Ein Theologe der Herzlosigkeit: Was Joachim Gauck vom Sozialstaat hรคlt von Holdger Platta
18.02.2012
Nun kommt er wieder ins Gesprรคch: Joachim Gauck. Er soll, nach Auffassung vieler Bรผrgerinnen und Bรผrger, Wulffs Nachfolge antreten: ein โKandidat der Herzenโ, wie es bereits im Vorwahlkampf im Frรผhsommer 2010 hieร. Tatsรคchlich? Wรคre Joachim Gauck ein solcher Bundesprรคsident? Wรคre Gauck eine derart hehre Lichtgestalt? Wรคre Gauck der Kandidat der Herzen, der Prรคsident aller, wรคre er der aufrechte, lautere, zutiefst menschliche Mensch weit รผber allem Parteiengezรคnk?
Nein, Joachim Gauck wรคre ein solcher Bundesprรคsident nicht. Was Christian Wulff mit der Ausstrahlung eines ewigen Oberprimaners nicht zuwegebracht hat, das kรถnnte Joachim Gauck mit seinem Charisma (das ihm nicht abzusprechen ist) bei vielen Menschen hierzulande durchaus glรผcken: sozialspalterisches Gedankengut hineinzutragen in unser Land, zutiefst verrohendes Denken, eine Propaganda vรถlliger Mitleidslosigkeit. Ich meine konkret: die Bรผrgerinnen und Bรผrger davon zu โรผberzeugenโ, daร der Abbau unseres Sozialstaates, daร insbesondere Hartz-IV, diese staatlich betriebene Verelendung von Millionen Menschen in der Bundesrepublik, doch eigentlich eine prima Sache sei. Hier einige Beispiele, mit welch pastoralen Segenssprรผchen Ex-Pfarrer Gauck diese alltรคglich praktizierte Menschenverachtung namens Hartz-IV seit Jahren versieht:
Bereits im Sommer des Jahres 2004 bezeichnete Joachim Gauck die Bรผrgerinnen und Bรผrger, die gegen das Menschenverelendungsgesetzeswerk Hartz-IV demonstrierten, als โtรถricht und geschichtsvergessenโ โ allein deshalb, weil diese Menschen den Begriff der โMontagsdemonstrationenโ wiederaufleben lieรen (Quelle: RP-Online vom 09.08.04). Ich meine: so spricht einer, der sich โ ohne Mitleid den Arbeitslosen gegenรผber โ als Gefangener der eigenen Lebensgeschichte erweist.
Joachim Gauck hat die Sozialstaatsverpflichtung der Bundesrepublik gegenรผber den Hilfsbedรผrftigen mit den Worten kritisiert: โDiese Reduzierung des Lebensglรผcks auf Wohlfahrt und Wohlstand halte ich nicht fรผr kindlich, sondern fรผr kindischโ. Die Forderung nach Wohlfahrt aller sei โReduzierung des Lebensglรผcksโ, sei โkindischโ? Ich meine: mit solcher Eiseskรคlte spricht kein mitfรผhlender Mensch, sondern ein Mann, der sich offenkundig eher als Steiรtrommler der Nation versteht. Und offenbar das Grundgesetz nicht kennt. Doch weiter:
Joachim Gauck hat die humanen Grundmotive der menschenwรผrdigen Existenzsicherung fรผr alle Menschen in der Bundesrepublik mit dem Verdacht belegt: โWir stellen uns nicht gerne die Frage, ob Solidaritรคt und Fรผrsorglichkeit nicht auch dazu beitragen, uns erschlaffen zu lassen.โ (Quelle: Welt-Online vom 07.06.10). โUnsโ? โ Nun, ich meine: mit dieser wรถrtlichen รbernahme von Thesen aus den Propagandaschriften der Unternehmer-Organisation โInitiative Neue Soziale Marktwirtschaftโ (siehe deren Broschรผre: โMehr Freiheit fรผr Eigeninitiativeโ!) stellt sich Gauck auf die Seite der Sozialstaatsvernichter in diesem Land und liefert diesen Vorwรคnde fรผr noch bรถsartigere Kรผrzungen im Sozialbereich. Auรerdem klingen auch in dieser Aussage von ihm die Tรถne einer Schwarzen Pรคdagogik durch.
Und schlieรlich: Joachim Gauck hat die Zerstรถrung unseres Sozialstaats mit den folgenden Worten gefeiert: โAls Gerhard Schrรถder einst die Frage aufwarf, wie viel Fรผrsorge sich das Land noch leisten kann, da ist er ein Risiko eingegangen. Solche Versuche mit Mut brauchen wir heute wiederโ (Quelle: Die Welt vom 07.06.10). Das ist im Klartext ein Plรคdoyer fรผr noch mehr Menschenverelendung in diesem Land. Und was hier โMutโ genannt wird, ist in Wahrheit nichts anderes als Brutalitรคt.
Ich meine: mit derartigen รuรerungen reiht sich Joachim Gauck ohne jede Einschrรคnkung ein in die Front jener PolitikerInnen, die mit der Agenda 2010 รผber Millionen von Menschen in bitterstes Unglรผck zu stรผrzen vermochten. Ich meine: er vertieft damit die Misere und die Spaltung in der Bundesrepublik statt sich einzusetzen fรผr die รrmsten der Armen in unserem Land. Ich meine: so spricht nicht ein Pfarrer, der sich mit seiner Christlichkeit auf die Seite des Nรคchsten steht, sondern eher der Vertreter einer Theologie der Herzlosigkeit. Einem solchen Menschen โ offenkundig heillos in sich selber verstrickt, in die eigene hรถchstpersรถnliche Lebensgeschichte โ darf man das hรถchste Amt, das in der Bundesrepublik zu vergeben ist, nicht anvertrauen. Eine derartige Absage an Mitgefรผhl und Solidaritรคt darf unser Land nicht reprรคsentieren โ weder nach innen noch nach auรen hin.
Der โKandidaten der Herzenโ, wie Gauck 2010 gern von den Medien bezeichnet worden ist, ist also eher ein Theologe der Herzlosigkeit. Damit wรคre er nicht unbedingt ein Mann der Reichen, โ das also, was bei Christian Wulff in wachsendem Maรe zutagegetreten ist -, mit Sicherheit aber ein Mann, der konsequent gegen die รrmsten der Armen in diesem unserem Lande polemisiert.Unserem Land tut weder das eine noch das andere gut.
Selbstverstรคndlich, wir brauchen keinen Heiligen an der Spitze unseres Staates, der Bundesprรคsidentensitz ist kein โHeiliger Stuhlโ. Aber einen Scheinheiligen brauchen wir dort oben schon gar nicht! Und das sollte zumindest genauso selbstverstรคndlich sein. (HP)
Bild: J. Patrick Fischer