Viele Erwerbsminderungsrenten haben psychische Erkrankungen zur Basis, und auch somatoforme Leiden. Letzteres sind Beeintrรคchtigungen, die zwar kรถrperliche Symptome, aber keine organische Ursache haben. Auch dann gilt allerdings das Ausmaร der mรถglichen tรคglichen Arbeitsstunden.
Eine somatoforme Stรถrung, die vor allem wegen der psychischen Folgen der Erwerbslosigkeit entstanden ist, rechtfertigt keine Erwerbsminderung, wenn die quantitative Arbeitsleistung sechs Stunden pro Tag รผbersteigt. So urteilte das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg (L 33 R 108/12).
Der Betroffene hatte keine Ausbildung und arbeitete unter anderem als Reinigungskraft und Maschinenarbeiter, zuletzt als Hauswart. Er bezog รผber Jahre hinweg Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II (heute Bรผrgergeld).
Inhaltsverzeichnis
Reha und Gruppentherapie
Er musste sich einer medizinischen Reha in einer psychosomatischen Abteilung unterziehen. Daran schloss sich eine weiterfรผhrende ambulante Gruppentherapie an. Diagnosen waren eine Angststรถrung mit Panikattacken sowie wiederkehrende Spannungskopfschmerzen.
Der Entlassungsbericht hielt leichte bis mittelschwere Arbeite fรผr mehr als sechs Stunden fรผr mรถglich, mit der Einschrรคnkung, dass er nicht fรผr Nachtschichten und รberkopfarbeiten geeignet sei.
Kein Anspruch auf Erwerbsminderung
Damit hatte er keinen Anspruch auf eine Erwerbsminderung, denn eine volle Erwerbsminderung setzt voraus, weniger als drei Stunden pro Tag einer Erwerbsbeschรคftigung nachgehen zu kรถnnen, und eine teilweise Erwerbsminderung mehr als drei, aber weniger als sechs Stunden.
Antrag auf Rente wegen Erwerbsminderung
Trotzdem stellte er bei der Deutschen Rentenversicherung einen Antrag auf eine Rente wegen Erwerbsminderung. Dafรผr legte er Atteste eines Neurologen und Psychiaters sowie eines Orthopรคden und eines Hals-Nasen-Ohren-Arztes vor. Die Rentenversicherung lieร ihn allgemeinmedizinisch untersuchen.
Dieser Gutachter erkannte zwar mehrere Leiden wie Bandscheibenprobleme und einen beidseitigen Tinnitus sowie den Verdacht auf Gastritis und auรerdem mรถgliche Anpassungsstรถrungen. Wie zuvor die Reha hielt er den Betroffenen jedoch unter Berรผcksichtigung dieser Einschrรคnkungen fรผr mehr als sechs Stunden pro Tag erwerbsfรคhig.
Ein zusรคtzliches neurologisches Gutachten diagnostizierte weitere Beschwerden, kam aber zum gleichen Ergebnis einer tรคglichen Arbeitsleistung, die keine Erwerbsminderung bedeutet.
Klage vor dem Sozialgericht
Der Mann klagte daraufhin vor dem Sozialgericht, um seinen Rentenanspruch durchzusetzen. Hier gab er an, die Rentenversicherung hรคtte seine psychischen Beschwerden nicht angemessen berรผcksichtigt. Er leide unter Angstzustรคnden, die ihn am Verlassen der Wohnung hinderten,. Hinzu kรคmen psychosomatische Stรถrungen wie Schwindel, Zungenbrennen, Tinnitus, Kopfschmerzen und Vergesslichkeit.
Neues Gutachten ergibt Arbeitsfรคhigkeit von acht Stunden
Das Sozialgericht beauftragte einen Psychiater und Neurophysiologen fรผr ein neues Gutachten. Dieser diagnostizierte Impulsivitรคt und mangelndes Selbstwertgefรผhl, maรgeblich hervorgerufen durch Erwerbslosigkeit. In Anbetracht seiner Einschrรคnkungen kรถnne er jedoch fรผr bestimmte Tรคtigkeiten acht Stunden auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tรคtig sein.
Die Richter hielten dieses Gutachten fรผr รผberzeugend und entschieden, dass keine Erwerbsminderung vorliege. Daraufhin ging der Betroffene in Berufung vor das Landessozialgericht. Doch auch hier scheiterte er mit seiner Klage.
Landessozialgericht sieht die Voraussetzungen nicht erfรผllt
Die Richter am Landessozialgericht erklรคrten ausfรผhrlich die Befunde in sรคmtlichen Gutachten. Sie fassten zusammen, dass keines dieser Gutachten eine Erwerbsminderung erkennen lieรe. Es sie auch kulturell verstรคndlich, dass der Betroffene den Zustand der Erwerbslosigkeit nicht mit seiner Rolle als Ernรคhrer der Familie vereinbaren kรถnnen und psychisch unter diesem Zustand leide.
Leiden unter der sozialen Situation rechtfertigt keine Erwerbsminderung
Diese Situation rechtfertige aber keine nach den mรถglichen Arbeitsstunden bemessene Erwerbsminderung. Bestimmte leichte bis mittelschwere Tรคtigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt seien nach wie vor in Vollzeit mรถglich. Da keine Erwerbsminderung bestehe, sei die Berufung zurรผckzuweisen.
Mรถgliche Hintergrรผnde des Begehrens
In einem Fall wie diesem, in dem ein Betroffener entgegen sรคmtlichen medizinischen Befunden versucht, seinen Anspruch auf eine Erwerbsminderung durchzusetzen, kรถnnen psychosoziale Grรผnde eine Rolle spielen.
Kurz gesagt: Eine Rente wegen Erwerbsminderung zu beziehen wรคre fรผr den Betroffenen ein weniger groรes Stigma im Vergleich zu Erwerbslosigkeit, weil er keinen Job findet.
Allerdings sind die Kriterien fรผr eine Erwerbsminderungsrente nicht an den subjektiven psychischen Belastungen orientiert, sondern an der tatsรคchlich vorhandenen tรคglichen Arbeitsleistung. Deshalb war es fรผr den Betroffenen aussichtlos, eine solche Rente zu erhalten.




