Hartz IV: Ein 320 Euro Job

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Von sechshundert Euro im Monat leben, das fällt wohl jedem schwer, abzüglich Strom, Telefon und Fernsehgebühren. Um mein Hartz IV Geld ein wenig aufzubessern, suchte ich mir eine Nebentätigkeit. Dabei handelte es sich um einen Job in einem Kindergarten, bei dem ich die Außenanlage pflegen mußte.

Das heißt, einmal die Woche hatte ich den Innenhof zu fegen, dessen Fläche zum Teil asphaltiert und zum Teil aus Pflaster bestand. Bei Bedarf mußte ich auch mehrmals fegen, die Büsche zurückschneiden und Unkraut zupfen, eben alles was dazu gehörte. Einmal grub ich einen Rosenstock aus, da die Kinder sich an den Dornen stachen.
Wenn es regnete, war Essig mit der Arbeit und es regnete viel im Juni dieses Jahres. Die Arbeit machte soweit auch Spaß und ich hatte ein wenig Ausgleich neben dem Schreiben und, wie ich dachte, auch mehr Geld. So dachte ich es mir jedenfalls! Der erste des Monats kam und die Leiterin des Kindergartens sagte mir, daß das Geld erst am fünfzehnten überwiesen würde. Ich muß noch dazu sagen, daß ich meine Stunden in ein orangefarbenes Schreibheft eintragen mußte.
Da ich noch eine kleine Geld Reserve besaß und zwischendurch zu einem Vorstellungsgespräch reiste, beließ ich es erst einmal dabei. Ich staunte aber, als das Geld am fünfzehnten auch nicht da war. Als ich die Kindergartenleiterin darauf ansprach, sagte sie mir, daß die Verwaltung erst am nächsten Ersten abrechnen würde.

Noch einmal gab ich mich zufrieden und verrichtete meine Arbeit, da ich mich noch nicht direkt in einer Notlage befand. Ab und an erhielt ich auch übrig gebliebenes Essen der Kinder, welches ich nach Hause mitnehmen und dort aufwärmen konnte. Aber eines Tages hatte ich kein Geld mehr. Ich begab mich also zu dem Kindergarten und klagte der Leiterin meine Not. Nach langem Hin und Her gab sie mir fünf Euro aus irgendeiner Kasse. Dabei sagte sie, der Nebenjob wäre eher etwas für Schüler und ich sollte zu meiner Arbeitsberaterin zur Arbeitsagentur gehen und mich in eine Stelle für Sozialpädagogen vermitteln lassen, in den Beruf, den ich gelernt habe!

Es war wohl zwecklos ihr zu erklären, daß die Chancen dafür unmöglich waren. Denn erstens hatten die Arbeitsagenturen zu der Zeit keine Arbeitsvermittler und zweites habe ich selbst versucht, in meinem Beruf unterzukommen. Stellenangebote, mit bis zu achtzig Bewerbungen und mehr waren das Resultat! Hinzu kam mein Alter. Sie sagte mir noch, ich leistete mir noch den Luxus zu rauchen, man müßte eben sparen, wo es ginge. Als ich sie ein paar Wochen später auf meine schlechte berufliche Situation hinwieß, sagte sie, ich solle zwei, drei Teilzeitstellen annehmen. Darauf hatte ich nun wirklich keine Lust und es entschuldigte schon gar nicht, daß kein Geld überwiesen wurde. Nach drei Monaten erhielt ich endlich meinen ersten Lohn. Zu der Zeit begannen die Sommerferien und auch ich mußte "Ferien" nehmen. Die Arbeitsagentur reagierte prompt und zog mir einhundert Euro vom Regelsatz ab, mit dem Hinweis, daß ich es erstattet bekäme, wenn ich die Arbeitsbescheinigung einreichen würde. Alles Protestieren half nichts, weder in schriftlicher noch telefonischer Form. Hin- und Herlaufen zwischen Arbeitsagentur, Oberkirchenrat und Verwaltung des Kindergartens hatten die Folge. Und Behördenmühlen, beziehungsweise die der Ämter, mahlen langsam.

Die Folge war, daß mir wieder Geld fehlte. Auch der Hinweis bei der Agentur für Arbeit, daß früher unbürokratischer gearbeitet wurde, half nichts. Auch nicht, das ich in drei Monaten nur an die siebenundachtzig Euro verdient hatte.
Die Höhe war, daß sie für jeden Monat extra eine Abrechnung wollten, bei den paar Euros! Ich riet ihnen, die Bescheinigungen direkt an den Oberkirchenrat zu schicken, worauf sie meinten, daß es meine Sache sei. Ich sagte ihnen, daß sie sich dabei auch wohl die Beine brechen könnten.

Immerhin konnte ich erreichen, daß mir vorerst nur hundert Euro abgezogen wurden. Diese ganzen Bemühungen erstreckten sich über Tage, zum Bewerben, beziehungsweise zum Schreiben kam ich kaum. Die ganze Sache nahm meine ganze Zeit in Anspruch. Zeit, in denen andere um Millionen, aber mindestens um Tausende, Hunderte handeln, Geschäfte abgewickelt wurden, dachte ich.

Nach den Ferien ging die Arbeit wöchentlich weiter, ich hatte auf der baumbestanden Freifläche Rasen gesät, der jetzt wuchs. Die Leiterin war auch soweit zufrieden mit mir, nur das Geld kam weiterhin unpünktlich.
Auf die Eltern der Kinder mußte ich sowieso wie ein Unikum gewirkt haben. Ein Sozialpädagoge, der den Hof fegte und den Sand ihrer Kinder aus dem Sandkasten beseitigte!

Die Leiterin bestellte mich jetzt auch des Öfteren, da die Hecke zur Straße zu schneiden war. Das brachte Extra – Stunden und Extra – Geld! Der Lohn kam jedoch weiterhin unpünktlich. Einmal war es das Stundenbuch, das nicht zur Abrechnung gegeben wurde, ein andermal ein anderer Grund.

Eines Tages platzte mir dann der Kragen. Ich sagte der Leiterin, daß ich nicht mehr käme. Sie registrierte es und meinte, da müsse sie sich jemand anderen suchen. Seitdem habe ich zwar weniger Geld, aber auch weniger Laufereien. Ich beschränke meine Tätigkeiten auf das Schreiben und Tätigkeiten, die ich nicht melde. In Deutschland zu arbeiten, lohnt sich einfach nicht mehr, es sei denn, man ist festangestellt. Aber auch dort sind die Arbeitsbedingungen nicht gerade rosig, habe ich mir berichten lassen.Also auswandern oder nichts tun? Ich weiß es nicht!

Die neue Armut
Menschen, die durch die Nacht schlüpfen,
die Abfalleimer nach Pfandflaschen durchstöbern,
die bei Tage in Suppenküchen zu finden sind –
die Armee der Hartz IV – Empfänger!

Dies ist ein Leserbeitrag von Karl Farr

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