Kein Weihnachtsbaum für Bürgergeld-Familien

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Weihnachten ist die Zeit, in der Kinderaugen strahlen, die Familie sich um den Weihnachtsbaum versammelt und schöne Geschenke Kinderträume wahr werden lassen. Doch das Bürgergeld kennt kein Weihnachtsfest. Es kennt nur eine Hilfe zum Überleben. Nicht mehr und nicht weniger.

“Wir können uns keinen Weihnachtsbaum leisten”

“Einen Weihnachtsbaum können wir uns nicht leisten, auch wenn der billigste 34 Euro kostet. Stattdessen wollen wir wenigstens ein schönes Weihnachtsessen kochen”, sagt Susanne Meyer aus Hannover.

Seit einer schweren Erkrankung ist sie auf Bürgergeld angewiesen. Ihr Mann bezieht aufstockendes Bürgergeld, weil der Lohn insgesamt nicht ausreicht, auch wenn er im Schichtdienst bei einem Versandhändler arbeitet. Die Familie hat 3 Kinder.

“Es ist nicht einfach, das Geld reicht kaum für die Grundausgaben. Für zusätzliche Ausgaben wie einen Weihnachtsbaum bleibt einfach nichts übrig. Ein paar Geschenke für die Kinder haben wir monatelang gespart”, erzählt die junge Mutter. Auch die Oma gibt etwas Geld dazu. Allerdings bar, damit es keinen Ärger mit dem Jobcenter gibt.

“Aber wir versuchen, das Beste daraus zu machen. Wir konzentrieren uns auf das, was wirklich zählt – Zeit miteinander zu verbringen und die Festtagsstimmung auch ohne Baum so gut wie möglich zu genießen”.

So wie Familie Meyer geht es Hunderttausenden von Familien, die in Not geraten und auf finanzielle Unterstützung vom Staat angewiesen sind.

Unterdeckung der Regelsätze

Der Soziologe Michael David weist in daher auf eine harte Realität hin: “Die behördlichen Regelsätze sind streng kalkuliert und berücksichtigen kaum die zusätzlichen Bedürfnisse von Kindern. Zimmerpflanzen, die in den Regelsätzen fehlen, symbolisieren auch den fehlenden Weihnachtsbaum”. Dieses Fehlen, die für viele als selbstverständlich gelten, kann das Herz eines Kindes brechen.

“Zum Beispiel Zimmerpflanzen sind gestrichen. Der Weihnachtsbaum fungiert unter Zimmerpflanzen. Zweidrittel der statistischen Ausgaben für Zimmerpflanzen sind der Weihnachtsbaum. Das bricht jedem Kind das Herz, wenn es keinen Weihnachtsbaum hat und wenn Weihnachtsgeschenke gar nicht vorgesehen sind”, kritisiert David gegenüber “evangelisch.de”.

Die Berechnung des Regelsatzes orientiert sich an einem Warenkorb, der das Existenzminimum darstellen soll. Doch Maria Loheide aus dem Vorstand des Diakonischen Werkes in Deutschland betont, dass diese Berechnung bei Weitem nicht ausreicht. Sie fordert eine Erhöhung des Bürgergeldes um mindestens 100 Euro pro Monat, um armen Kindern ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Nicht nur zu Weihnachten.

Keine Teilhabe und Menschenwürde

Andreas Lob-Hüdepohl, katholischer Sozialethiker, betont in diesem Zusammenhang die Bedeutung von Teilhabe in der Gesellschaft. Während einige Aspekte wie Essen und Trinken lebensnotwendig sind, ist beispielsweise ein Weihnachtsbaum nicht überlebenswichtig, aber für ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit in der Gesellschaft von Bedeutung. Genau dieses Gefühl wird den Kindern in sog. Bedarfsgemeinschaften genommen.

Muss denn ein Weihnachtsbau in der Wohnung stehen? “Es ist mit Sicherheit nicht überlebenswichtig. Aber es ist wichtig, um Teilhabe in einer Gesellschaft zu haben. Ein sehr wichtiger Aspekt des Menschenwürdedenkens, den wir aus den UN-Konventionen für Menschenrechte kennen, ist, dass Menschen ein starkes Gefühl von Zugehörigkeit haben. Sie dürfen nicht nur nicht verhungern. Ich würde nicht automatisch der Diakonie recht geben, dass es auf jeden Fall ein Tannenbaum sein muss”, sagt Andreas Lob-Hüdepohl in der Zeitung “Evangelisch”.

“Was wir im Moment erleben ist, dass eine Berechnung grundgelegt wird, die schon eine Vergleichsgruppe zu Rate zieht, die auch schon unterhalb des Existenzminimums lebt. Da werden Dinge wie das Eis im Sommer oder der Schwimmbadbesuch oder am Wochenende mit Freunden abgezogen. Was wir im Moment als Existenzsicherung haben, ist für Kinder mindestens 90 Euro zu niedrig”, gemängelt Maria Loheide aus dem Vorstand des Diakonischen Werkes in Deutschland.

“Die Erhöhung des Bürgergeldes gleicht gerade mal die Inflation aus. Das gleiche sieht man beim Streit um die Kindergrundsicherung. Es gibt politische Tendenzen, bei den Ärmsten zu sparen. Die Spaltung in der Gesellschaft wird immer größer”, warnt Maria Loheide von der Diakonie Deutschland.

Vernachlässigte Debatte um Kinder und Jugendliche

Lob-Hüdepohl bemängelt auch, dass in politischen Debatten oft die Interessen von Kindern und Jugendlichen vernachlässigt werden. Die Sparmaßnahmen bei den Ärmsten könnten langfristig zu erheblichen gesellschaftlichen Kosten führen, wie auch eine OECD-Studie zeigte.

Familie bittet darum, die Bürgergeld-Debatte mit der Realität zu vergleichen

Familie Meyer ist es noch wichtig zu erwähnen, dass sie die unsägliche Diskussion um das Bürgergeld täglich belastet. “Diejenigen, die sagen, das Bürgergeld sei zu hoch, sollen mal ein paar Monate davon leben. Ich glaube, dann würden viele Stimmen verstummen, die jetzt noch sagen, das Bürgergeld sei zu hoch”.