Schulden: Bis zu 2 Jahre Wartezeit auf einen Termin bei der Schuldnerberatung

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Wenn sich Schuldner dann doch auf Hilfe einlassen, weil der Briefkasten mit Mahnschreiben und Mahnungen überquillt, müssen viele feststellen, dass sie lange auf einen Termin warten müssen. Was also tun, wenn die Not groß ist?

Wenn die Schulden über den Kopf wachsen

Erwin D. ist alles über den Kopf gewachsen. “Erst wurde ich krank, dann arbeitslos. Ich hatte immer weniger Geld zur Verfügung und konnte Kredite nicht mehr zurückzahlen. Irgendwann habe ich die Briefe nicht mehr geöffnet. Dann habe ich mir einen Ruck gegeben und versucht, einen Termin bei der Schuldnerberatung zu bekommen. Dort hat man mir aber gesagt, dass das mindestens zwei Monate dauern würde”.

So wie Erwin D. geht es vielen Hilfesuchenden. Immer mehr Menschen geraten in eine Schuldenspirale und wissen nicht mehr, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollen. Schuld daran ist zum Beispiel die unzureichende Finanzierung von Beratungsstellen.

“Vom ersten Schritt, der Kontaktaufnahme mit einer Schuldnerberatungsstelle, bis zur Schuldenregulierung brauchen Ratsuchende einen langen Atem. Einen langen Atem, den viele nach Jahren der finanziellen und damit oft auch psychischen Not nicht mehr haben”, berichtet Daniela Hihn vom Kreisdiakonieverband im Landkreis Esslingen auf Infodienst Schuldnerberatung.

Wartelisten von 2 Jahren und mehr

Die Schuldnerberatungsstellen gehen mit dem Problem der hohen Nachfrage sehr unterschiedlich um. Viele Beratungsstellen führen Wartelisten. Wer Glück hat, muss “nur” ein paar Wochen warten. Andere Schuldnerberatungsstellen sind völlig überlastet. Es kommt vor, dass Hilfesuchende 2 Jahre und länger auf einen Termin warten müssen.

Einige Beratungsstellen bieten erste Informationen in offenen Sprechstunden an oder vergeben nur einmalige Termine. Eine längerfristige Beratung mit dem Ziel der Schuldenregulierung und damit eine langfristige Entlastung der Ratsuchenden ist damit aber nicht verbunden”, warnt Hihn.

Es gibt auch Stellen, die zwar keine Warteliste führen, aber aufgrund von Personalmangel keinen direkten Zugang zur Beratung ermöglichen. In solchen Fällen müssen die Ratsuchenden ständig in Kontakt bleiben und sich durch regelmäßige Kontaktaufnahme einen Platz in der Beratung “erarbeiten”. Das heißt, sie müssen immer wieder anrufen und nachfragen.

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Machtungleichgewicht zwischen Beratenden und Ratsuchenden

Die langen Wartezeiten führen von Anfang an zu einem Machtgefälle zwischen Beratenden und Ratsuchenden, so die Schuldnerberaterin. Die Beratenden bieten eine knappe Ressource an, die es in dieser Qualität und kostenlos an anderen Stellen nicht gibt. Die Ratsuchenden haben in der Regel keine Wahlmöglichkeit bezüglich der Beratungsstelle und der Beratenden. Es ist wichtig, dass sich Beraterinnen und Berater dieser Machtdynamik bewusst sind.

Der Wunsch, schnell helfen zu wollen, aber aufgrund begrenzter Kapazitäten nicht helfen zu können, kann bei den Beraterinnen und Beratern ein Gefühl der Überforderung und Wirkungslosigkeit auslösen.

Abwägen zwischen schneller Schuldenregulierung und langfristiger Perspektive

Der Druck der Warteliste führt zu einem ständigen Abwägen der Beraterinnen und Berater. Sollen sie mehr Menschen zu einer schnellen Schuldenregulierung verhelfen, auch wenn in der Zukunft wieder neue Schulden entstehen können? Oder sollen sie weniger Menschen eine umfassende soziale Schuldnerberatung anbieten, um ihnen eine langfristige Perspektive für ein schuldenfreies Leben zu ermöglichen?

Schnelle Hilfe nur in Akutfällen

Ein erheblicher Teil der Beratungszeit wird darauf verwendet, die Ratsuchenden über die zu erwartende Wartezeit zu informieren und Wege aufzuzeigen, wie diese sinnvoll überbrückt werden kann. In akuten Fällen wird der Existenzsicherung, z.B. bei Mietschulden oder drohender Stromsperre, und ggf. dem Pfändungsschutz (z.B. P-Konto-Bescheinigung) Vorrang eingeräumt, während die nachhaltige Schuldenregulierung noch warten muss”, so die Beraterin. Dies bindet jedoch wiederum zeitliche Kapazitäten, die von den aktuellen Fällen wieder abgezogen werden.

Filterung und Priorisierung der Fälle

Das permanente Ungleichgewicht zwischen Beratungskapazitäten und Anfragen führt zu einer Filterung während der Wartezeit. Die Beratungsstellen versuchen, besonders dringende und existenzbedrohende Fälle schneller zu bearbeiten.

So werden beispielsweise suizidgefährdete Personen häufig direkt in die Beratung aufgenommen. Es gibt auch spezielle Beratungsangebote für bestimmte Zielgruppen, wie z.B. Jugendliche unter 25 Jahren, die über Jugendschuldnerberatungsstellen einen schnelleren Zugang erhalten. Aufgrund von Kapazitätsengpässen sind die Beraterinnen und Berater gezwungen, Entscheidungen zu Gunsten einzelner Personen oder Gruppen zu treffen, während andere warten müssen.