Wer über Frührente nachdenkt, stößt schnell auf die magische Zahl von 0,3 Prozent Abschlag pro Monat, den man vor der Regelaltersgrenze in Rente geht. Auf vier Jahre gerechnet (48 Monate) ergibt das einen Abschlag von 14,4 Prozent.
Viele Menschen machen nun Folgendes: Sie nehmen den Bruttobetrag aus ihrer Renteninformation – etwa 2.000 Euro – und ziehen davon diese 14,4 Prozent ab. Am Ende stehen in diesem vereinfachten Rechenbeispiel 1.712 Euro brutto.
Genau hier liegt der entscheidende Fehler. Denn die Renteninformation unterstellt, dass bis zum regulären Renteneintrittsalter weiter Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt werden. Das heißt: Die angegebene Rente ist eine Prognose unter der Annahme, dass bis zum Erreichen der Regelaltersgrenze weitergearbeitet und eingezahlt wird.
Wer aber vier oder fünf Jahre früher aussteigt, zahlt in dieser Zeit keine Beiträge mehr – und erwirbt entsprechend weniger Rentenpunkte. Die Abschläge werden also in der Realität nicht von den „vollen“ 2.000 Euro abgezogen, sondern von einer niedrigeren Ausgangsrente.
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Rentenpunkte statt Wunschbetrag: Wie die tatsächliche Bruttorente entsteht
Um diesen Zusammenhang zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Rentenpunkte. In der gesetzlichen Rentenversicherung entspricht ein Entgeltpunkt in etwa einem durchschnittlichen Jahresverdienst. Ein solcher Rentenpunkt wird mit dem aktuellen Rentenwert multipliziert, um daraus die monatliche Rente zu berechnen.
Bei regulärem Renteneintritt mit 67 Jahren muss man 49 Rentenpunkte erreicht haben, um auf etwa 2.000 Euro Bruttorente zu kommen. Wird die Rente hingegen vier Jahre früher in Anspruch genommen, fallen diese vier Jahre Beitragszahlung weg. Bei einem Durchschnittsverdienst und einem Zuwachs von rund einem Rentenpunkt pro Jahr wären es in diesem Beispiel nur 45 anstelle von 49 Rentenpunkten.
Damit sinkt die Grundlage, auf die die Abschläge angewendet werden. Statt von 2.000 Euro auszugehen, muss man also realistischerweise mit einer geringeren Bruttorente rechnen – in diesem Beispiel rund 1.836 Euro. Erst von diesem reduzierten Ausgangswert werden die 14,4 Prozent Abschlag abgezogen. Übrig bleiben dann etwa 1.544 Euro Bruttorente. Die tatsächliche Differenz zur „ursprünglichen“ Hochrechnung fällt also deutlich größer aus, als wenn man einfach die 14,4 Prozent vom Renteninformationsbetrag abzieht.
Von brutto zu netto: Was am Ende tatsächlich auf dem Konto landet
Mindestens ebenso wichtig wie der Bruttobetrag ist die Frage, wie viel Nettorente nach Steuern und Sozialabgaben übrig bleibt. Denn wer eine höhere Bruttorente bezieht, muss in der Regel auch mehr Steuern zahlen und höhere Beiträge zur gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung leisten.
Im Beispiel wird eine Bruttorente von rund 1.544 Euro bei frühem Rentenbeginn mit einer Nettorente von etwa 1.330 Euro angesetzt. Beim regulären Renteneintritt mit 2.000 Euro brutto ergibt sich in diesem Beispiel eine Nettorente von etwa 1.655 Euro. Aufs Jahr gerechnet stehen damit für die Frührente rund 16.000 Euro Nettorente, für die spätere Rente ungefähr 20.000 Euro gegenüber. Der Unterschied liegt also bei etwa 4.000 Euro Netto pro Jahr.
Dieses Delta bildet die Grundlage für die sogenannte Break-even-Betrachtung: Ab wann hat sich die höhere Rente durch späteren Renteneintritt gegenüber der frühzeitig gezogenen Rente mit Abschlägen tatsächlich „gerechnet“?
Break-even-Analyse: Ab wann lohnt sich der spätere Rentenbeginn?
Um den Break-even-Punkt zu bestimmen, muss man zwei Szenarien vergleichen: Variante 1 ist die Frührente mit Abschlägen, die aber mehrere Jahre früher ausgezahlt wird. Variante 2 ist der reguläre Rentenbeginn mit höherer Bruttorente und entsprechend höherer Nettorente, dafür aber spätem Start der Zahlungen.
Im Rechenbeispiel wird angenommen, dass sich die Renten jährlich um etwa 2 Prozent erhöhen. Beide Rentenverläufe – Frührente und reguläre Rente – werden über die Jahre fortgeschrieben.
Die Frührentnerin oder der Frührentner hat zu Beginn einen Vorsprung von vier Jahren Rentenzahlung, allerdings auf niedrigerem Niveau. Wer später in Rente geht, startet zwar mit null, bekommt aber ab dem regulären Rentenbeginn eine klar höhere Nettorente.
