Als Manfred Völkel nach 45 Jahren seinen Arbeitsplatz verliert, ist das mehr als ein Einschnitt im Lebenslauf. Es ist ein Bruch in einer Biografie, die auf Verlässlichkeit gebaut war.
Der 61-Jährige, gelernter Lackierer, hat Jahrzehnte in einem Betrieb gearbeitet, in Schwaig bei Nürnberg, mit dem klaren Plan, die letzten Jahre bis zur Rente geordnet zu Ende zu bringen. In seiner Vorstellung war diese Phase geprägt von Routine, einem langsamen Übergang und dem Wissen, dass sich nach einem langen Berufsleben etwas wie Sicherheit eingestellt hat. Stattdessen kommt die Kündigung wie ein Schnitt, der nicht nur Einkommen, sondern auch Selbstbild und Zukunftsgefühl trifft.
Noch fünf Jahre bis zum Ruhestand. Fünf Jahre, die früher nach einer überschaubaren Strecke klangen, nun aber wie ein Tunnel wirken können. In den Sätzen, die er über seine Situation sagt, liegt diese Verschiebung.
Da ist Angst, aber auch das Unverständnis darüber, wie schnell ein Leben, das lange nach Plan verlief, aus der Spur geraten kann. Wer so kurz vor der Rente steht, spürt den Druck doppelt: Die Zeit für einen Neustart ist begrenzt, zugleich steht viel auf dem Spiel, weil ein Bruch kurz vor dem Ende des Erwerbslebens die finanzielle Basis in der Übergangsphase und später die Rente beeinflussen kann.
Zu Hause in Alltag mit Warteschleifen
Wir treffen Völkel in seinem Zuhause im mittelfränkischen Umfeld. Dort, wo früher Arbeit den Takt vorgab, füllt nun die Jobsuche den Kalender. Seit neun Monaten versucht er, wieder Fuß zu fassen. Er ist Facharbeiter, bildet sich fort, besucht Computerkurse, öffnet sich für neue Aufgaben.
Doch in den Rückmeldungen, die er bekommt, steckt eine Nachricht, die viele Ältere am Arbeitsmarkt kennen: Erfahrung ist nicht automatisch ein Vorteil, wenn Unternehmen zögerlich einstellen oder Profile suchen, die als „passender“ gelten.
Seine Versuche als Quereinsteiger wirken dabei wie ein Test auf Durchlässigkeit. In der Theorie ist der Arbeitsmarkt offen für Wechsel, in der Praxis entscheidet oft eine Mischung aus Branchenlage, formalen Anforderungen und stillen Vorannahmen über Alter, Anpassungsfähigkeit oder Lohnkosten. Für jemanden, der Jahrzehnte in einem Beruf gearbeitet hat, wird jede Absage zur Frage, ob das Problem im eigenen Lebenslauf liegt oder in einem Markt, der sich gerade neu sortiert.
Die Zahlen dahinter: steigende Arbeitslosigkeit, sinkende Nachfrage
Der persönliche Fall fällt in eine Phase, in der sich die Lage am Arbeitsmarkt messbar verschlechtert. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit lag die Zahl der Arbeitslosen in Bayern im Jahresdurchschnitt 2025 bei knapp 315.000 und damit so hoch wie seit vielen Jahren nicht mehr.
Gleichzeitig hat die Zahl der gemeldeten offenen Stellen deutlich nachgegeben; in der bayerischen Statistik wird für Ende 2025 ein Bestand von rund 107.000 offenen Stellen genannt. Der Befund ist für Arbeitssuchende unerquicklich: Während mehr Menschen eine Stelle brauchen, werden weniger Stellen gemeldet, die den schnellen Wiedereinstieg erleichtern würden.
Solche Daten erklären nicht jeden Einzelfall, aber sie beschreiben den Hintergrund, vor dem Biografien kippen können. Ein engerer Stellenmarkt verändert die Machtverhältnisse. Bewerberinnen und Bewerber konkurrieren stärker, Unternehmen können wählerischer sein, und Branchen mit Problemen verschieben Einstellungen oder streichen sie ganz. Wer aus einem Bereich kommt, der in der Transformation steckt, spürt das zuerst.
Arbeitslos, arbeitssuchend, „geparkt“: Was Statistik sichtbar macht – und was nicht
Arbeitslos ist, wer ohne Beschäftigung ist, aktiv Arbeit sucht und dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht. Arbeitssuchend kann man auch sein, ohne arbeitslos zu sein, etwa wenn man aus einem bestehenden Beschäftigungsverhältnis heraus eine neue Stelle sucht.
