Freiwillige Beiträge kurz vor der Rente sind eher ein teurer Fehlkauf

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Viele zahlen kurz vor dem Rentenbeginn freiwillige Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung und erwarten einen spürbaren Rentensprung. In der Praxis verpufft der Effekt oft, weil Beiträge teuer sind, Entgeltpunkte begrenzt entstehen und Steuer sowie Kranken- und Pflegeversicherung den Zugewinn wieder abschneiden. Wer ohne konkrete Rechnung einzahlt, trifft schnell eine finanzielle Fehlentscheidung.

Freiwillige Beiträge erhöhen die Rente nur über Entgeltpunkte

Freiwillige Beiträge wirken wie Pflichtbeiträge, sie kaufen Entgeltpunkte ein und erhöhen damit die spätere Monatsrente. Die Rechnung beginnt immer beim Verhältnis zwischen dem gezahlten Jahresbeitrag und dem Durchschnittsentgelt des jeweiligen Jahres, denn nur daraus entsteht die Zahl der Entgeltpunkte. Entscheidend ist damit nicht das Gefühl „ich zahle viel ein“, sondern wie viele Entgeltpunkte die Einzahlung tatsächlich bringt.

So rechnen Sie den Rentenzuwachs korrekt

Ein Entgeltpunkt entspricht einem Jahresverdienst in Höhe des Durchschnittsentgelts, und er erhöht die Monatsrente um den aktuellen Rentenwert. Bei freiwilligen Beiträgen gilt für die Entgeltpunkte als Faustformel:

Entgeltpunkte = Beitrag ÷ (Beitragssatz × Durchschnittsentgelt)

Wenn Sie durch freiwillige Beiträge nur 0,10 Entgeltpunkte erzielen, steigt die Bruttorente lediglich um 0,10 des aktuellen Rentenwerts pro Monat.

Wer kurz vor Rentenbeginn einzahlt, muss deshalb immer zuerst ausrechnen, wie viele Entgeltpunkte realistisch entstehen.

Rechenbeispiel 1: Kleine Einzahlung, kleiner Effekt

Angenommen, eine Person zahlt für ein Jahr freiwillig insgesamt 3.600 Euro ein, also 300 Euro monatlich. Daraus entstehen rechnerisch etwa 0,373 Entgeltpunkte. Bei einem Rentenwert von 40,79 Euro erhöht sich die Bruttorente um 0,373 mal 40,79 Euro, also rund 15,20 Euro monatlich. Die Einzahlung von 3.600 Euro erkauft damit einen Bruttozuwachs von ungefähr 182 Euro im Jahr.

Rechenbeispiel 2: Hohe Einzahlung, trotzdem langer Break-even

Angenommen, eine Person zahlt 12.000 Euro freiwillig ein und erzielt damit rechnerisch etwa 1,242 Entgeltpunkte. Bei einem Rentenwert von 40,79 Euro steigt die Bruttorente um etwa 50,66 Euro im Monat, also rund 608 Euro im Jahr. Bis die Einzahlung allein über die Bruttorente wieder zurückfließt, vergehen in diesem Beispiel ungefähr 19,7 Jahre, weil 12.000 Euro durch rund 608 Euro Jahresplus geteilt werden.

So viel Einzahlung, so viel mehr Rente

So viel Einzahlung (Beispiel) So viel mehr Rente pro Monat (brutto, Beispiel)
3.600 € (1 Jahr) ca. +15,20 €
6.000 € (1 Jahr) ca. +25,33 €
10.800 € (1 Jahr) ca. +45,60 €
12.000 € (1 Jahr) ca. +50,66 €

Die Werte folgen den Rechenbeispielen im Text und zeigen den typischen Mechanismus: Selbst fünfstellige Einzahlungen erzeugen häufig nur einen zweistelligen Bruttozuwachs pro Monat, weil sich der Effekt ausschließlich über Entgeltpunkte und den aktuellen Rentenwert ergibt.

Netto fällt der Zuwachs meist noch geringer aus, weil Kranken- und Pflegeversicherung sowie gegebenenfalls Steuer abgehen.

Warum Steuer und Krankenversicherung den Vorteil häufig weiter schrumpfen

Die Rentenerhöhung wirkt als Bruttozuwachs, sie landet jedoch nicht eins zu eins im Portemonnaie. Auf die zusätzliche Rente fallen Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung an, und je nach Besteuerungsanteil steigt auch die Steuerlast. Aus 50 Euro Bruttozuwachs können so spürbar weniger netto werden, wodurch sich die Zeit bis zur Amortisation weiter verlängert.

