Die Begutachtung im Schwerbehindertenrecht ist für viele Betroffene ein Moment hoher Anspannung. Das liegt nicht nur daran, dass viel von einem Termin abhängen kann, sondern auch an der Gesprächsführung: Gutachterinnen und Gutachter stellen häufig Fragen, die sich wie „Fangfragen“ anfühlen und zum Teil darüber entscheiden, wie hoch der Grad der Behinderung (GdB) ist.
Gemeint sind Fragen, die darauf zielen, Widersprüche aufzudecken, die Alltagsrelevanz von Beschwerden einzuordnen oder die Plausibilität von Angaben mit Blick auf Befunde und Funktionsbeeinträchtigungen zu prüfen.
Warum Begutachtende so fragen, wie sie fragen
Im Feststellungsverfahren geht es nicht darum, ob eine Diagnose „schlimm klingt“, sondern wie stark gesundheitliche Beeinträchtigungen das Leben tatsächlich einschränken.
Maßgeblich ist die funktionelle Auswirkung: Was geht noch, was geht nur eingeschränkt, was geht nicht mehr oder nur unter Schmerzen, Erschöpfung, Angst, erheblichen Pausen oder mit Hilfe?
Das Verfahren stützt sich auf gesetzliche Vorgaben und medizinische Bewertungsmaßstäbe, die ausdrücklich auf Funktionsausfälle und Teilhabeeinschränkungen abstellen.
Deshalb kreisen viele Fragen um Alltag, Mobilität, Selbstversorgung, Belastbarkeit, Kommunikation, psychische Stabilität und um die Frage, ob Beschwerden dauerhaft, häufig oder nur gelegentlich auftreten.
„Fangfragen“ entstehen häufig dort, wo der Alltag in einem kurzen Satz leicht „zu gut“ oder „zu schlecht“ dargestellt werden kann. Begutachtende müssen daraus trotzdem eine belastbare Einschätzung ableiten.
Sie fragen deshalb nach Beispielen, nach typischen Tagen, nach Abweichungen („gute Tage“ und „schlechte Tage“), nach Hilfsmitteln, nach Therapieverläufen und nach objektivierbaren Befunden. Wer darauf vorbereitet ist, kann Antworten geben, die weder dramatisieren noch verharmlosen, sondern nachvollziehbar und prüfbar sind.
Fangfragen der Gutachter – und wie Du darauf reagieren solltest
| Typische Frage im Gutachten | So sollten Betroffene antworten (alltagsnah, überprüfbar, mit Rahmenbedingungen) |
|---|---|
| „Was genau ist Ihr Problem?“ | Beschreiben Sie Auswirkungen statt nur Diagnosen: „Entscheidend ist, was nicht mehr zuverlässig geht. Ich kann nur kurz stehen und muss danach sitzen; nach Belastung verschlechtern sich die Beschwerden für mehrere Stunden oder am Folgetag.“ |
| „Seit wann besteht das?“ | Nennen Sie Zeitraum, Verlauf und typische Schwankungen: „Seit … besteht es dauerhaft. Es gibt gute und schlechte Tage; im Durchschnitt habe ich pro Woche … Tage mit deutlichen Einschränkungen.“ |
| „Wie weit können Sie gehen?“ | Antworten Sie mit Distanz, Zeit, Pausen und Folgen: „Etwa … Meter, dann Pause von … Minuten. Danach bin ich für den restlichen Tag eingeschränkt; am nächsten Tag sind die Schmerzen/Fatigue stärker.“ |
| „Können Sie Treppen steigen?“ | Kein schlichtes Ja/Nein, sondern Bedingungen: „Nur wenige Stufen, langsam, mit Geländer, mit Pausen. Danach brauche ich Erholung; ich vermeide Treppen im Alltag, wenn es möglich ist.“ |
| „Können Sie länger stehen oder sitzen?“ | Geben Sie realistische Grenzwerte an: „Sitzen maximal … Minuten, dann Positionswechsel. Stehen maximal … Minuten, danach muss ich mich hinsetzen/ausruhen.“ |
