Viele Versicherte bleiben jahrelang in der Erwerbsminderungsrente (EM-Rente), obwohl sie längst eine Altersrente erreichen könnten, die mit geringeren Abschlägen oder günstigeren Bedingungen verbunden ist. Der entscheidende Punkt ist: Die EM-Rente ist oft nicht der „beste Endzustand“, sondern kann – je nach Rentenart und Zeitpunkt – finanziell schlechter sein als eine passende Altersrente.
Inhaltsverzeichnis
EM-Rente ist nicht das Ende – aber es gibt zwei völlig unterschiedliche Übergänge
Wer über einen Wechsel nachdenkt, muss zuerst sauber trennen:
Übergang zur Regelaltersrente:
Erreicht man die persönliche Regelaltersgrenze, wird eine wegfallende EM-Rente grundsätzlich von Amts wegen als Regelaltersrente behandelt. In der Praxis meldet sich die Deutsche Rentenversicherung im Vorfeld.
Vorzeitiger Wechsel in eine Altersrente (z. B. Schwerbehinderung, langjährig Versicherte):
Diese Option passiert nicht automatisch. Wer früher in eine passende Altersrente wechseln will, muss das aktiv anstoßen – typischerweise über einen Umwandlungs-/Rentenantrag (z. B. Formular R0110).
Genau in diesem zweiten Bereich liegt in der Praxis der größte Geldhebel – und auch der häufigste Irrtum.
Wann ein vorzeitiger Wechsel in die Altersrente möglich ist
Ein Wechsel kommt in Betracht, sobald die Voraussetzungen einer Altersrente erfüllt sind, etwa bei der Altersrente für schwerbehinderte Menschen oder bei bestimmten Altersrenten nach langen Versicherungszeiten. Welche Rentenart tatsächlich erreichbar ist, hängt am Ende am Alter, an den Wartezeiten/Versicherungszeiten und am gewünschten Rentenbeginn – und damit an der Frage, wie hoch die Abschläge ausfallen.
Praxismodell: Wie Angelika Geld verschenkt – und wie sie es vermeiden könnte
Angelika ist 61 Jahre alt und bezieht seit ihrem 58. Lebensjahr eine volle EM-Rente. Sie hat über 40 Versicherungsjahre und einen anerkannten GdB von 50. Sie bleibt in der EM-Rente, weil sie glaubt, ein Wechsel lohne sich nicht oder sei riskant.
Ihre EM-Rente liegt bei 1.050 Euro brutto. Bei einem Wechsel in eine passende Altersrente (z. B. für schwerbehinderte Menschen) könnte der Zahlbetrag im Beispiel bei 1.140 Euro liegen, weil die Abschläge geringer ausfallen.
Das wären 90 Euro monatlich – über viele Jahre ein spürbarer Unterschied. Solche Beispiele müssen immer anhand des individuellen Versicherungsverlaufs bestätigt werden, weil Rentenart, Zugangsfaktor und persönliche Entgeltpunkte den Ausschlag geben.
Warum die Abschläge bei der Altersrente oft günstiger wirken
Die Abschlagslogik ist in der Grundmechanik simpel: Pro Monat eines vorzeitigen Rentenbeginns werden typischerweise 0,3 Prozent angesetzt; bei vielen Konstellationen liegt der maximale Abschlag bei 10,8 Prozent.
In der EM-Rente landet man in der Praxis häufig schneller am Abschlagsdeckel, weil der Leistungsbeginn – aus Sicht der Systematik – oft deutlich weiter vor der maßgeblichen Altersgrenze liegt. Bei bestimmten Altersrenten kann der vorzeitige Beginn näher an der jeweiligen Altersgrenze liegen, sodass rechnerisch weniger Abschläge zusammenkommen – und damit dauerhaft mehr Monatsrente übrig bleibt.
Besitzschutz: Was wirklich geschützt ist – und wann das hilft
Viele fürchten, ein Wechsel könne die Rente senken. Entscheidend ist hier nicht ein pauschales „nie niedriger“, sondern die Besitzschutzlogik bei sogenannten Folgerenten: In bestimmten Fällen schützt das Rentenrecht mindestens die bisherigen persönlichen Entgeltpunkte aus der vorherigen Rente.
