Wie viele Krankheitstage sind bei Arbeitnehmern maximal erlaubt?

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Eine maximale Zahl „erlaubter“ Krankheitstage gibt es in Deutschland nicht. Wer arbeitsunfähig krank ist, darf so lange fehlen, wie die Arbeitsunfähigkeit besteht und ärztlich festgestellt ist. Was viele mit „maximal“ meinen, sind die Grenzen der Absicherung: Wie lange zahlt der Arbeitgeber, wie lange zahlt die Krankenkasse – und ab wann kann Krankheit arbeitsrechtlich zum Problem werden? Genau diese Schwellen sind entscheidend.

Maximale Krankheitstage pro Jahr: Gibt es eine feste Grenze in Deutschland?

Nein. Es gibt keine gesetzliche Obergrenze an Krankheitstagen „pro Jahr“. Relevant wird es erst dort, wo das System umschaltet: bei der Entgeltfortzahlung, beim Krankengeld und bei der Frage, ob Fehlzeiten arbeitsrechtlich eine negative Prognose begründen können.

Attestpflicht bei Krankheit: Was muss wirklich beachtet werden?

Krankheit muss dem Arbeitgeber unverzüglich gemeldet werden. Ein ärztlicher Nachweis ist grundsätzlich nötig, wenn die Arbeitsunfähigkeit länger als drei Kalendertage dauert; praktisch heißt das: spätestens ab dem 4. Tag muss sie ärztlich festgestellt sein. Arbeitgeber können ein Attest auch früher verlangen.

Bei gesetzlich Versicherten läuft der Nachweis gegenüber Arbeitgebern meist über die eAU; bei privat Versicherten kann weiterhin ein Papiernachweis erforderlich sein.

Lohnfortzahlung bei Krankheit: Wie lange zahlt der Arbeitgeber maximal?

Der Arbeitgeber zahlt bei Arbeitsunfähigkeit in der Regel bis zu sechs Wochen Entgeltfortzahlung je Arbeitsunfähigkeit. Ab Woche 7 beginnt für viele der entscheidende Systemwechsel: Dann geht es häufig nicht mehr um „läuft weiter“, sondern um die Frage, ob Krankengeld greift.

Bei wiederholten Erkrankungen entscheidet oft die Einordnung: Handelt es sich um eine neue Erkrankung oder um die Fortsetzung derselben? Eine neue Krankheitsursache kann grundsätzlich wieder einen neuen Sechs-Wochen-Zeitraum auslösen, während bei Fortsetzung oder Rückfall derselben Erkrankung Anrechnung und Fristen eine neue Entgeltfortzahlung begrenzen können.

Wer hier unsicher ist, sollte nicht raten, sondern die Grundlage klären: Welche Diagnose/Arbeitsunfähigkeitsgründe sind bescheinigt, welche Zeiträume sind erfasst, und wie wird der Zusammenhang bewertet?

Spätestens ab Woche 7 wird Krankheit in vielen Fällen zur Leistungs- und Zuständigkeitsfrage.

Krankengeld maximale Dauer: Wie lange zahlt die Krankenkasse (78 Wochen / 3 Jahre)?

Krankengeld ist zeitlich begrenzt: Wegen derselben Krankheit wird es längstens 78 Wochen innerhalb von drei Jahren gezahlt. In der Praxis ist der Streitpunkt oft nicht die Zahl, sondern der Zusammenhang: „Dieselbe Krankheit“ bedeutet, dass die Krankenkasse Zeiten zusammenrechnet, wenn sie einen einheitlichen Krankheitszusammenhang annimmt – auch wenn sich Symptome oder Diagnosen im Verlauf verändern.

Hier hilft ein konkreter Hebel, den viele nicht nutzen: Betroffene können bei der Krankenkasse schriftlich den aktuellen Stand anfordern, also wie die Kasse den Krankheitszusammenhang führt und wie der Anspruchsstand im Rahmen der Blockfrist berechnet wird. Das ist keine Formalität, sondern die Grundlage, um rechtzeitig zu erkennen, ob das Ende des Krankengeldes näher rückt.

Wer den Stand nicht kennt, wird von der Aussteuerung häufig überrascht – obwohl sie rechnerisch vorhersehbar ist.

Aussteuerung nach Krankengeld: Was passiert, wenn Krankengeld endet – und wie verhindert man eine Lücke?

Wenn Krankengeld ausgeschöpft ist („Aussteuerung“), endet das Arbeitsverhältnis nicht automatisch. Praktisch endet aber die Zahlung – und damit die wichtigste Absicherung. Dann geht es um Übergänge: Reha, Klärung der Leistungsfähigkeit und – je nach Lage – Arbeitslosengeld.

In vielen Fällen kann die Nahtlosigkeitsregelung (§ 145 SGB III) im Rahmen von ALG I relevant werden: Sie kann den Zugang zu ALG I ermöglichen, obwohl gesundheitlich noch nicht abschließend geklärt ist, wie leistungsfähig jemand ist. Das ist nicht automatisch und setzt Antrag und Mitwirkung voraus.

