Mit dem Beginn der Altersrente endet in Rumänien für die meisten Menschen auch das Berufsleben. Nach einer Eurostat-Auswertung arbeiteten dort lediglich 1,7 Prozent der untersuchten Rentnerinnen und Rentner nach dem ersten Bezug ihrer Altersrente weiter. Damit lag Rumänien deutlich hinter Deutschland und sämtlichen anderen EU-Staaten.
Die Aussage von den „wenigsten arbeitenden Rentnern“ benötigt allerdings eine Erklärung. Eurostat hat nicht einfach alle Rentner mit einem Job gezählt, sondern den Übergang aus dem Erwerbsleben in den Ruhestand untersucht. Erfasst wurden Menschen zwischen 50 und 74 Jahren, die erstmals eine Altersrente bezogen hatten.
Nur 1,7 Prozent arbeiteten nach dem Rentenbeginn weiter
Die zugrunde liegenden Daten stammen aus einer Sonderauswertung der europäischen Arbeitskräfteerhebung. Danach setzten in der gesamten Europäischen Union 13 Prozent der Befragten ihre Arbeit nach dem erstmaligen Bezug einer Altersrente fort. In Rumänien waren es dagegen nur 1,7 Prozent.
Rund 84 Prozent der rumänischen Befragten beendeten ihre bisherige Beschäftigung im Zusammenhang mit dem Rentenbeginn. Weitere 14,3 Prozent waren bereits vor dem ersten Rentenbezug nicht mehr erwerbstätig. Die Zahlen beschreiben deshalb vor allem, wie abrupt oder fließend der Übergang in den Ruhestand erfolgt.
Besonders häufig blieben Rentner in den baltischen Staaten berufstätig. Estland erreichte einen Anteil von 54,9 Prozent, Lettland 44,2 Prozent und Litauen 43,7 Prozent. Deutschland entsprach mit 13 Prozent genau dem EU-Durchschnitt.
| Land oder Region | Weiterarbeit nach dem ersten Altersrentenbezug |
|---|---|
| Estland | 54,9 Prozent |
| Lettland | 44,2 Prozent |
| Litauen | 43,7 Prozent |
| Deutschland | 13,0 Prozent |
| Europäische Union | 13,0 Prozent |
| Spanien | 4,9 Prozent |
| Griechenland | 4,2 Prozent |
| Rumänien | 1,7 Prozent |
Quelle: Eurostat, EU-Arbeitskräfteerhebung 2023, Personen zwischen 50 und 74 Jahren.
Das Zitat stammt von einer 77-jährigen Rentnerin
Bekannt wurde die Aussage durch einen Bericht des rumänischen Fernsehsenders Observator News. Darin wird die 77-jährige Olimpia Cojocaru vorgestellt, die als Laborantin in der Textilindustrie gearbeitet hatte. Sie erklärte: „Ich habe 31 Dienstjahre geleistet, das reicht.“
Die Formulierung „Dienstjahre“ darf dabei nicht automatisch als Hinweis auf eine Beschäftigung im öffentlichen Dienst verstanden werden. Das rumänische „ani de serviciu“ bezeichnet in diesem Zusammenhang allgemein die verbrachten Arbeitsjahre. Cojocaru ging nach Angaben des Senders bereits im Alter von 50 Jahren in den Ruhestand.
Ihr Fall steht damit für eine Generation, die teilweise noch unter früheren rumänischen Rentenregeln ausschied. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass Menschen heute nach 31 Beitragsjahren ohne weitere Voraussetzungen mit 50 Jahren in Rente gehen können. Die rechtlichen Bedingungen wurden inzwischen verändert.
Heute gelten in Rumänien andere Altersgrenzen
Nach den Informationen der rumänischen Rentenversicherung in Bukarest liegt das reguläre Rentenalter grundsätzlich bei 65 Jahren. Für Frauen wird diese Grenze schrittweise angehoben und soll nach der geltenden Planung bis 2035 ebenfalls 65 Jahre erreichen. Übergangsbestimmungen können je nach Geburtsjahr zu abweichenden Ergebnissen führen.