| „Können Sie sich selbst versorgen (Waschen, Anziehen)?“ | Benennen Sie Dauer, Hilfen und Einschränkungen: „Grundsätzlich ja, aber nur langsam und mit Pausen. An schlechten Tagen brauche ich Hilfe bei …; ich kann … nicht ohne Schmerzen/Schwindel.“ |
| „Gehen Sie einkaufen?“ | Erklären Sie, ob und wie es nur unter Aufwand geht: „Nur kurz und geplant, oft mit Begleitung. Ich kann keine schweren Taschen tragen; danach brauche ich Ruhe und schaffe am selben Tag keine weiteren Wege.“ |
| „Fahren Sie Auto?“ | Trennen Sie Fähigkeit von Verlässlichkeit: „Wenn überhaupt, dann kurze Strecken. Längeres Fahren verschlechtert …; an vielen Tagen ist es nicht möglich wegen … (Schmerzen, Konzentration, Schwindel).“ |
| „Können Sie arbeiten?“ | Beschreiben Sie Belastbarkeit und Ausfälle: „Ich bin nicht zuverlässig belastbar. Nach … Stunden kommt es zu …; ich brauche häufige Pausen und habe regelmäßige Ausfalltage. Termine schaffe ich nur, wenn ich den restlichen Tag freihalte.“ |
| „Wie sieht ein typischer Tag aus?“ | Schildern Sie den Tagesablauf als Funktionsprofil: „Ich starte langsam, brauche morgens … Zeit für …. Mittags ist meist eine Ruhephase nötig. Nach Aktivität folgt … Erholung. Ohne Pausen verschlechtern sich die Symptome deutlich.“ |
| „Welche Medikamente nehmen Sie?“ | Nennen Sie Wirkung und Nebenwirkungen: „Die Medikamente ermöglichen nur begrenzt Aktivität. Ich habe Nebenwirkungen wie …; dadurch bin ich z. B. müde, eingeschränkt konzentriert oder nicht verkehrstüchtig.“ |
| „Sind Sie in Behandlung/Therapie?“ | Zeigen Sie Kontinuität und Ergebnis: „Ja, fortlaufend. Trotz Behandlung bestehen Einschränkungen weiter; es gibt … Fortschritte, aber die Belastungsgrenze bleibt deutlich reduziert.“ |
| „Haben Sie Hobbys?“ | Vermeiden Sie den Eindruck von voller Leistungsfähigkeit, ohne etwas zu verschweigen: „Selten und in stark angepasster Form. Wenn ich es mache, kostet es mich danach …; häufig kann ich es nicht durchhalten oder nur kurz.“ |
| „Treffen Sie Freunde oder gehen Sie unter Leute?“ | Benennen Sie Häufigkeit, Dauer und Reizbelastung: „Nur sporadisch und kurz. Lärm/Stress führt zu …; danach brauche ich Rückzug und Erholung.“ |
| „Kommen Sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurecht?“ | Beschreiben Sie konkrete Schwierigkeiten: „Stehen im Bus ist kaum möglich, Ein- und Ausstieg ist schwierig, ich benötige Sitzplatznähe. Bei Gedränge/Umsteigen verschlechtert sich …“ |
| „Brauchen Sie Hilfsmittel?“ | Stellen Sie klar, dass Hilfsmittel die Einschränkung nicht aufheben: „Mit Hilfsmittel ist es überhaupt erst möglich, aber nur begrenzt. Ohne geht es nicht; mit bleibt die Belastung stark eingeschränkt.“ |
| „Haben Sie Schmerzen?“ | Schildern Sie Muster statt nur Intensität: „Schmerzen treten bei … auf, dauern dann … an und steigen bei Belastung. Schmerzspitzen führen dazu, dass ich Tätigkeiten abbrechen muss.“ |
| „Wie oft haben Sie schlechte Tage?“ | Geben Sie eine nachvollziehbare Häufigkeit an: „Im Monat etwa … Tage, an denen ich kaum … kann. An den übrigen Tagen ist es nur eingeschränkt möglich, mit Pausen und reduzierter Dauer.“ |
| „Waren Sie im Krankenhaus oder in Reha?“ | Ordnen Sie es in den Verlauf ein: „Ja, wegen … in … Zeitraum. Danach blieb … Einschränkung bestehen; es gab keine stabile Rückkehr zur früheren Belastbarkeit.“ |