Der entscheidende Praxisunterschied liegt im Timing des Handelns: Sobald absehbar ist, dass die Erkrankung länger dauert, sollte geklärt werden, welche Stelle welchen Nachweis braucht und welche Leistung als nächstes in Betracht kommt. Wer erst reagiert, wenn die Zahlung endet, riskiert Verzögerungen – und damit eine Lücke.

Das Ende des Krankengeldes ist kein Verwaltungsdetail, sondern der Punkt, an dem Zuständigkeiten über die Existenzsicherung entscheiden.

BEM ab 6 Wochen Krankheit: Was bedeutet betriebliches Eingliederungsmanagement konkret?

Wer innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen ununterbrochen oder wiederholt arbeitsunfähig ist, löst die BEM-Schwelle aus: Der Arbeitgeber muss ein betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) anbieten. Die Teilnahme ist grundsätzlich freiwillig.

Ein fehlendes BEM macht eine Kündigung nicht automatisch unwirksam, kann aber im Streitfall relevant werden, weil es zeigt, ob Alternativen zur Kündigung ernsthaft geprüft wurden.

Für Betroffene ist BEM vor allem eine Chance, die eigene Situation belastbar zu dokumentieren: Welche Tätigkeiten sind möglich, welche nicht, und welche Anpassungen wären realistisch? Diese Dokumentation ist später oft wertvoller als pauschale Aussagen.

Krankheitsbedingte Kündigung: Ab wie vielen Krankheitstagen ist Kündigung möglich?

Es gibt keine Zahl „ab X Krankheitstagen ist Kündigung erlaubt“. Krankheitsbedingte Kündigung hängt an drei Bausteinen: negative Gesundheitsprognose, erhebliche betriebliche Beeinträchtigung und Interessenabwägung.

Bei einer Langzeiterkrankung ist die Prognose der Kern: Gibt es eine realistische Rückkehrperspektive oder spricht die Entwicklung dagegen? Bei häufigen Kurzerkrankungen wird oft die Unplanbarkeit zum Argument:

Ständige kurzfristige Ausfälle können betriebliche Störungen leichter begründbar machen. Gerichte schauen dafür regelmäßig über mehrere Zeiträume zurück, um eine Zukunftsprognose auf Tatsachen zu stützen.

Nicht die Summe der Tage entscheidet, sondern ob sich daraus eine belastbare Prognose für weitere Ausfälle und erhebliche Belastungen ableiten lässt.

Kündigung wegen Krankheit: Welche Frist gilt für die Kündigungsschutzklage?

Wenn eine Kündigung zugestellt wird, zählt zuerst die Frist. In der Regel muss innerhalb von drei Wochen nach Zugang Kündigungsschutzklage erhoben werden. Wer diese Frist verpasst, verliert häufig die Möglichkeit, die Kündigung überhaupt noch inhaltlich prüfen zu lassen. Ein praktischer Schritt ist deshalb, den Zugangstag der Kündigung sofort zu dokumentieren.

FAQ

Kann der Arbeitgeber „zu viele Krankheitstage“ abmahnen oder verbieten?
Nein. Sanktionen sind nicht an die Zahl der Fehltage gekoppelt, sondern an Pflichtverstöße wie verspätete Krankmeldung, fehlenden Nachweis oder die Nichtbeachtung betrieblicher Vorgaben zur Anzeige der Arbeitsunfähigkeit.

Zählen Wochenenden und Feiertage bei den 6 Wochen Entgeltfortzahlung mit?
Ja. Die Sechs-Wochen-Frist bezieht sich auf Kalendertage, nicht nur auf Arbeitstage.

Was ist der häufigste Streitpunkt beim Krankengeld – und woran erkennt man ihn?
Meist geht es nicht um die Höhe, sondern um die Zuordnung „dieselbe Krankheit“ und die daraus folgende Zusammenrechnung. Ein Warnsignal ist, wenn die Krankenkasse den Verlauf als einheitlichen Zusammenhang führt, obwohl sich Diagnosen/Symptome verändert haben.

Welche Unterlage sollte man bei langer Krankheit frühzeitig schriftlich anfordern?
Eine schriftliche Auskunft der Krankenkasse zum Krankengeld-Anspruchsstand inklusive Einordnung des Krankheitszusammenhangs und der relevanten Zeiträume.

Was sollte im BEM unbedingt vermieden werden?
Ungeprüfte Zustimmung zu Maßnahmen oder Formulierungen, die eine belastbare Rückkehr oder volle Einsatzfähigkeit suggerieren, wenn das medizinisch nicht abgesichert ist.

Welche „Sofortmaßnahme“ ist bei einer Kündigung entscheidend, noch bevor Inhalte geprüft werden?
Den Zugangstag dokumentieren und die 3-Wochen-Frist für die Kündigungsschutzklage sichern.