Die Mindestversicherungszeit beträgt grundsätzlich 15 Jahre, während für eine vollständige Beitragszeit 35 Jahre vorgesehen sind. Daneben bestehen Sonderregeln, etwa für langjährig Versicherte, bestimmte belastende Tätigkeiten, Menschen mit Behinderung und Frauen, die Kinder erzogen haben. Eine Versicherungszeit von 31 Jahren allein führt deshalb nicht automatisch zu einem Anspruch auf eine sofortige Altersrente.
Die heute 77-jährige Rentnerin war von diesen neueren Bestimmungen noch nicht in derselben Weise betroffen. Ihr früher Rentenbeginn muss daher im historischen Zusammenhang betrachtet werden. Das persönliche Zitat beschreibt ihre Lebensgeschichte und keine allgemeine Rentenregel.
Rumänien hat auch die kürzeste erwartete Erwerbsdauer
Der geringe Anteil weiterarbeitender Rentner passt zu einer weiteren europäischen Statistik. Nach den im Juli 2026 veröffentlichten Eurostat-Daten für 2025 beträgt die erwartete Dauer des Erwerbslebens in Rumänien 32,7 Jahre. Das war der niedrigste Wert innerhalb der Europäischen Union.
Im EU-Durchschnitt wurden 37,5 Jahre erreicht, in Deutschland waren es 40,2 Jahre. Für rumänische Männer errechnete Eurostat 36 Jahre, für Frauen lediglich 29,1 Jahre. Dieser Unterschied hängt unter anderem mit den Erwerbsverläufen älterer Generationen, Familienzeiten und der geringeren Arbeitsmarktteilnahme von Frauen zusammen.
Die erwartete Erwerbsdauer ist keine gesetzliche Vorgabe und auch kein Durchschnitt aller tatsächlich abgeschlossenen Lebensläufe. Sie beschreibt, wie lange ein heute 15-jähriger Mensch unter den gegenwärtigen Bedingungen voraussichtlich dem Arbeitsmarkt angehören würde. Dabei werden sowohl Beschäftigte als auch Arbeitslose berücksichtigt.
Gesundheit und belastende Tätigkeiten begrenzen die Möglichkeiten
Der niedrige rumänische Wert kann nicht allein mit einer stärkeren Vorliebe für den Ruhestand erklärt werden. In den vom rumänischen Sender geführten Gesprächen berichteten ältere Menschen von Schichtarbeit, chronischem Stress und gesundheitlichen Beschwerden. Manche erklärten, dass sie körperlich kaum noch in der Lage seien, einer Beschäftigung nachzugehen.
Eurostat stellte zudem fest, dass das durchschnittliche Alter beim ersten Altersrentenbezug in Rumänien im Jahr 2023 unter 60 Jahren lag. Auch Griechenland, Slowenien und Österreich gehörten zu den Ländern mit einem entsprechend niedrigen Durchschnitt. Enthalten waren dabei Menschen, die teilweise viele Jahre zuvor unter älteren Bestimmungen in Rente gegangen waren.
Ein hoher Anteil körperlich belastender Arbeit kann den Verbleib im Beruf erschweren. Hinzu kommen regionale Unterschiede beim Arbeitsplatzangebot und weniger Möglichkeiten, den Übergang durch Teilzeit oder eine altersgerechte Tätigkeit abzufedern. Die Quote kann daher nicht als bloße Aussage über Arbeitsbereitschaft verstanden werden.
Wer weiterarbeitet, tut dies häufig aus Geldnot
Die Eurostat-Zahlen zeigen ein auffälliges Gegenbild: Obwohl in Rumänien nur sehr wenige Menschen nach dem Rentenbeginn weiterarbeiteten, nannten 54,3 Prozent dieser kleinen Gruppe finanzielle Notwendigkeit als wichtigsten Grund. Im EU-Durchschnitt lag dieser Anteil bei 28,6 Prozent. Rumänien gehörte damit gemeinsam mit Zypern und Bulgarien zu den Ländern, in denen Geldnot besonders häufig genannt wurde.