| „Können Sie Dinge tragen oder heben?“ | Konkrete Gewichte und Folgen nennen: „Mehr als … kg geht nicht. Bei Heben/Tagen kommt es zu …; ich brauche Hilfe im Haushalt bei …“ |
| „Können Sie sich konzentrieren/lesen/Computer nutzen?“ | Antworten Sie mit Zeitfenstern und Abbruchgründen: „Maximal … Minuten am Stück, dann Ermüdung/Schmerz/Überforderung. Danach brauche ich Pause und mache mehr Fehler.“ |
| „Hatten Sie Unfälle/Stürze/Blackouts?“ | Nur Tatsachen, aber mit Bedeutung für den Alltag: „Es gab … Ereignisse in … Zeitraum. Seitdem vermeide ich …; ich brauche Sicherung/ Begleitung bei …“ |
| „Können Sie nachts schlafen?“ | Beschreiben Sie Häufigkeit und Auswirkungen am Tag: „Ich wache …-mal auf, schlafe insgesamt … Stunden. Am Folgetag habe ich … Einschränkungen bei Antrieb/Konzentration/Belastbarkeit.“ |
| „Warum sind Sie heute so ordentlich/fit erschienen?“ | Erklären Sie Vorbereitung und den Preis danach: „Ich habe mich dafür stark vorbereitet und schaffe heute sonst kaum etwas. Nach dem Termin brauche ich Ruhe; morgen ist es meist schlechter.“ |
| „Was erwarten Sie vom Verfahren?“ | Bleiben Sie sachlich und funktionsbezogen: „Ich möchte, dass die tatsächlichen Einschränkungen im Alltag korrekt abgebildet werden, einschließlich Schwankungen und der notwendigen Hilfe/Hilfsmittel.“ |
Das häufigste Missverständnis: „Diagnose“ ist nicht gleich „Grad der Behinderung“
Viele Betroffene erleben es als ungerecht, wenn eine gesicherte Diagnose vorliegt, der Grad der Behinderung (GdB) aber niedriger ausfällt als erhofft. Der Hintergrund ist recht simpel: Bewertet wird die Auswirkung der Gesundheitsstörung auf die Funktionsfähigkeit.
Zwei Menschen mit derselben Diagnose können im Alltag sehr unterschiedlich eingeschränkt sein. Umgekehrt können schwere Einschränkungen auch bei Diagnosen vorliegen, die Außenstehenden „unsichtbar“ erscheinen, etwa bei chronischen Schmerzen, Fatigue, Migräne, Autoimmunerkrankungen oder psychischen Erkrankungen.
Für Deine Antworten bedeutet das: Du musst Deine Einschränkungen im Alltag beschreiben, nicht die medizinischen Begriffe aufsagen. Befunde und Arztberichte sind wichtig, aber sie wirken vor allem dann, wenn sie zur gelebten Einschränkung passen.
Wie „Fangfragen“ typischerweise aussehen – und was dahintersteckt
Viele Fragen wirken harmlos, sind aber sehr aussagekräftig. Ein Klassiker ist die Einstiegsfrage „Wie geht es Ihnen?“ oder „Was führt Sie zu mir?“
Wer reflexhaft „Ganz gut“ sagt, weil er höflich sein will, legt ungewollt eine Spur, an der später Zweifel aufgehängt werden können – besonders, wenn anschließend schwere Beeinträchtigungen geschildert werden.
Eine bessere Reaktion ist eine kurze, ehrliche Einordnung, die sofort auf Funktion abstellt: etwa, dass es tagesformabhängig ist, dass bestimmte Tätigkeiten nur unter Schmerzen oder nur mit Pausen möglich sind, oder dass man heute „funktioniert“, aber dafür später mit deutlicher Verschlechterung bezahlt.
Ähnlich gelagert sind Fragen zum Tagesablauf: „Was machen Sie morgens?“, „Können Sie einkaufen?“, „Fahren Sie Auto?“, „Kochen Sie?“ Solche Fragen prüfen nicht, ob Du grundsätzlich „irgendwie“ einkaufen kannst, sondern wie: mit Begleitung, mit Hilfsmitteln, mit Pausen, mit Nachwirkungen, mit Schmerzspitzen, nur in kleinen Etappen oder nur an wenigen Tagen im Monat.
