Gregor Gysi klärt Rentenfrage: Wie alle einfach mehr Rente haben können

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Die Debatte über die Zukunft der Rente wird in Deutschland seit Jahren mit großer Schärfe geführt. Immer wieder geht es um die Frage, ob Menschen länger arbeiten müssen, damit das gesetzliche Rentensystem finanzierbar bleibt. Gregor Gysi (Die Linke) setzt in seiner Argumentation an einem anderen Punkt an. Er fordert, nicht zuerst über ein höheres Rentenalter zu sprechen, sondern über mehr Einzahlerinnen und Einzahler.

Während abhängig Beschäftigte in der Regel in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, sind andere Gruppen oft außerhalb dieses Systems abgesichert. Dazu zählen viele Beamtinnen und Beamte, zahlreiche Selbstständige sowie Bundestagsabgeordnete mit eigenen Versorgungsregeln. Genau hier sieht Gysi eine Ungleichheit, die aus seiner Sicht auch Folgen hat.

Die Rente mit 67

Die gesetzliche Regelaltersgrenze wird in Deutschland schrittweise auf 67 Jahre angehoben. Für Versicherte ab dem Geburtsjahrgang 1964 gilt die Regelaltersgrenze von 67 Jahren. Für ältere Jahrgänge erfolgt der Übergang stufenweise. Diese Entwicklung ist politisch begründet worden mit dem demografischen Wandel und der steigenden Lebenserwartung.

Gysi kritisiert jedoch, dass die Politik damit vor allem über die Dauer des Arbeitslebens spricht. Aus seiner Sicht löst eine weitere Anhebung des Rentenalters das Problem nicht gerecht. “Denn Menschen in körperlich belastenden Berufen haben andere Voraussetzungen als Menschen, die bis ins hohe Alter im Büro, im Parlament oder in beratenden Tätigkeiten arbeiten können.”

Warum Gysi alle Erwerbseinkommen einbeziehen will

Der Vorschlag lautet: “Alle mit Erwerbseinkommen sollen in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen”. Damit wären nicht nur Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beteiligt, sondern auch Selbstständige, Beamtinnen und Beamte sowie Abgeordnete. Das Ziel wäre eine breitere Finanzierungsbasis. Je mehr Einkommen beitragspflichtig sind, desto größer wäre die Einnahmeseite der Rentenversicherung.

Ein solches Modell wird oft als Erwerbstätigenversicherung bezeichnet. Es orientiert sich an dem Gedanken, dass Alterssicherung nicht nach Berufsgruppen getrennt sein sollte. Stattdessen soll Erwerbsarbeit grundsätzlich zur Finanzierung der gesetzlichen Rente beitragen. Für Gysi wäre das auch ein Signal der Gleichbehandlung, weil politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger selbst Teil des Systems wären, über das sie entscheiden.

Die Beitragsbemessungsgrenze als Streitpunkt

Ein weiterer Punkt in Gysis Argumentation ist die Beitragsbemessungsgrenze. In der allgemeinen Rentenversicherung liegt sie 2026 bei 8.450 Euro im Monat beziehungsweise 101.400 Euro im Jahr. Einkommen oberhalb dieser Grenze wird bei der Berechnung der Beiträge nicht mehr herangezogen. Wer deutlich mehr verdient, zahlt also nicht auf sein gesamtes Einkommen Rentenbeiträge.

Gysi fordert, diese Grenze abzuschaffen. Damit würden hohe Einkommen stärker zur Finanzierung der Rentenversicherung beitragen. Gleichzeitig schlägt er vor, den Rentenzuwachs bei Spitzenverdienenden abzuflachen. Das bedeutet: Wer sehr viel einzahlt, soll nicht im gleichen Verhältnis eine immer höhere Rente erhalten.

Was sich durch Gysis Vorschlag ändern würde

Heutige Struktur Mögliche Veränderung nach Gysis Vorschlag
Viele abhängig Beschäftigte zahlen verpflichtend in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Alle Menschen mit Erwerbseinkommen würden einbezogen, auch Selbstständige, Abgeordnete sowie Beamtinnen und Beamte.
Für Beiträge gilt eine Beitragsbemessungsgrenze. Auch sehr hohe Einkommen könnten vollständig beitragspflichtig werden.
Hohe Einkommen führen innerhalb der geltenden Grenzen zu höheren Rentenansprüchen. Der Rentenzuwachs bei sehr hohen Einkommen könnte begrenzt werden.
Die politische Debatte dreht sich häufig um ein höheres Rentenalter. Der Schwerpunkt läge stärker auf der Finanzierung über eine breitere Beitragsbasis.

Warum der Vorschlag politisch umstritten ist

Gegnerinnen und Gegner einer solchen Reform verweisen darauf, dass kurzfristig zwar mehr Beiträge eingehen könnten, später aber auch zusätzliche Rentenansprüche entstehen. Außerdem müsste geklärt werden, wie bereits erworbene Ansprüche behandelt werden. Bei Beamtinnen und Beamten käme hinzu, dass der Staat heute Pensionen direkt finanziert und bei einem Systemwechsel neue Beitragslasten übernehmen müsste. Die Entlastung wäre also nicht automatisch sofort sichtbar.

