Aktionstage: "20 Jahre Tafeln sind genug"

Aktionsbündnis fordert Armutsbekämpfung statt „Vertafelung“ der Gesellschaft

22.04.2013

Anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens von Tafeln in Deutschland veranstaltet das „Kritische Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln“ vom 26.-28. April 2013 in Berlin ein Wochenende mit Aktionen, Vorträgen, Lesungen, künstlerischen Formaten und einer kritischen Stadtrundfahrt. Unter dem Motto „Armgespeist! 20 Jahre Tafeln sind genug“ werden politische Entwicklungen unter die Lupe genommen und Alternativen zur fortschreitenden „Vertafelung“ der Gesellschaft diskutiert. Gemeinsames Ziel der verschiedenen im Bündnis versammelten gesellschaftlichen Gruppen ist es, die Tafeln überflüssig zu machen.

Mit der Kernforderung einer „armutsfreien, existenzsichernden und bedarfsgerechten Mindestsicherung, die Tafeln und ähnliche Angebote überflüssig macht“, richtet sich das Bündnis in erster Linie an die Politik, aber auch das Tafelsystem selbst ist Gegenstand der Kritik: „Tafeln haben sich in den letzten 20 Jahren zu einem System entwickelt, das zunehmend marktförmig und nach Eigenlogiken operiert. Tafeln sind keine Bewegung, sondern eine Organisation, die als Monopolist im Markt der Bedürftigkeit auftritt und andere ebenso engagierte Anbieter von Hilfeleistungen zunehmend verdrängt. Mittlerweile hat sich ein armutsökonomischer Markt etabliert, in dem aus Armut noch Gewinne erwirtschaftet werden“, so Bündnis-Initiator Prof. Dr. Stefan Selke.

Bernhard Jirku, von ver.di sieht die Rahmenbedingungen mit Sorge: „Zur Besorgung der Armenspeisungen mit Produkten und ihrer Verteilung eröffnet das „Tafelwesen“ einen weiteren, sehr prekären Arbeitsmarkt, dessen Beschäftigungsbedingungen sich weit unterhalb gewerkschaftlicher und tariflicher Vorstellungen befinden: selten gibt es existenzsichernde, reguläre Beschäftigungsverhältnisse, noch seltener sind sie tariflich entlohnt.“

Ingo Stamm, Vertreter der NGO FIAN Deutschland e.V., die sich für das Menschenrecht auf Nahrung einsetzt, sieht durch die Ausbreitung der Tafeln auch soziale Menschenrechte bedroht: „Die Sicherung eines menschenwürdigen Existenzminimums ist eine menschenrechtliche und verfassungsrechtliche Verpflichtung. Wer die Existenz der Tafeln nicht kritisch hinterfragt und in Beziehung zu den Aufgaben des Sozialstaates stellt, riskiert, zentrale menschenrechtliche Fragen auszublenden.“,

Susanne Kahl-Passoth, Direktorin der Diakonie Berlin-Brandenburg-schlesisiche Oberlausitz, erklärt als Beweggrund für die Teilnahme: „Wir als Diakonisches Werk unterstützen bewusst als kirchlicher Verband das tafelkritische Aktionsbündnis. Wenn allein in Berlin 125.000 Menschen darauf angewiesen sind, regelmäßig Essen bei der Tafel zu holen, dann ist das ein Armutszeugnis für diese Stadt. Natürlich ist es gut, dass die Menschen nicht hungern müssen. Es geht uns als Diakonie darum, zu zeigen, dass diese Menschen mehr brauchen, als nur Lebensmittelspenden. Wir fordern eine armutsfeste Grundsicherung.“

Prof. Peter Grottian, einer der Gründungsmitglieder des Bündnisses fordert: „Es ist an der Zeit, die von der Leyen-Repressanda Hartz IV aufzubrechen und durch eine menschenrechtsgemäße Grundsicherung und selbstermächtigende Arbeit zu ersetzen – mit der Konsequenz, die Tafeln und die Bundesagentur für Arbeit tendenziell abzubauen. Tafeln sind die neue Schlange der Demütigung und keine gesellschaftlich akzeptable Lösung.“ (pm)

Abgespeist in Deutschlands Tafeln

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