Wann freiwillige Beiträge trotzdem sinnvoll sein können

Freiwillige Beiträge lohnen sich vor allem dann, wenn sie einen Anspruch überhaupt erst ermöglichen oder retten, etwa um Mindestversicherungszeiten zu erfüllen. Wer ohne Einzahlung keine Wartezeit erfüllt oder eine bestimmte Rentenart verfehlt, kann mit wenigen Beitragsmonaten einen erheblichen Unterschied erzeugen.

Wer hingegen bereits alle Voraussetzungen erfüllt und nur die Monatsrente „optimieren“ will, sollte besonders streng rechnen.

Modell Lorenz: 18 Monate vor Rentenbeginn und die falsche Hoffnung

Lorenz ist 65 und plant den Rentenbeginn in 18 Monaten, weil er abschlagsfrei starten will. Er möchte seine spätere Rente erhöhen und überlegt, für das letzte volle Jahr vor Rentenbeginn freiwillig 10.800 Euro einzuzahlen, also 900 Euro pro Monat. Lorenz erwartet, dass eine so hohe Einzahlung die Rente deutlich spürbar anhebt.

Lorenz rechnet jedoch nicht mit Entgeltpunkten, sondern mit dem Einzahlungsbetrag. Wenn seine Einzahlung rechnerisch etwa 1,118 Entgeltpunkte bringt, steigt seine Bruttorente bei einem Rentenwert von 40,79 Euro um etwa 45,60 Euro monatlich.

Nach Abzug von Kranken- und Pflegeversicherung und gegebenenfalls Steuer bleibt im Beispiel weniger übrig, während Lorenz fünfstellig einzahlt.

Vergleichsrechnung: Einzahlung versus Rücklage

Lorenz könnte dieselben 10.800 Euro als Rücklage halten und sich daraus über zehn Jahre monatlich 90 Euro auszahlen, ohne dass er dafür Entgeltpunkte benötigt.

Die freiwillige Einzahlung bringt in der Beispielrechnung dagegen rund 45,60 Euro brutto monatlich, und netto noch weniger. Wer die Differenz sieht, erkennt, dass die Einzahlung als Renditeinstrument häufig scheitert, wenn keine Anspruchsrettung dahintersteht.

Typische Fehlannahmen, die freiwillige Beiträge zur Kostenfalle machen

Viele glauben, freiwillige Beiträge wirkten wie eine private Rentenversicherung mit attraktiver Verzinsung. Tatsächlich kaufen Sie damit Entgeltpunkte zu einem Preis, der kurz vor Rentenbeginn oft ungünstig ist, weil die Zeit für die Rückzahlung über die Monatsrente zu kurz ist.

Besonders riskant ist die Einzahlung, wenn sie in der Erwartung erfolgt, Abschläge oder Nettoverluste „einfach auszugleichen“, denn dafür reicht der Rentenanstieg in vielen Fällen nicht.

FAQ zu freiwilligen Beiträgen kurz vor der Rente

Erhöhen freiwillige Beiträge die Rente immer?
Ja, grundsätzlich über zusätzliche Entgeltpunkte, aber der Effekt kann sehr klein ausfallen.

Warum lohnt sich das oft nicht kurz vor Rentenbeginn?
Weil die Einzahlung hoch ist, die Monatssteigerung begrenzt bleibt und die Amortisation sehr lange dauern kann.

Muss ich auf den Rentenzuwachs Kranken- und Pflegebeiträge zahlen?
Ja, auf die zusätzliche Rente fallen grundsätzlich Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung an.

Gibt es Fälle, in denen freiwillige Beiträge trotzdem sinnvoll sind?
Ja, wenn Sie damit Wartezeiten erfüllen oder einen Rentenanspruch überhaupt erst sichern.

Was sollte ich vor einer Einzahlung zwingend berechnen?
Wie viele Entgeltpunkte entstehen und wie hoch der Nettozuwachs pro Monat tatsächlich ausfällt.

Fazit

Freiwillige Beiträge kurz vor der Rente sind häufig kein Renditeinstrument, sondern ein teurer Irrweg. Der Rentenzuwachs entsteht ausschließlich über Entgeltpunkte und fällt in vielen Fällen so gering aus, dass Steuer sowie Kranken- und Pflegebeiträge ihn weiter ausdünnen.

Wer wie Lorenz nur „mehr Rente“ erwartet, sollte vor der Einzahlung zwingend mit konkreten Zahlen rechnen und prüfen, ob nicht eine Rücklage finanziell deutlich stärker wirkt.