Befürworterinnen und Befürworter halten dagegen, dass das heutige System soziale Trennlinien festigt. Wer niedrige Löhne erhält, unterbrochene Erwerbsbiografien hat oder lange in Teilzeit arbeitet, ist besonders gefährdet, im Alter wenig Geld zur Verfügung zu haben. Eine breitere Finanzierung könnte helfen, den Druck auf Beitragszahlende zu verringern. Sie könnte auch das Vertrauen stärken, wenn alle Gruppen nach denselben Grundsätzen beteiligt wären.

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Altersarmut lässt sich nicht allein über das Rentenalter erklären

Gysis Aussage zeigt einen wichtigen Punkt der Rentendebatte: Altersarmut entsteht nicht erst beim Renteneintritt. Sie ist häufig das Ergebnis niedriger Löhne, befristeter Arbeit, Pflegezeiten, Erwerbslosigkeit oder Teilzeit. Wer über Jahrzehnte wenig einzahlt, erhält später oft nur eine geringe Rente. Ein höheres Rentenalter hilft diesen Menschen nur begrenzt, wenn sie gesundheitlich nicht länger arbeiten können.

Deshalb reicht es nicht, die Rentenfrage nur technisch zu behandeln. Sie ist auch eine Frage der Arbeitsbedingungen, der Lohnentwicklung und der Verteilung von Lasten. Gysi verschiebt den Blick von der einzelnen Person hin zur Finanzierung des gesamten Systems. Seine Botschaft lautet: Nicht nur die Lebensarbeitszeit soll steigen, sondern auch die Zahl und Finanzkraft der Einzahlenden.

Der Unterschied zwischen Büroarbeit und körperlicher Arbeit

Besonders eindringlich ist Gysis Vergleich zwischen parlamentarischer Arbeit und körperlich schweren Berufen. Er sagt sinngemäß, dass man in hohem Alter noch im Bundestag sprechen könne, aber nicht mehr ohne Weiteres auf einem Dach arbeiten könne. Damit beschreibt er ein Problem, das in der Rentendebatte häufig zu kurz kommt. Ein einheitliches Rentenalter trifft Menschen mit sehr unterschiedlichen Arbeitsrealitäten.

Wer jahrzehntelang auf Baustellen, in der Pflege, in der Produktion oder in der Logistik arbeitet, erlebt das Alter oft anders als jemand mit Schreibtischtätigkeit. Rücken, Gelenke und Herz-Kreislauf-System werden durch schwere körperliche Arbeit stärker belastet. Eine pauschale Verlängerung der Lebensarbeitszeit kann deshalb sozial ungerecht wirken. Genau an diesem Punkt gewinnt Gysis Kritik ihre politische Schärfe.

Was eine höhere Rente wirklich voraussetzt

Eine höhere Rente für viele Menschen entsteht nicht durch eine einzelne Maßnahme. Sie setzt höhere beitragspflichtige Einkommen, stabile Beschäftigung und eine solide Finanzierung voraus. Gysis Vorschlag setzt vor allem bei der Einnahmeseite an. Er will mehr Menschen und höhere Einkommen in die Finanzierung einbeziehen.

Ob dadurch tatsächlich alle eine höhere Rente bekämen, hängt von der konkreten Ausgestaltung ab. Entscheidend wäre, wie Beiträge berechnet, Rentenansprüche begrenzt und Übergänge geregelt würden. Ohne solche Details bleibt der Vorschlag politisch wirksam, aber noch kein fertiger Gesetzesplan. Dennoch benennt er eine Frage, die in der Rentendebatte immer wieder auftaucht: Warum tragen nicht alle Erwerbseinkommen gleichermaßen zur gesetzlichen Alterssicherung bei?

Kurzes Beispiel aus der Praxis

Ein 61-jähriger Dachdecker hat seit seinem 17. Lebensjahr gearbeitet. Sein Körper ist nach mehr als vier Jahrzehnten auf Baustellen stark belastet, doch bis zur regulären Altersrente bleiben ihm noch mehrere Jahre. Eine weitere Anhebung des Rentenalters würde seine Lage verschärfen, weil er seine Tätigkeit kaum bis 69 oder 70 ausüben könnte.

Nach Gysis Logik müsste die Politik in einem solchen Fall nicht zuerst fragen, wie lange dieser Mann noch arbeiten kann. Sie müsste fragen, ob das Rentensystem fair finanziert ist. Wenn auch hohe Erwerbseinkommen, Selbstständige, Abgeordnete sowie Beamtinnen und Beamte stärker einbezogen würden, könnten die Einnahmen breiter verteilt werden. Für Menschen in körperlich belastenden Berufen wäre das ein anderer Ansatz als die bloße Verlängerung des Arbeitslebens.

Quellen

Die Angaben zur Regelaltersgrenze und zur stufenweisen Anhebung auf 67 Jahre beruhen auf Informationen der Deutschen Rentenversicherung und des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales.

Die Angaben zur Beitragsbemessungsgrenze 2026 in der allgemeinen Rentenversicherung beruhen auf Informationen der Bundesregierung und der Deutschen Rentenversicherung.