Immer hรคufiger berichten Privatpersonen und mittelstรคndische Unternehmen davon, dass ihr Giroโ oder Geschรคftskonto von einem Tag auf den anderen eingefroren wird.
Der Vorwurf lautet jedes Mal gleich: Verdacht auf Geldwรคsche. Die Erfahrungen reichen von wochenlangen Zahlungsausfรคllen bis hin zur endgรผltigen Kรผndigung der gesamten Geschรคftsbeziehung.
Zwei aktuelle Fรคlle โ eine Erbschaft, die bei der Comdirect landete, und die Sperre eines PayPalโFirmenkontos โ zeigen, wie dรผnn die Beweisdecke sein kann, auf der Banken und Zahlungsdienstleister so weitreichende Schritte stรผtzen.
Inhaltsverzeichnis
Eine Erbschaft gerรคt unter Generalverdacht
Die Mandantin einer Frankfurter Kanzlei hatte gemeinsam mit ihren Geschwistern eine Immobilie in Sรผdfrankreich geerbt. Nach dem Verkauf รผberwies der dortige Kรคufer den Anteil der Erbin auf ihr deutsches Konto bei der Comdirect.
Wenige Tage spรคter tauchte im OnlineโPostfach der Bank eine unscheinbare Nachricht zwischen allgemeinen Geschรคftsbedingungen und Werbehinweisen auf.
Darin forderte das Institut โBelege รผber die Herkunft der Gelderโ. Die Kundin รผbersah die Mitteilung โ und fand ihr Konto kurz darauf komplett blockiert vor.
Erst nachdem die Anwรคltin die notariellen Unterlagen zur Erbschaft nachreichte, wurde die Sperre aufgehoben, nur um 24โฏStunden spรคter ohne weitere Begrรผndung erneut aktiviert zu werden.
Schlieรlich kรผndigte die Comdirect das Konto fristlos, verรคuรerte Wertpapiere zwangsweise und lรถste den Dispokredit auf. Verbraucherschรผtzer registrieren, dass gerade dieses Institut Verdachtsfรคlle besonders rasch bis zur Kรผndigung eskaliert.
Regulatorische Pflicht oder รberreaktion?
Seit Inkrafttreten des zuletzt 2020 verschรคrften Geldwรคschegesetzes gilt fรผr Banken die Devise โlieber einmal zu viel als einmal zu wenig meldenโ. Jede Bareinzahlung, jede รberweisung aus oder in Drittstaaten auรerhalb der EU kann ein automatisiertes โRed Flagโ auslรถsen.
Die Schwelle von 10โฏ000โฏEuro zeigt nur die Grenze, ab der Kunden sich auf Anfrage zwingend ausweisen mรผssen; interne ComplianceโVorgaben greifen oft schon weit darunter.
Branchenvertreter rรคumen ein, dass SoftwareโAlgorithmen Verdachtsalarme in groรer Zahl produzieren โ mit der Folge, dass statistisch immer mehr unbescholtene Kunden betroffen sind.
Welche Rechte Banken haben โ und welche ihre Kunden
Rechtlich dรผrfen Kreditinstitute Konten mit zweimonatiger Frist kรผndigen. Eine sofortige Sperre ist nur zulรคssig, wenn andernfalls die Meldepflicht an die Financial Intelligence Unit (FIU) unterlaufen werden kรถnnte.
Die Praxis, ohne klaren Warnhinweis alle Buchungen zu stoppen, hรคlt zahlreichen juristischen Prรผfungen jedoch nicht stand, weil sie die wirtschaftliche Handlungsfรคhigkeit des Kunden unverhรคltnismรครig beschneidet.
Betroffene kรถnnen deshalb neben der Aufhebung der Sperre hรคufig auch Schadenersatz verlangen โ etwa fรผr geplatzte Dauerauftrรคge oder Mahngebรผhren.
Beschwerdewege: BaFin รผberwacht, FIU sammelt Daten
Wer sich gegen das Vorgehen seiner Bank wehren will, hat zwei behรถrdliche Anlaufstellen. Zum einen nimmt die Bundesanstalt fรผr Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) Verbraucherbeschwerden online entgegen und รผberprรผft, ob das Institut seine Pflichten korrekt erfรผllt hat.