Wichtig ist dabei ein Zeitkriterium: Bei Folgerenten nach einer EM-Rente spielt regelmäßig eine Frist von 24 Kalendermonaten eine zentrale Rolle. Ob und wie stark der Schutz im Einzelfall wirkt, hängt daran, welche Rente folgt, ob es Lücken gibt und wie der Versicherungsverlauf aussieht.
Deshalb sollte niemand allein auf Schlagworte vertrauen, sondern den konkreten Bescheid und die Berechnung prüfen lassen.
Unabhängig davon gilt: Selbst wenn der Bruttobetrag steigt, können Nettoeffekte durch Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge oder Steuern den Vorteil abschwächen – deshalb gehört zur Entscheidung immer eine Vergleichsrechnung.
Dann lohnt sich der Wechsel eher nicht
Ein Wechsel ist meist unattraktiv, wenn die erreichbare Altersrente nur mit hohen Abschlägen möglich wäre und sich rechnerisch kein Vorteil ergibt, oder wenn durch den Zeitpunkt des Wechsels Vorteile verloren gehen, die man mit einem etwas späteren Beginn der Altersrente bekommen würde. Genau deshalb reicht „Bauchgefühl“ nicht: Es zählt der konkrete Vergleich der Zahlbeträge und der Bedingungen.
Was Betroffene konkret prüfen sollten, bevor sie Monate verschenken
Wer in EM-Rente ist und in den nächsten 12 bis 24 Monaten eine Altersrente erreichen könnte, sollte den Versicherungsverlauf und die möglichen Altersrentenarten gegenüberstellen lassen. Besonders wichtig sind Rentenbeginn, Abschläge/Zugangsfaktor und die Frage, ob und in welchem Umfang Besitzschutz greift.
Für den aktiven Wechsel in eine Altersrente ist regelmäßig ein Umwandlungs-/Rentenantrag nötig (z. B. R0110). Wer hier früh prüft, verhindert, dass weitere Monate in einer ungünstigeren Rentenart verstreichen.
Wer berät – und wann das sinnvoll wird
Die Deutsche Rentenversicherung kann Rentenarten rechnerisch gegenüberstellen und den Versicherungsverlauf einbeziehen; für viele ist das der erste Schritt. Wer komplexe Konstellationen hat, Widersprüche erwartet oder bereits Konflikte mit Bescheiden erlebt hat, kann zusätzlich Sozialverbände oder unabhängige Rentenberater beziehungsweise Fachanwälte für Sozialrecht einbinden.
FAQ: Altersrente trotz laufender Erwerbsminderung
Kann ich während einer laufenden EM-Rente in eine Altersrente wechseln?
Ja, wenn Sie die Voraussetzungen einer Altersrente erfüllen und den Wechsel aktiv beantragen.
Wird die EM-Rente automatisch zur Regelaltersrente?
Beim Erreichen der Regelaltersgrenze wird eine wegfallende EM-Rente grundsätzlich als Regelaltersrente weitergeführt; in der Praxis meldet sich die Deutsche Rentenversicherung dazu im Vorfeld.
Gibt es Schutz vor einer niedrigeren Folgerente?
In bestimmten Fällen greift Besitzschutz. Ob das im konkreten Fall hilft, hängt vom Versicherungsverlauf, dem Zeitpunkt und der Folgerente ab.
Warum kann die Altersrente höher sein als die EM-Rente?
Weil die Abschläge je nach Rentenart und Rentenbeginn niedriger ausfallen können und der Zugangsfaktor günstiger sein kann.
Was ist der häufigste Fehler?
Den Übergang zur Regelaltersrente (der grundsätzlich automatisch läuft) mit dem vorzeitigen Wechsel in eine günstigere Altersrente zu verwechseln – und deshalb die aktive Option nicht zu prüfen.
Fazit: Wer den vorzeitigen Wechsel nicht prüft, zahlt oft Monat für Monat drauf
Die EM-Rente ist häufig eine Zwischenstation. Der automatische Übergang zur Regelaltersrente ist das eine; der mögliche vorzeitige Wechsel in eine günstigere Altersrente ist das andere – und genau dort steckt für viele der finanzielle Hebel. Wer rechtzeitig vergleichen lässt und den Wechsel sauber beantragt, verhindert, dass sich ungünstige Abschläge und verpasste Monate dauerhaft festsetzen.