Diese Unterscheidung beeinflusst, ob jemand in der öffentlichen Wahrnehmung als „arbeitslos“ gilt, ob Zahlen steigen oder stagnieren, und wie eine Region ihre Lage beschreibt.
Dazu kommt, dass es Übergangsinstrumente gibt, die Menschen aus der offiziellen Arbeitslosigkeit heraushalten, obwohl sie faktisch keinen regulären Job haben. Genau an dieser Stelle tritt ein Instrument auf, das im Beitrag eine wichtige Rolle spielt: die Transfergesellschaft.
Ein zweiter Fall, eine andere Ausgangslage
Christian Engelhart ist 39, Familienvater, gelernter Metallbauer, zuletzt Projektleiter bei einem Autozulieferer. Der Betrieb schließt, die Belegschaft wird in eine Transfergesellschaft überführt.
Das Wort klingt technisch, bedeutet aber im Kern eine organisierte Warteschleife: Betroffene werden für eine begrenzte Zeit begleitet, qualifiziert, beraten, vermittelt. Sie gelten in dieser Phase häufig noch nicht als arbeitslos gemeldet, sondern als arbeitssuchend, weil das Beschäftigungsverhältnis in einer besonderen Konstruktion fortgeführt wird.
Für Engelhart hat das spürbare Folgen. Er erhält Transferkurzarbeitergeld und zusätzlich Geld vom früheren Arbeitgeber. Er landet damit bei etwa 80 Prozent seines früheren Einkommens landet, während reguläres Kurzarbeitergeld typischerweise niedriger ausfällt.
Das entlastet finanziell und verschafft Zeit. Es nimmt auch Druck aus der Suche, weil die Entscheidung nicht binnen weniger Wochen fallen muss, sondern in einem Jahr. Engelhart beschreibt, wie diese Konstellation Ängste reduziert: “nicht sofort irgendeinen Job annehmen zu müssen, sondern nach einer Lösung zu suchen, die zur Familie passt und langfristig trägt.”
Transfergesellschaften: Schutzraum oder Verschiebebahnhof?
Transfergesellschaften sind ein arbeitsmarktpolitisches Instrument, das oft in Sozialplänen nach größeren Umstrukturierungen genutzt wird. Sie sollen verhindern, dass Entlassene unmittelbar in Arbeitslosigkeit rutschen, und zugleich die Chancen auf Vermittlung erhöhen. Das kann funktionieren, wenn der regionale Markt Stellen bereithält oder wenn Qualifizierung realistische Brücken in andere Tätigkeiten baut.
Eine Transfergesellschaft kann zwar Zeit kaufen, aber sie kann keinen Arbeitsmarkt herbeizaubern. Wenn in einer Region Betriebe schließen, Investitionen stocken und Unternehmen nicht einstellen, wird aus dem Schutzraum leicht ein Wartezimmer. Das ist die Ambivalenz, die in beiden Fällen mitschwingt. Engelhart wirkt gelassen, aber auch bei ihm bleibt unklar, wie schnell sich eine passende Stelle findet.
Bei Völkel ist die Lage härter: Er ist älter, näher an der Rente, und selbst zusätzliche Qualifikationen wirken im Gespräch mit der Transferberatung wie ein schwaches Versprechen. Die Idee, als Ausbilder zu arbeiten, scheitert im Beitrag schon an der Realität vieler Betriebe, die gar nicht ausbilden.
Regionale Schieflagen und der Umbau der Industrie
Die Reise zwischen Mittelfranken und Oberfranken ist auch eine Reise durch Arbeitsmarkträume. Regionen wie Nordostbayern sind wiederkehrend stärker von Arbeitslosigkeit betroffen, weil die Wirtschaftsstruktur in Teilen weniger divers ist, Industriebetriebe größere Arbeitgeberrollen spielen und Schließungen daher stärker durchschlagen. In solchen Räumen wird jede Entscheidung eines Unternehmens zu einem regionalen Ereignis.
Hinzu kommt ein Strukturwandel, der besonders die Zulieferindustrie trifft. Wenn Autozulieferer Standorte schließen, sind nicht nur einzelne Firmen betroffen, sondern ganze Ketten von Dienstleistern, Logistikern, Handwerksbetrieben.
Renommierte Firmen müssen Personal abbauen müssen und es geht „ziemlich der her“. Das klingt umgangssprachlich, beschreibt aber eine ernste Lage: Der Arbeitsmarkt wird nicht nur enger, er wird auch unübersichtlicher, weil Berufe, die lange gebraucht wurden, plötzlich weniger nachgefragt sind.
