klassische Altersarmut, sondern zwei Gruppen: Menschen, die die maßgebliche Altersgrenze erreicht haben, und Erwachsene, die dauerhaft voll erwerbsgemindert sind.

Anspruch haben Personen, die ihren Lebensunterhalt nicht aus eigenem Einkommen oder Vermögen decken können. Im Dezember 2025 lag die maßgebliche Altersgrenze bei 66 Jahren und 2 Monaten. Für vor 1947 Geborene galt noch die Grenze von 65 Jahren, für spätere Jahrgänge wurde sie schrittweise angehoben.

Gerade diese Differenzierung ist wichtig. Wer über Altersarmut spricht, sollte präzise benennen, dass die Gesamtzahl von 1,28 Millionen auch Menschen umfasst, die noch nicht im Rentenalter sind, aber wegen Krankheit oder Behinderung auf Dauer weniger als drei Stunden täglich unter den üblichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes arbeiten können.

Dennoch zeigt die Aufschlüsselung eindeutig, dass der aktuelle Anstieg vor allem aus dem Bereich der Grundsicherung im Alter kommt. Das Thema Altersarmut ist damit nicht bloß eine zugespitzte Schlagzeile, sondern statistisch klar erkennbar.

Warum steigende Zahlen politisch und sozial bedeutsam sind

Grundsicherung im Alter ist nicht einfach eine Verwaltungskategorie. Sie steht für Einkommenslagen, in denen die reguläre Altersrente, weitere Rentenansprüche, Betriebsrenten, Ersparnisse oder sonstige Einkünfte nicht ausreichen. Wer auf diese Leistung angewiesen ist, lebt in der Regel mit sehr engen finanziellen Spielräumen. Schon kleinere Preissteigerungen bei Strom, Heizung, Nahverkehr oder Medikamentenzuzahlungen können dann spürbare Folgen haben.

Hinzu kommt eine Hürde, über die seit Jahren diskutiert wird: Nicht alle Anspruchsberechtigten nehmen die Leistung tatsächlich in Anspruch. Scham, Unkenntnis oder die Furcht vor bürokratischen Verfahren spielen dabei eine Rolle. Die offiziell ausgewiesene Zahl bildet deshalb sehr wahrscheinlich nicht die gesamte soziale Problemlage ab.

Wenn bereits die registrierten Fälle auf einen neuen Höchststand steigen, spricht vieles dafür, dass die materielle Unsicherheit im Alter breiter reicht als die Statistik unmittelbar zeigt.

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Die Entwicklung passt in ein größeres Bild wachsender Unsicherheit im Alter

Die neuen Zahlen stehen nicht isoliert. Nach Ergebnissen der Erhebung EU-SILC 2024 waren 19,4 Prozent der Menschen ab 65 Jahren in Deutschland armutsgefährdet. Das lag über dem Wert der Gesamtbevölkerung.

Ebenfalls aufschlussreich ist eine weitere Destatis-Auswertung: Jede fünfte Person im Ruhestand ab 65 Jahren verfügte 2024 über ein monatliches Nettoäquivalenzeinkommen von maximal 1.400 Euro. Diese Größenordnung erklärt, warum steigende Lebenshaltungskosten gerade für ältere Haushalte schnell zum Problem werden können, selbst wenn formal noch kein Anspruch auf Grundsicherung besteht.

Daraus ergibt sich ein wichtiges Bild. Altersarmut beginnt nicht erst mit dem Bezug staatlicher Hilfe. Sie entwickelt sich oft in einer Vorzone knapper Einkommen, in der Rücklagen fehlen und unerwartete Belastungen kaum abgefedert werden können. Die Grundsicherungsstatistik zeigt deshalb nur den sichtbarsten Teil eines größeren sozialen Problems.

Migration und Flucht wirken auf die Gesamtzahl mit ein, erklären sie aber nicht allein

Destatis weist darauf hin, dass auch die Zahl leistungsberechtigter Geflüchteter aus der Ukraine erneut gestiegen ist. Sie nahm von rund 99.000 im Dezember 2024 auf rund 109.000 im Dezember 2025 zu, was einem Plus von 9,9 Prozent entspricht. Dieser Zuwachs hatte erneut maßgeblichen Anteil an der Gesamtentwicklung, fiel aber schwächer aus als in den Vorjahren.