Wer nur „Ja“ antwortet, verschenkt entscheidende Information. Sinnvoll ist eine Antwort, die den Ablauf in wenigen Sätzen konkret macht: Wie weit? Wie lange? Was passiert danach? Was ist unmöglich? Was geht nur unter Aufwand?
Bei Schmerzen kommen oft Fragen wie „Wie stark sind die Schmerzen?“ oder „Sind die Schmerzen immer da?“ Hier lauert die Falle der Zahlenskala: Manche nennen aus Gewohnheit „8 von 10“, auch wenn sie gerade relativ stabil sind; andere sagen „4“, obwohl sie nachts nicht schlafen und tagsüber kaum sitzen können.
Überzeugender ist eine Beschreibung, die Schmerz mit Funktion verknüpft: Sitzen, Stehen, Gehen, Greifen, Konzentration, Schlaf, Stimmung, Pausenbedarf, Medikamentenwirkung und Nebenwirkungen. Auch Schwankungen sind wichtig: Wenn es eine Bandbreite gibt, dann benenne sie, und erkläre, was die Ausschläge auslöst.
Bei psychischen Erkrankungen oder neurokognitiven Problemen werden Fragen oft so gestellt, dass sie wie eine Prüfung wirken: „Können Sie sich konzentrieren?“, „Gehen Sie unter Leute?“, „Warum können Sie dies, aber das nicht?“ Hintergrund ist hier häufig die Abgrenzung zwischen „gelegentlich belastet“ und „deutlich in Teilhabe eingeschränkt“.
Eine tragfähige Antwort bleibt sachlich und konkret: Welche Situationen kippen? Welche Reize überfordern? Wie zeigt sich das – Panik, Blackout, Dissoziation, Aggressivität, Erschöpfung, Rückzug? Wie lange dauert die Erholung? Welche Strategien helfen, welche nicht? Und ganz wichtig: Welche Folgen hat das für Arbeit, Wege, Termine, Haushalt und Beziehungen?
Sehr typisch sind auch Fragen zur Behandlung: „Sind Sie in Therapie?“, „Nehmen Sie Medikamente regelmäßig?“, „Warum haben Sie eine Behandlung abgebrochen?“ Hier wird häufig geprüft, ob die Beschwerden ausreichend behandelt werden und ob es plausible Gründe für Therapieabbrüche gibt.
Wenn Nebenwirkungen, fehlende Wirksamkeit, Wartezeiten, Kontraindikationen, medizinische Empfehlungen oder Krisen eine Rolle spielen, sollte das benannt werden – ruhig, ohne Vorwurf, aber so, dass es nachvollziehbar ist. Wer so tut, als habe es nie Probleme gegeben, wirkt schnell unglaubwürdig, wenn Akten etwas anderes zeigen.
Die beste Antworttechnik: funktional, konkret, zeitlich eingeordnet
In Begutachtungen überzeugen Aussagen am meisten, wenn sie drei Dinge verbinden: erstens die Tätigkeit, zweitens die Grenze, drittens die Folge. Das kann sehr kurz sein.
Du beschreibst zum Beispiel nicht nur „Ich kann laufen“, sondern „Ich kann auf ebenem Boden ungefähr zehn Minuten gehen, dann werden die Schmerzen so stark, dass ich stehen bleiben muss; danach brauche ich oft eine Stunde Ruhe, und am selben Tag sind weitere Wege kaum möglich.“ Solche Sätze sind für Begutachtende verwertbar, weil sie eine funktionelle Einordnung ermöglichen.
Auch Zeit spielt eine große Rolle: Wie häufig tritt etwas auf, wie lange dauert es, wie viele Tage im Monat sind besonders schlecht? Viele unterschätzen, wie stark ein scheinbar kleiner Zusatz wirkt: „zweimal pro Woche“, „mehrmals täglich“, „an vier bis fünf Tagen im Monat komplett ausgeknockt“, „nach Belastung zwei Tage Nachwirkung“. Das ist keine Dramatisierung, sondern Präzision.