Wer noch einstellt – und was das für Betroffene bedeutet
Die wenigen, die noch einstellen, seien Rüstungsbetriebe. Das ist nicht bloß eine Randnotiz, sondern ein Hinweis darauf, wie sich Nachfrage verlagert. Wo früher die Autoindustrie als stabiler Jobmotor galt, treten neue Felder stärker hervor.
Für Beschäftigte bedeutet das Chancen und Zumutungen zugleich. Es eröffnet Möglichkeiten, kann aber auch Gewissensfragen aufwerfen oder Qualifikationslücken sichtbar machen. Nicht jede Fachkraft aus der Produktion kann ohne Weiteres in andere Industriezweige wechseln, und nicht jeder will es.
Damit entsteht ein Dilemma, das sich durch die Geschichten zieht: Der Arbeitsmarkt verlangt Flexibilität, aber Flexibilität hat Grenzen. Sie hat soziale Grenzen, weil Familie, Wohnort und Pflegeverpflichtungen eine Rolle spielen. Sie hat gesundheitliche Grenzen, weil körperliche Arbeit im Alter anders wirkt als mit 30. Und sie hat psychologische Grenzen, weil Identität häufig an Arbeit hängt, besonders nach Jahrzehnten im selben Betrieb.
Alter, Zeitdruck und die Frage nach Fairness
Bei Völkel drängt sich eine Frage auf, die im Beitrag unausgesprochen bleibt, aber über allem steht: Wie fair ist ein Arbeitsmarkt, der jemanden mit 61 faktisch aussortiert, obwohl er gearbeitet, gelernt, sich fortgebildet hat? Unternehmen argumentieren in solchen Situationen oft mit Passgenauigkeit, Lohnkosten oder dem Wunsch nach langfristigen Perspektiven.
Betroffene erleben es als Abwertung, manchmal als stille Altersgrenze. Und der Staat steht vor der Herausforderung, Übergänge so zu gestalten, dass nicht ausgerechnet Menschen kurz vor der Rente in ein Loch fallen.
Die Gefahr besteht nicht nur im finanziellen Abstieg, sondern auch in sozialer Isolation. Wer lange gearbeitet hat, verliert mit dem Job oft ein Umfeld, Tagesstruktur, Anerkennung. Die Jobsuche wird dann zur Dauerprüfung, bei der jede Absage wie ein Urteil wirkt. Völkel sagt, die erste Zeit sei „richtig schwierig“ gewesen. Das lässt sich auch als Hinweis auf eine psychische Belastung lesen, die in Arbeitsmarktdebatten häufig zu wenig Raum bekommt.
Wettbewerb um gute Jobs wird härter
Am Ende formuliert die Transferprojektleitung die Erwartung, dass die Talsohle noch nicht erreicht sei und weitere Abbaupläne großer Firmen drohen. Solche Aussagen sind Momentaufnahmen und zugleich Warnsignale. Sie deuten darauf hin, dass die Anpassung der Industrie, die Unsicherheit über Investitionen und die Zurückhaltung bei Einstellungen nicht sofort verschwinden.
Für Arbeitssuchende heißt das: Die Suche wird länger, Auswahlprozesse werden härter, und Umwege werden wahrscheinlicher. Für Politik und Arbeitsverwaltung heißt es: Qualifizierung muss so gestaltet sein, dass sie nicht nur formale Zertifikate produziert, sondern real in Beschäftigung führt. Und für Unternehmen heißt es: Wer Fachkräfte halten will, muss Transformation vorausschauend begleiten, statt Brüche erst dann zu managen, wenn Kündigungen unvermeidlich sind.
Manfred Völkel hat noch wenige Monate Transferbetreuung. Danach droht der Schritt in die Arbeitslosigkeit, in eine Phase, in der die Suche nicht leichter, sondern oft schwerer wird.
Christian Engelhart ist zuversichtlich, aber auch er hängt an einem Markt, der weniger hergibt als noch vor einigen Jahren. Beide Geschichten zeigen dieselbe Erfahrung aus unterschiedlichen Lebensaltern: Arbeit ist in Deutschland nicht nur Einkommen, sondern Lebensordnung. Wenn diese Ordnung plötzlich wegbricht, wird Arbeitsmarktpolitik zur Frage, wie Gesellschaft Übergänge aushält, ohne Menschen auf dem Weg zu verlieren.
Quellen
Presseinformation der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit zum Arbeitsmarktbericht Dezember 2025, einschließlich Angaben zum Jahresdurchschnitt 2025, zum Stellenbestand und zur Einordnung der Entwicklung