Diese Einordnung ist wichtig, weil sie eine häufig verkürzte Debatte verhindert. Der Anstieg der Gesamtzahl lässt sich nicht seriös auf einen einzigen Faktor reduzieren. Zwar beeinflusst die Zunahme ukrainischer Leistungsberechtigter die Statistik sichtbar, zugleich ist aber ebenso klar, dass die Zahl älterer Menschen mit Grundsicherung unabhängig davon auf einen neuen Höchststand gestiegen ist. Das Problem reicht also tiefer als kurzfristige Sondereffekte. Es betrifft die Frage, wie tragfähig Alterseinkommen in Deutschland für Menschen mit niedrigen Löhnen, unterbrochenen Erwerbsbiografien, Teilzeitphasen oder gesundheitlichen Einschränkungen tatsächlich sind.

Besonders verletzlich sind Menschen mit lückenhaften Erwerbsbiografien

Wer heute im Alter auf Grundsicherung angewiesen ist, hat häufig ein langes Erwerbsleben hinter sich, aber kein existenzsicherndes Einkommen im Ruhestand erreicht. Dahinter stehen oft Jahre im Niedriglohnsektor, unfreiwillige Teilzeit, Arbeitslosigkeit, Pflege von Angehörigen oder gesundheitliche Brüche.

Besonders Frauen tragen dieses Risiko seit Langem in höherem Maße, weil Erwerbsunterbrechungen und geringere Einkommen noch immer häufiger auf ihren Rentenverlauf durchschlagen.

Auch Solo-Selbstständige, Menschen mit längeren Phasen außerhalb sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung und Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen gehören zu den Gruppen, bei denen das Risiko finanzieller Not im Alter erhöht ist. Die Statistik benennt diese Biografien nicht im Einzelnen, aber sie spiegelt deren Folgen wider. Wenn die Zahl älterer Leistungsbezieher Jahr für Jahr wächst, dann verweist das auch auf ein Arbeitsmarkt- und Lohnproblem, das sich zeitversetzt in der Rentenphase bemerkbar macht.

Die politische Debatte wird schärfer werden

Die neuen Daten dürften die Diskussion über die Angemessenheit von Renten, über das Niveau der Alterssicherung und über ergänzende Hilfen weiter anheizen. Denn die Frage ist nicht nur, wie Armut im Alter verwaltet wird, sondern wie sie wirksam verhindert werden kann. Dabei geht es um Löhne, Erwerbschancen, soziale Absicherung über den Lebensverlauf hinweg, bezahlbares Wohnen und die tatsächliche Reichweite rentenpolitischer Instrumente.

Zugleich zeigt sich ein Spannungsverhältnis, das in der Sozialpolitik immer deutlicher wird. Einerseits existiert mit der Grundsicherung ein Schutzmechanismus, der Notlagen abfedern soll. Andererseits kann eine wachsende Zahl von Leistungsbeziehern kaum als Erfolgsmeldung verstanden werden. Ein soziales Sicherungssystem funktioniert nicht schon deshalb gut, weil es einspringt, wenn Menschen im Alter zu wenig haben. Es muss sich auch daran messen lassen, wie oft dieses letzte Netz überhaupt benötigt wird.

Was die Zahl von 1,28 Millionen über Deutschland erzählt

Die neue Destatis-Meldung ist deshalb mehr als eine statistische Notiz aus dem Sozialbereich. Sie erzählt von einem Land, in dem viele Menschen nach jahrzehntelanger Arbeit oder infolge dauerhafter gesundheitlicher Einschränkungen finanziell nicht ausreichend abgesichert sind. Dass der Gesamtanstieg 2025 geringer ausfiel als im Vorjahr, ändert nichts an der Richtung der Entwicklung. Besonders bei älteren Menschen zeigt der Trend nach oben.

Altersarmut darf nicht nur dann Aufmerksamkeit erhalten, wenn spektakuläre Einzelfälle bekannt werden. Sie ist längst Teil des sozialen Alltags in Deutschland. Die Grundsicherung im Alter macht diese Realität sichtbar, nüchtern, behördlich und ohne jede Zuspitzung. Gerade deshalb ist die Botschaft so deutlich. Wo immer mehr ältere Menschen auf diese Leistung angewiesen sind, wächst nicht nur eine Zahl. Es wächst die soziale Unsicherheit im Alter.

Quellen

Statistisches Bundesamt (Destatis), Pressemitteilung vom 26. März 2026: Rund 1,28 Millionen Personen bezogen im Dezember 2025 Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung; plus 1,8 Prozent gegenüber Dezember 2024; 764.065 Personen im Bereich Grundsicherung im Alter, 519.795 bei Erwerbsminderung; Altersgrenze im Dezember 2025 bei 66 Jahren und 2 Monaten; Zahl ukrainischer Leistungsberechtigter bei 109.290.

Statistisches Bundesamt (Destatis), Pressemitteilung vom 28. März 2025: Im Dezember 2024 bezogen rund 1,26 Millionen Personen Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung; daraus ergibt sich der Vorjahresvergleich für 2025.