Wenn Dir Widersprüche vorgehalten werden
Manchmal kommt der Moment, in dem Begutachtende sagen: „Aber Sie sind doch heute hergekommen“ oder „Sie können sich doch gut ausdrücken“. Das kann sich anfühlen wie ein Angriff, ist aber oft ein Prüfstein: Es geht darum, ob Du erklären kannst, wie Du trotz Einschränkungen punktuell etwas schaffst.
Hier hilft ein nüchterner Perspektivwechsel: Ein einzelner Termin beweist nicht, dass Du dauerhaft leistungsfähig bist. Du kannst erklären, welche Vorbereitung nötig war, ob Du Begleitung hattest, ob Du Dich überfordert hast, welche Hilfen Du genutzt hast und welche Nachwirkungen zu erwarten sind. Wer das ruhig beschreibt, wirkt glaubwürdig. Wer gekränkt reagiert, verliert schnell den roten Faden.
Warum „gute Tage“ gefährlich werden können – und wie Du sie richtig einordnest
Viele Menschen mit chronischen Erkrankungen lernen, an guten Tagen möglichst viel zu erledigen. Das ist verständlich, kann in der Begutachtung aber missverständlich erscheinen.
Wenn Du berichtest, dass Du „am Wochenende den Haushalt geschafft“ hast, ohne die Details zu nennen, klingt das nach normaler Belastbarkeit. Wenn Du stattdessen erklärst, dass Du dafür mehrere Pausen brauchtest, Aufgaben verteilt hast, anschließend erschöpft warst oder am nächsten Tag kaum aus dem Bett kamst, wird aus derselben Aussage ein realistisches Bild von Belastungsgrenzen.
Gerade bei schwankenden Verläufen ist es sinnvoll, die Bandbreite zu benennen und dann zu erläutern, wie oft welche Tage vorkommen. Wichtig ist auch, dass Du nicht versuchst, „den Durchschnitt“ schönzurechnen. Begutachtungen sind nicht der Ort für Tapferkeitsrhetorik.
Mitwirkungspflicht – und wo ihre Grenzen liegen
Im Verfahren besteht eine Pflicht zur Mitwirkung, etwa bei Angaben, Unterlagen und Untersuchungen. Gleichzeitig sind Grenzen vorgesehen, wenn Mitwirkung unzumutbar ist oder in keinem angemessenen Verhältnis steht.
In der Praxis heißt das: Kooperation ist sinnvoll, aber Du musst nicht alles widerspruchslos hinnehmen. Wenn eine Untersuchungssituation Dich überfordert, wenn eine Frage unklar ist oder wenn Du eine Pause brauchst, darfst Du das sagen.
Auch die Frage einer Begleitperson spielt eine Rolle. Gerade bei Angst, Traumafolgen, kognitiven Einschränkungen, Hörproblemen oder Sprachbarrieren kann eine Vertrauensperson helfen, den Termin überhaupt durchzustehen.
Für gerichtlich angeordnete Untersuchungen hat die Rechtsprechung klargestellt, dass eine Begleitung grundsätzlich möglich ist, solange die Beweiserhebung dadurch nicht objektiv erschwert oder verfälscht wird. Für Dich bedeutet das praktisch: Du kannst den Wunsch nach Begleitung begründen, solltest aber zugleich signalisieren, dass Du an einer geordneten Untersuchung mitwirkst.
Was Du vor dem Termin vorbereiten solltest – ohne Dich zu „inszenieren“
Eine gute Vorbereitung heißt nicht, Antworten auswendig zu lernen. Es bedeutet, die eigene Situation so zu ordnen, dass Du in der Aufregung nichts Wesentliches vergisst und Dich nicht in Widersprüche verstrickst.
Hilfreich ist, wenn Du für Dich vorab klärst, welche Einschränkungen Deinen Alltag wirklich bestimmen: Wege, Treppen, Sitzen, Stehen, Greifen, Heben, Schlaf, Konzentration, Kommunikation, emotionale Stabilität, Reizverarbeitung, Schmerz- und Erschöpfungsdynamik.
Ebenso hilfreich ist ein realistisches Bild davon, was Du noch kannst, aber nur unter Bedingungen. Begutachtende reagieren oft skeptisch auf absolute Aussagen wie „nie“ oder „immer“, wenn die Akten Schwankungen nahelegen. Präzise, nicht absolute Formulierungen sind meistens die bessere Wahl.
