Die Macherin von „Jobcenter Academy“ auf Youtube ist auf ein anonymes „Ask Me Anything“ auf Reddit gestoßen. Der Verfasser auf der Plattform behauptet, stellvertretender Teamleiter eines Jobcenters in einer deutschen Großstadt zu sein. Er zeigt offenbar unfreiwliig Einblicke in Aufgaben, Abläufe und Haltungen gegenüber Bürgergeld-Leistungsberechtigten. Das Skanalöse dabei: Ein Satz, der hängen bleibt: Ein „nicht ganz unerheblicher Teil“ der Arbeit bestehe darin, „Leute regelmäßig zu nerven“.
Bürokratie, Druck, ständige Nachfragen
Anonyme Internetbeiträge sind ambivalent. Sie sind Räume, in denen Menschen offener sprechen. Gleichzeitig lassen sie sich schwer verifizieren. Der angebliche „Insiderstatus“ des Reddit-Autors bleibt eine Behauptung. Dennoch spiegeln die Aussagen des vermeintlich stellvertretenen Jobcenter-Teamleiters Erfahrungen vieler Betroffener wider: Bürokratie, Druck, ständige Nachfragen, das Gefühl, eher „verwaltet“ als beraten zu werden.
Verwaltung, Förderung – und das „Nerven“
Der Jobcenter-Mitarbeiter zeigt mit seinen Beiträgen wie er seinen Berufsalltag sieht. Überwiegen würden Förderungen, Weiterbildungen und erheblicher Verwaltungsaufwand. Aber er schreibt, ein beträchtlicher Teil der Tätigkeit bestehe darin, Menschen „regelmäßig zu nerven“, etwa mit Nachfragen.
Die Reddit-Aussagen, die unserer Redaktion vorliegen, sind somit ein unfreiwilliges Geständnis des Bürgergeldsystems, das Druck als Steuerungslogik nutzt. “Nerven“ ist dabei beispielsweise eine Abschreckung, um Menschen in schlecht bezahlte, wenig attraktive Beschäftigung zu drängen.
Worte zeigen die Wirklichkeit. Wer seine tägliche Kontaktpflege als „nerven“ beschreibt, zeigt eine äußerst negative Distanz zum Gegenüber. Für Betroffene verstärkt sich damit das Gefühl, als “Störfall” behandelt zu werden. Für Jobcenter-Sachbearbeiter wiederum kann es Ausdruck von Erschöpfung in einem angespannten System sein, das Zielkonflikte bündelt: vermitteln, fördern, kontrollieren, sanktionieren.
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Bescheid prüfenKonsequenzen gefordert
Jobcenter handeln im Auftrag des Gemeinwesens, verfügen über Zugriff auf sensible Lebenslagen und entscheiden über existenzsichernde Leistungen. Diese Machtasymmetrie verpflichtet zu besonderer Sorgfalt. Ein respektvoller Ton, nachvollziehbare Begründungen, dokumentierte Ermessensausübung und ernsthafte Klärungshilfen sind keine Kür, sondern Teil von Standards, die eingehalten werden müssen.
Der Sachbearbeiter, der auch eine Führungsposition innerhalb der Behörde einnimmt, zeigt, wie der Alltag von vielen Leistungsberechtigten erlebt wird: Sie werden als störend und “nervig” empfunden, wenn sie für ihre Rechte einstehen und nachfragen, wenn ihnen etwas unklar erscheint.
Der Sozialrechtsexperte Dr. Utz Anhalt fordert angesichts dieser öffentlichen Aussagen Konsequenzen. “Es kann nicht sein, sich derart negativ über Leistungsbeziehende in der Öffentlichkeit zu äußern. Wir werden daher versuchen die Identität des Autors festzustellen, damit personelle Konsequenzen folgen.” Wir berichten weiter.