Zum anderen fรผhrt die FIU beim Zoll alle Verdachtsmeldungen zusammen. Dort kรถnnen Betroffene Einsicht in die รผber sie gespeicherten Daten verlangen โ ein Recht, das unmittelbar aus der DatenschutzโGrundverordnung folgt.
Kleinstbetrรคge, groรe Folgen: das Beispiel PayPal
Die zweite Geschichte betrifft ein PayPalโBusinessโKonto, รผber das eine Kanzlei digitale Rechtsdokumente zu Stรผckpreisen von 9,99โฏEuro verkauft. Obwohl alle Registerauszรผge und Identitรคtsnachweise beim Onboarding hochgeladen worden waren, erhielt das Unternehmen 30โฏTage spรคter eine einzige EโMail mit der lapidaren Betreffzeile โBestรคtigen Sie Ihre Identitรคtโ.
Am Samstagmorgen folgte die Nachricht, der Account sei โdauerhaft eingeschrรคnktโ. Erst nachdem die Geschรคftsfรผhrerin zusรคtzlich eine firmeninterne Vollmacht hochlud, hob PayPal die Blockade auf.
Der Zahlungsdienstleister verweist in seinen Hilfetexten darauf, dass er gesetzlich verpflichtet sei, Identitรคten jederzeit erneut prรผfen zu kรถnnen und im Zweifel Konten einzuschrรคnken.
Unter der 10โ000โEuroโGrenze: warum auch 75โฏEuro misstrauisch machen
Ob Bareinzahlung am Schalter, PayPalโGutschrift oder รberweisung von der Ferienimmobilie: Technisch wird jede einzelne Transaktion durch Filter gejagt, die Muster erkennen sollen.
Gerรคt ein Konto dabei mehrfach in auffรคllige Kategorien โ etwa wiederholte Auslandsbezรผge oder Bartransfers โ kann das System eine โEnhanced Due Diligenceโ auslรถsen. Schon dreistellige Summen reichen aus, zeigen interne Rundschreiben, die Anwรคlte in laufenden Verfahren vorgelegt bekommen.
Auskunftsrecht konsequent nutzen
Wer wissen will, welcher konkrete Vorgang den Verdacht ausgelรถst hat, sollte sich nicht an die Bank, sondern direkt an die FIU wenden. Lehnt die Behรถrde die Auskunft mit Verweis auf laufende Ermittlungen ab, kann der Bundesdatenschutzbeauftragte eingeschaltet werden.
Beide Stellen sind verpflichtet, Anfragen zu prรผfen und gegebenenfalls herauszugeben, welche personenbezogenen Informationen gespeichert wurden.
Schadenersatz realistisch beziffern
Je nach Dauer der Kontosperrung summieren sich Rรผcklastschriften, Mahngebรผhren und entgangene Zinsen rasch auf mehrere hundert Euro. Wer beruflich auf laufende Liquiditรคt angewiesen ist, kann auch Folgeschรคden โ etwa ausgefallene Umsรคtze โ gegenรผber der Bank geltend machen.
Voraussetzung ist eine lรผckenlose Dokumentation: Kontoauszรผge, Schriftverkehr mit dem Institut, Nachweise รผber nicht ausfรผhrbare Zahlungen. In vielen Fรคllen zeigen Banken bereits auf ein erstes qualifiziertes Anwaltsschreiben hin Vergleichsbereitschaft, um ein Grundsatzurteil zu vermeiden.
Prรคvention: Risikoarm wird der Zahlungsverkehr, wenn Kunden jede ungewรถhnliche Transaktion sofort selbst belegen kรถnnen โ etwa durch Kaufโ, Erbschafts- oder Gesellschaftsvertrรคge in digitaler Form. Sinnvoll ist zudem, Einnahmen und Auslandszahlungen รผber ein separates Zweitkonto abzuwickeln, um im Ernstfall handlungsfรคhig zu bleiben.
Fazit
Kontosperrungen wegen Geldwรคscheverdachts werden nicht selten automatisiert verhรคngt, treffen aber reale Existenzen ins Mark.
Wer betroffen ist, sollte rasch reagieren, Belege nachreichen und gleichzeitig seine Rechte gegenรผber BaFin und FIU wahrnehmen. Die Fรคlle Comdirect und PayPal zeigen: Transparente Kommunikation hilft โ doch wenn Banken sich nicht bewegen, bieten Recht und Aufsicht wirkungsstarke Instrumente, die wirtschaftliche Normalitรคt wiederherzustellen.




