Erwerbsminderung: Grundsicherung bei einer geistigen Erkrankung

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Nicht nur kรถrperliche, sondern auch geistige Einschrรคnkungen kรถnnen eine dauerhafte volle Erwerbsminderung bedeuten. So entschied das Sozialgericht Kรถln und verpflichtete die zustรคndige Behรถrde dazu, dem Betroffenen durchgehend die Grundsicherung wegen Alter oder Erwerbsminderung auszuzahlen. (S 29 SO 397/18)

Grad der Behinderung von 70 und verminderte Intelligenz

Der Betroffene leidet unter geminderter Intelligenz, hat einen Grad der Behinderung von 70, und dazu die Merkzeichen โ€žGโ€œ fรผr eine erhebliche Gehbehinderung und โ€žBโ€œ fรผr eine stรคndige Begleitung. AuรŸerdem ist ihm ein Pflegegrad von 2 zuerkannt.

Gesetzliche Betreuung und gemeinsamer Haushalt

Er lebt mit seiner Mutter und deren Lebenspartner in einem Haushalt, wรคhrend der leibliche Vater seit geraumer Zeit keinen Unterhalt mehr zahlte. Er hat zudem eine gesetzliche Betreuerin in verschiedenen Bereichen des Lebens.

Berufsbildung in Werkstatt fรผr behinderte Menschen

Er wurde im Eingangsverfahren der Reha Betriebe F GmbH aufgenommen und erhielt Ausbildungsgeld in Hรถhe von 67 Euro. Er beantragte bei der zustรคndigen Behรถrde Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch XII. Dies begrรผndete er damit, dass er nach Abschluss der Fรถrderschule in den Reha Betrieben im Ausbildungsbereich tรคtig sei und keine Einkรผnfte auรŸer den monatlich 67 Euro habe, und auch รผber Vermรถgen verfรผge er nicht.

Behรถrde sieht keine dauerhafte volle Erwerbsminderung

Die Behรถrde lehnte den Antrag auf die begehrten Sozialleistungen ab, da er keinen Nachweis einer dauerhaften vollen Erwerbsminderung vorgelegt habe, was fรผr diese Leistung notwendig sei.

Der Betroffene legte Widerspruch ein und begrรผndete diesen damit, dass bei ihm aufgrund seiner Intelligenzminderung festgestellt worden sei, dass er notwendig in einer Werkstatt fรผr behinderte Menschen arbeiten mรผsse und nicht auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschรคftigt sein kรถnne.

Dabei gebe es keine begrรผndete Trennung zwischen dem Eingangsbereich einer solchen Werkstatt und dem Arbeitsbereich. Die Behรถrde wies den Widerspruch als unbegrรผndet zurรผck, denn bisher sie die Feststellung nicht getroffen, dass der Betroffene dauerhaft voll erwerbsgemindert sei.

Klage vor dem Sozialgericht

Der Betroffene klagte vor dem Sozialgericht Kรถln und stรคrkte seine Argumentation hier mit รคrztlichen Befunden. So zeigte eine Intelligenzdiagnostik einen Gesamt-IQ von 47 und damit eine mittelgradige Intelligenzminderung. Diese mache es nicht mรถglich, auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Beschรคftigung zu finden. Dies entspreche auch der Einschรคtzung des Fachausschusses der Werkstatt fรผr behinderte Menschen.

Er brรคuchte, laut eines psychiatrischen Gutachtens, aufgrund seiner Intelligenzminderung Hilfe durch einen Betreuer in den Bereichen Gesundheitsfรผrsorge, Behรถrdenangelegenheiten, Vermรถgensangelegenheiten und Postangelegenheiten bedรผrfe.

Er sei geschรคftsunfรคhig, die Willensbildung sei seit frรผhester Kindheit stark eingeschrรคnkt und es gebe wenig Chancen zur Besserung. Zudem sei er laut รคrztlichen Gutachten pflegebedรผrftig.

Die Richter gestehen eine volle dauerhafte Erwerbsminderung zu

Die Richter am Sozialgericht Kรถln holten weitere Gutachten ein und kamen zu dem Ergebnis, dass eine dauerhafte volle Erwerbsminderung vorliege und der Betroffene deshalb Anspruch auf Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung habe.

So sei er laut รคrztlichem Gutachten nicht in der Lage, mindestens drei Stunden pro Arbeitstag auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt erwerbstรคtig zu sein. Seien Intelligenzminderung und sozialen Kompetenzdefizite machten es ihm unmรถglich, seinen Alltag selbststรคndig zu gestalten. Deshalb sei er auch auf dem ersten Arbeitsmarkt weder wettbewerbs- noch einsatzfรคhig.