Medikationsplan, relevante Arztbriefe, Befunde und Therapieunterlagen gehören ebenfalls dazu, vor allem wenn in den Akten Lücken sind oder aktuelle Entwicklungen noch nicht dokumentiert wurden. Wichtig ist, dass Du nicht mit einem Papierstapel „erschlägst“, sondern nachvollziehbar bleibst: Was ist aktuell, was belegt welche Einschränkung, was hat sich verändert?
Im Termin: ruhig bleiben, nachfragen, Grenzen benennen
Du darfst Fragen wiederholen lassen, wenn Du sie nicht verstanden hast. Du darfst auch sagen, dass Du etwas nicht genau beziffern kannst, und dann beschreiben, wie es sich funktionell zeigt. Das wirkt oft seriöser als eine Zahl, die im Stress geraten ist.
Wenn Du merkst, dass Du Dich verhedderst, hilft eine kurze Selbstkorrektur: „Ich muss das präzisieren“ oder „Ich habe das zu pauschal gesagt“. Solche Sätze sind kein Zeichen von Schwäche, sondern von Genauigkeit.
Wenn Dir Aussagen in den Mund gelegt werden oder wenn Du merkst, dass etwas missverstanden wird, ist eine sachliche Klarstellung wichtig. Viele Konflikte entstehen, weil Betroffene zu spät korrigieren, aus Angst, „schwierig“ zu wirken. Begutachtungen sollen verwertbare Tatsachen liefern. Klarheit ist dafür kein Störfaktor.
Nach dem Termin: Was Du tun kannst, wenn Du Dich falsch verstanden fühlst
Nicht selten kommt das ungute Gefühl erst nach dem Termin: Man habe etwas vergessen, zu freundlich formuliert oder eine schlechte Nacht sei gar nicht zur Sprache gekommen. In solchen Fällen ist es sinnvoll, zeitnah für Dich zu notieren, was gefragt wurde, was Du geantwortet hast und was aus Deiner Sicht missverständlich war.
Je nach Verfahren kannst Du später Stellung nehmen, Unterlagen nachreichen oder – wenn ein Bescheid ergeht – fristgerecht Widerspruch einlegen.
Entscheidend ist, dass Du nicht im Bauchgefühl stecken bleibst, sondern die Punkte wieder an Funktion und Nachweisen festmachst. Ein Widerspruch ist am überzeugendsten, wenn er nicht nur „unfair“ sagt, sondern beschreibt, welche Einschränkungen unberücksichtigt blieben, welche Befunde das stützen und warum die Alltagsfolgen anders zu bewerten sind.
Warum der Begriff „Fangfrage“ trotzdem nützlich ist
Auch wenn viele Fragen fachlich begründet sind, hilft das Wort „Fangfrage“ als Warnschild: Es erinnert Dich daran, dass kurze Antworten selten reichen. Es erinnert Dich daran, dass Höflichkeit nicht bedeuten muss, sich kleiner zu machen.
Und es erinnert Dich daran, dass ein „Ja“ oder „Nein“ ohne Bedingungen in der Begutachtung oft ein Einfallstor für Missverständnisse ist.
Wer sich darauf einstellt, berichtet nicht dramatischer, sondern genauer. Und Genauigkeit ist in diesem Verfahren eine Form von Selbstschutz.
Quellen
Sozialgesetzbuch Neuntes Buch (SGB IX), § 152 „Feststellung der Behinderung, Ausweise“. Sozialgesetzbuch Erstes Buch (SGB I), § 60 „Angabe von Tatsachen“ sowie § 65 „Grenzen der Mitwirkung“. Versorgungsmedizin-Verordnung (VersMedV), amtliche Fassung.
Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Hinweis auf neue Fassung der versorgungsmedizinischen Grundsätze nach Änderung der VersMedV (Oktober 2025). Bundesgesetzblatt: Sechste Verordnung zur Änderung der Versorgungsmedizin-Verordnung, BGBl. 2025 I Nr. 228 (Inkrafttreten 3. Oktober 2025).