Die entscheidende Frage lautet: Nach wie vielen Jahren hat die Person mit dem späteren Rentenbeginn insgesamt mehr Nettorente erhalten als die Person, die früher mit Abschlägen in Rente gegangen ist?
In der dargestellten Modellrechnung liegt dieser Break-even-Punkt bei rund 18 Jahren nach dem regulären Rentenstart. Wer also beispielsweise mit 67 Jahren regulär in Rente geht, hätte erst im Alter von etwa 85 Jahren die Summe der ausgezahlten Nettorenten der Frührentnerin oder des Frührentners überholt.
Lebenserwartung: Wie realistisch ist das Erreichen des Break-even-Punktes?
Statistische Daten zeigen, dass Männer mit 65 je nach Bundesland eine durchschnittliche verbleibende Lebenserwartung von etwa 16,5 Jahren haben, Frauen liegen im Durchschnitt deutlich höher und erreichen oftmals Werte um die 20 Jahre und mehr.
Damit wird deutlich, dass viele Männer den Break-even-Punkt von 18 Jahren nach regulärem Rentenbeginn statistisch gesehen gar nicht erreichen, während Frauen im Schnitt näher an diesen Bereich herankommen oder ihn überschreiten könnten.
Für die individuelle Entscheidung spielen neben der Statistik aber natürlich der persönliche Gesundheitszustand, familiäre Lebenserwartungen und der eigene Lebensstil eine wesentliche Rolle. Wer bereits gesundheitlich angeschlagen ist oder unter hoher beruflicher Belastung leidet, wird die zusätzlichen Jahre in Erwerbsarbeit anders bewerten als jemand, der körperlich fit ist, gerne arbeitet und langfristig plant.
Wie sich geringere Rentenanpassungen auf die Rechnung auswirken
Ein weiterer Faktor, der die Entscheidung beeinflussen kann, ist die Höhe künftiger Rentenanpassungen. In der Beispielrechnung wird zunächst mit einer durchschnittlichen jährlichen Rentensteigerung von 2 Prozent gearbeitet. Doch was passiert, wenn die Renten in Zukunft nur noch um 1 Prozent pro Jahr steigen?
In diesem Fall verschiebt sich der Break-even-Punkt weiter nach hinten. Die höhere Rente bei späterem Eintritt wächst dann nicht mehr so dynamisch, wie es im ursprünglichen Modell unterstellt wurde. Dadurch dauert es noch länger, bis die Summe der Nettorenten aus dem späteren Rentenbeginn die Summe des früheren Rentenbeginns übersteigt.
Aus rein finanzieller Sicht spricht eine schwächere Rentenanpassung also eher für einen früheren Renteneintritt, weil der Vorteil der höheren Rente im Alter langsamer anwächst.
Zu beachten ist außerdem, dass die Rentenentwicklung stark von der demografischen Lage und der wirtschaftlichen Situation in Deutschland abhängt. Angesichts einer alternden Bevölkerung und der Belastungen für die Rentenkassen ist keineswegs garantiert, dass künftige Anpassungen so ausfallen wie in der Vergangenheit.
Frührente oder späterer Rentenbeginn: Mehr als nur eine finanzielle Frage
Frührente bedeutet nicht nur finanzielle Einbußen, sondern auch gewonnene Lebenszeit ohne Erwerbsarbeit – mit mehr Freiheit, weniger Stress und mehr Möglichkeiten, die eigene Gesundheit zu pflegen.
Wer früh in Rente geht, kann die Jahre nach dem Berufsleben intensiver nutzen, solange Gesundheit und Energie vorhanden sind. Dies kann für viele Menschen einen großen immateriellen Wert haben, der sich nicht in Euro-Beträgen abbilden lässt.
Umgekehrt kann es für andere sinnvoll sein, länger zu arbeiten, etwa weil sie Freude an ihrem Beruf haben, soziale Kontakte schätzen oder ihre finanzielle Situation einen höheren Rentenanspruch zwingend erforderlich macht.
Individuelle Beratung statt Schätzwerte und Bauchgefühl
Bei der gesetzlichen Rente greifen viele Faktoren ineinander: Erwerbsbiografie, Verdienst, Kindererziehungszeiten, Phasen der Arbeitslosigkeit, Steuerklasse, Krankenversicherung und mögliche Zusatzrenten aus betrieblicher oder privater Vorsorge. Deshalb lohnt es sich in vielen Fällen, eine individuelle Beratung in Anspruch zu nehmen – sei es bei der Deutschen Rentenversicherung, bei spezialisierten Rentenberatern oder bei unabhängigen Finanzexperten.
Gerade bei höheren Rentenansprüchen und komplizierten Erwerbsverläufen empfiehlt es sich, konkrete Szenarien durchzurechnen: Wie hoch wäre die Rente netto bei Frührente mit 63, wie bei 65, wie bei 67? Welche steuerlichen Effekte treten jeweils auf? Und wie wirken sich mögliche Nebenverdienste oder Hinzuverdienstgrenzen aus?