EU-weit erklärten 36,3 Prozent der weiterarbeitenden Rentner, dass ihnen ihre Beschäftigung Freude bereite und sie produktiv bleiben wollten. Weitere 11,2 Prozent verwiesen auf soziale Kontakte, während 9,1 Prozent die zusätzlichen Einkünfte als finanziell attraktiv bezeichneten. Eurostat unterscheidet ausdrücklich zwischen einem notwendigen Einkommen für den Lebensunterhalt und einem lediglich willkommenen Zusatzverdienst.
Eine niedrige Weiterarbeitsquote bedeutet folglich nicht, dass die rumänischen Altersbezüge besonders hoch wären. Viele Menschen beenden ihre Tätigkeit trotz einer knappen Rente, weil Gesundheit, Arbeitsbedingungen oder fehlende passende Stellen eine Fortsetzung erschweren. Wer dennoch arbeitet, ist überdurchschnittlich häufig auf das zusätzliche Geld angewiesen.
Deutschland liegt genau im EU-Durchschnitt
In Deutschland arbeiteten 2023 rund 13 Prozent der untersuchten Altersrentner nach dem ersten Rentenbezug weiter. Etwa sechs Prozent setzten ihre Tätigkeit unverändert fort. Weitere sieben Prozent änderten ihre Arbeitsbedingungen, reduzierten beispielsweise die Arbeitszeit oder wechselten den Arbeitsplatz.
Der Unterschied zu Rumänien sagt jedoch nicht aus, dass deutsche Rentner grundsätzlich arbeitswilliger wären. In Deutschland gibt es mehr Teilzeitangebote, Minijobs und Beschäftigungen, die sich an einen Rentenbezug anschließen lassen. Zugleich können finanzielle Belastungen auch hier dazu führen, dass ältere Menschen länger arbeiten.
Die Statistik bildet außerdem nur Menschen zwischen 50 und 74 Jahren ab. Beschäftigte Rentner ab 75 Jahren erscheinen in dieser Eurostat-Auswertung nicht. Ebenso wenig lässt sich daraus unmittelbar ablesen, wie viele Stunden gearbeitet oder welche Einkommen erzielt wurden.
Die Formulierung „arbeitende Rentner“ ist verkürzt
Die Aussage, Rumänien habe die wenigsten arbeitenden Rentner in der EU, ist für den untersuchten Übergang in die Altersrente zutreffend. Sie darf aber nicht mit dem Anteil aller aktuell beschäftigten Rentenbeziehenden verwechselt werden. Nationale Statistiken können weitere Altersgruppen, Erwerbsminderungsrentner, Hinterbliebenenrentner oder andere Formen des Rentenbezugs einschließen.
Deshalb können nationale Meldungen über Hunderttausende beschäftigte Senioren gleichzeitig richtig sein. Sie verwenden lediglich eine andere Grundgesamtheit als die Eurostat-Auswertung. Für einen fairen Vergleich müssen Altersgruppe, Rentenart und Beobachtungszeitraum übereinstimmen.
Der Ruhestand beginnt in Europa sehr unterschiedlich
Die europäischen Unterschiede zeigen, dass der Renteneintritt nicht nur eine Frage des gesetzlichen Alters ist. Gesundheitszustand, berufliche Belastung, Höhe der Altersbezüge, Arbeitsmöglichkeiten und persönliche Wünsche beeinflussen gemeinsam die Entscheidung. Ein hoher Anteil arbeitender Rentner kann sowohl für attraktive Beschäftigungsmöglichkeiten als auch für unzureichende Alterseinkommen stehen.
Rumäniens Wert von 1,7 Prozent beschreibt einen besonders deutlichen Schnitt zwischen Arbeitsleben und Ruhestand. Die Aussage der 77-jährigen Olimpia Cojocaru bringt das Lebensgefühl eines Teils ihrer Generation auf den Punkt. Nach mehreren Jahrzehnten Arbeit betrachten viele den Ruhestand als verdiente Erholungszeit und nicht als Beginn einer weiteren Erwerbsphase.




