Weniger Kinder auf Hartz IV und trotzdem arm

Weniger Kinder im Hartz IV-Bezug

BA: Weniger minderjährige Hartz IV-Empfänger in Deutschland

26.01.2012

Laut einer Auswertung der Bundesagentur für Arbeit (BA) leben immer weniger Kinder von Hartz IV-Leistungen in Deutschland. Die Zahl der minderjährigen Hartz-IV-Bezieher sei in den letzten fünf Jahren deutlich zurückgegangen. Kritiker warnen davor, von einem Rückgang der Kinderarmut zu sprechen. Besonders Beschäftigte im Niedriglohnbereich hangeln sich häufig trotz Arbeitsstelle weiterhin an der Grenze zur Armut entlang. Viele Familien erhalten Wohngeld und den Kinderzuschlag und haben meist sogar weniger, als zuvor mit Hartz IV.

Seit September 2010 84.000 minderjährige Hartz IV-Empfänger weniger
In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der unter 15-jährigen Hartz IV-Empfänger von knapp 1,9 Millionen auf circa 1,64 Millionen gesunken. Besonders stark war der Rückgang von September 2010 bis 2011. In dieser Zeit sank die Zahl der unter 15-Jährigen in Hartz IV-Familien um knapp 84.000. Dies ergab eine Auswertung der BA, die der Süddeutschen Zeitung (SZ) vorgelegt wurde.

Heinrich Alt, BA-Vorstandsmitglied zeigte sich hingegen optimistisch: „Weniger Kinder in Hartz IV bedeutet, dass es den Jobcentern gelungen ist, ihre Eltern in Beschäftigung zu integrieren." Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt seien heute viel besser als noch vor drei Jahren. „Auch Langzeitarbeitslose oder Geringqualifizierte profitieren verstärkt von der Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes“, erklärt Alt.

Bessere Zahlen durch Bereinigung der Statistik und Abschreckung
Ob der Rückgang der minderjährigen Hartz IV-Bezieher wirklich auf die Vermittlungsarbeit der Jobcenter zurückzuführen ist, bleibt für Kritiker fraglich. Für Familien, deren Verdiener im Niedriglohnbereich arbeiten, verbessert sich zudem oft nicht viel. Sie leben häufig weiterhin an der Grenze zur Armut, werden aber in der Statistik der BA nicht mehr geführt. In den letzten Jahren bezogen viele Familien mit Kindern den Kinderaufschlag und bekamen gegebenenfalls Wohngeld. Durch dieses "Wahlangebot" wurden viele Betroffene aus der Statistik heraus manipuliert, obwohl sie auch jetzt gleichviel oder sogar weniger finanzielle Mittel aufgrund fehlender Ansprüche wie Mehrbedarfe zur Verfügung haben. Nunmehr kann es an der Anrechnung des Elterngeldes liegen, weil viele Familien kein aufstockenes Hartz IV mehr bekommen. Auch wer aus Hartz IV (oftmals nur kurzfristig) in Arbeit gerät, hat mit seiner Familie kaum mehr als mit Hartz IV und ist vielleicht sogar berechtigt aufstockene Hartz IV Leistungen zu erhalten, aber verzichtet darauf, um keinen Stress den Jobcentern zu haben. Sanktionsandrohungen, Bevormundungen und Drangsalierungen sind anscheinend ein adäquates Mittel, um vor Hartz IV abzuschrecken.

Berlin bleibt Schlusslicht im bundesweiten Vergleich
Es gibt große regionale Unterschiede im bundesweiten Vergleich der Zahlen der minderjährigen Hartz IV-Empfänger. In der Fünf-Jahres-Analyse der BA nimmt Bayern den ersten Platz ein. In anderen Bundesländern, wie den Stadtstaaten Bremen und Hamburg oder dem bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen, liegt der Rückgang jedoch deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 13,5 Prozent. Den letzten Platz belegt Berlin mit einem Rückgang der minderjährigen Hilfebedürftigen von nur 1,2 Prozent. Damit ist mehr als jedes dritte Kind in Berlin auf staatliche Hilfen angewiesen. Im bundesweiten Durchschnitt betrifft dies mit 15,1 Prozent fast jedes siebte Kind.

In Ostdeutschland gingen die Zahlen der minderjährigen Hartz IV-Berechtigten bis 14 Jahre überdurchschnittlich stark zurück. Dies betrifft insbesondere die Flächenstaaten wie Brandenburg, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern. Ein ausschlaggebender Grund könnte in der Abwanderung der Bevölkerung von Ost nach West liegen.

Alt räumt ein, dass es noch nicht überall gelungen sei „Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik intelligent aufeinander abzustimmen.“ Kindergärten, Schulen, Wohlfahrtsverbände, Unternehmen, Kirchen, und die kommunale Jugendhilfe müssten enger zusammenarbeiten, „damit sich nicht Hartz-IV-Strukturen in zweiter oder dritter Generation bilden. Armut darf sich nicht vererben", erklärt Alt. Kindern gehe es nur gut, wenn es ihren Eltern gut gehe.

Kinderarmut bleibt das zentrale Problem
Markus Grabka, Sozialexperte im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), erklärt, warum der Rückgang der minderjährigen Hartz IV-Empfänger keinen Anlass zu übermäßiger Freunde gibt: „Kinderarmut bleibt das zentrale sozialpolitische Problem in Deutschland." Nur weil Eltern kein Hartz-IV mehr beziehen, sei dies längst keine Garantie, nicht weiterhin von Armut betroffen zu sein. Besonders für Arbeitnehmer im Niedriglohnbereich sei das Risiko hoch, berichtet der Experte.

Zwei Drittel der Alleinerziehenden mit drei und mehr Kindern beziehen Hartz IV
Die Auswertung der BA macht deutlich, dass die Hilfsquoten eng mit der Anzahl der im Haushalt lebenden Kinder zusammenhängen. Im August 2009 bezogen 35,9 Prozent der Alleinerziehenden mit einem Kind Hartz IV-Leistungen. Bei zwei Kindern sind 45 Prozent auf staatliche Hilfen angewiesen während bei Alleinerziehenden mit drei und mehr Kindern sogar zwei Drittel aller Haushalte Hartz IV bezieht.

Die BA gibt für das vergangene Jahr an, rund 90.000 der Alleinerziehenden einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeitsstelle vermittelt zu haben. Dies entspricht einer Zunahme von 12 Prozent. Alt erläutert, dass der Wiedereinstieg in den Beruf jedoch durch mangelnde Kinderbetreuung erschwert wird, die auch über die klassischen Betreuungszeiten hinausgehen müsse. Das BA-Vorstandsmitglied ermutigte die Betriebe, Alleinerziehenden häufiger eine Chance zu geben. Das Ziel sei Eltern ein Leben ohne Hartz IV zu ermöglichen: „Kinder sollten sehen, dass es der Normalfall ist, dass über das Erwerbseinkommen eine Familie unterhalten wird.“ (ag)


Bild: Helene Souza / pixelio.de

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