Von der Hartz IV Verblödung bei RTL

Für Bertelsmann und RTL ist Hartz-IV ein erfolgreiches Geschäftsmodell
von Joachim Weiss

Kennen Sie die Geschichte von den beiden cleveren Brüdern? Während der eine nachts durch die Straßen zieht, um die Häuser schlafender Bürger mit Sprühfarbe und Hundescheiße zu beschmieren, eröffnet der andere eine Gebäudereinigung, die den Dreck wieder entfernt – der Gewinn wird brüderlich geteilt. Für alle, die solche Geschichten lustig finden, hat sich der Spitzenreiter unter den deutschen TV-Volksverblödungssendern, RTL, eine pseudokritische Reportage zum Thema „Die nächste Generation Hartz-IV ist hausgemacht und kostet den Steuerzahler unnötige Millionen“ ausgedacht und bei der gestrigen Ausstrahlung im RTL-Magazin EXTRA laut Quotenchart rund 3,3 Millionen Zuschauer bzw. Rang Fünf erreicht (1) .

Gezeigt wurde Berlin-Hellersdorf-Marzahn, ein sozialer Brennpunkt, in dem jede dritte Mutter alleinerziehend ist. Über die Hälfte der Kinder in diesem Stadtteil lebt von Hartz IV und gilt damit als arm. »So wie die Zwillinge Yasmin und Florian (12). Ihre alleinerziehende Mutter Andrea Thiel (49) hatte seit 19 Jahren keine feste Arbeit mehr und ist für sich und ihre Kinder auf staatliche Unterstützung angewiesen.« Von dieser Situation werden nicht nur die Steuerzahler massiv belastet, sondern vor allem die Zukunft der Kinder, kommentiert RTL, und weiter: »Denn oftmals führt ein Leben mit Hartz-IV zu weiterer Armut und Perspektivlosigkeit in der folgenden Generation. Anhand eines erstmalig in Deutschland durchgeführten Rechenbeispiels zeigt “Extra”, [...] dass Hartz-IV nicht nur teuer für den Staat, sondern oftmals auch schlecht angelegtes Geld ist«

Das ist, bei aller Solidarität mit den Betroffenen und Anerkennung des engagierten RTL-Teams, noch kein sonderlich tiefsinniges Resultat. Erst vor dem Hintergrund, dass die eingangs erwähnten Scheißewerfer den Gewinn aus dem Reinigungsgeschäft brüderlich teilen, während RTL seine Kohle bei der Konzernmutter Bertelsmann AG abliefern muss, zeigt woher der Wind weht.

Denn nach wie vor – und insbesondere in den bildungsschwachen Niederungen des RTL-Stammpublikums– ist weithin unbekannt, dass das Herzstück der sozialpolitischen Rektalgeburt HARTZ IV ein perfides Machwerk der gemeinnützigen Bertelsmann-Stiftung war, obwohl deren Name auf keiner Teilnehmerliste der Hartz-Kommision erscheint (2). Oder anders gesagt: Während die Bertelsmann-Stiftung den deutschen Sozialstaat aus dem politisch-medialen Hinterhalt mit neoliberaler Habgier, Sozialabbau und unternehmerfreundlichen Prekarisierungs-Konzepten überhäuft, zieht das RTL-Team in mildtätiger Mission aus, um die perversen Nöte und mörderischen Ausgrenzungs-Effekte von Hartz IV zu erkunden. In die gleiche „Zuckerbrot und Peitsche“-Kategorie darf man artverwandte Formate wie „Raus aus den Schulden“ oder die „Super-Nanni“ zählen, Sendungen, die den Betroffenen sagen sollen, »Ihr seid zwar der letzte Dreck, Versager und unwürdige Sozialschmarotzer, aber der grenzenlose Altruismus von Bertelsmann bringt euch zurück auf den rechten Weg.“ „Hier kann man gar nichts anderes machen außer verrotten!“

Und diese Wegweisung funktionierte gestern Abend ungefähr so: “Hier kann man gar nichts anderes machen außer verrotten.” Die Wohnung versinkt im Chaos. In der schmuddeligen Küche kann man bestenfalls noch etwas aufwärmen. Gesunde Ernährung ist für die Familie ein Fremdwort. Beide Kinder sind bereits im Alter von 12 Jahren massiv übergewichtig. Kinderarzt Dr. Martin Karsten: “Arme Kinder sind kranke Kinder, weil sie nicht die Möglichkeiten haben, sich gesund zu ernähren und Sport zu treiben. Das Freizeitangebot ist eben begrenzt. Einen Fernseher [mit RTL?] und eine Playstation [mit Spiele-Software von Bertelsmann?] hat jeder zuhause. Das ist eine einmalige Investition und die kann den ganzen Tag beschäftigen.” (4)

Doch das ist noch nicht alles: »Extra hat drei weitere Schicksale solcher Kinder seit 2006 im Auge behalten. Sie alle bestätigen, wovor Experten seit Jahren warnen: Wenn solche Kinder nicht früh außerhalb der Familie intensiv betreut und gefördert werden, haben sie kaum Chancen, jemals aus der Hartz-IV-Spirale herauszukommen, so RTL. Institutionen wie das Kinderhilfswerk “Arche” seien von großer Bedeutung und für viele arme Familien eine erste Perspektive aus der Misere. Arche Gründer Bernd Siggelkow: “Die Bildung unserer Kinder ist abhängig vom Einkommen der Eltern. Und wenn die Deutschen über eine Milliarde Euro für Nachhilfe für ihre Kinder ausgeben, weil sie diese Hilfe brauchen, dann weiß ich genau, dass ein Hartz-IV-Empfänger das nicht kann.”

Und was kann Bertelsmann? Nach der (auf Druck der Stiftung erfolgten) Einführung von Studiengebühren ein mit Steuermitteln finanziertes (und natürlich von Bertelsmann konzipiertes) bildungspolitisches Notstandsprogramm für Hartz IV-Kinder anleiern und dieser Hoffnung mit einer kleinen PR-Aktion Nachdruck verleihen? »Mit einer einmaligen Geldspende in Höhe von 5.000 Euro unterstützt der Club Bertelsmann das Berliner Kinderprojekt „Die Arche“, das sich intensiv um Kinder aus armen und verwahrlosten Verhältnissen kümmert!«; im Netz nachzulesen auf den Charity-Seiten des Bertelsmann Clubs.

Dass der Steuerzahler, dessen Geldbeutel Bertelsmann aus wohlverstandenem Selbstinteresse nie aus den Augen verliert , so billig nicht wegkommt, legt die Haushaltswissenschaftlerin Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe, Mitglied im Kompetenzteam der KiTa-Schutzheiligen Ursula von der Leyen, eindrucksvoll am Beispiel des Modellkindes “Petra” dar: »…sie wird in Armut geboren, macht wie viele dieser Teenager keine Ausbildung und findet deshalb keine Arbeit. Sie bekommt ein Kind, bleibt bis zum 50. Geburtstag in Hartz-IV und kostet bis dato den Steuerzahler knapp eine halbe Million Euro.« Das Ergebnis sei schockierend, »denn statistisch betrachtet, zahlt die Allgemeinheit 444.495 Euro für ein Leben mit dem Nötigsten in Armut bis zum 50. Geburtstag.« Das will Bertelsmann!

Der Bertelsmann-Stiftung die Gemeinnützigkeit entziehen
Man möchte Frau Uta Meier-Gräwe in diesem Punkt nicht widersprechen, doch warum richtet sie ihre Kritik nicht gleich an die richtige Adresse? Und wann zieht man einer übergeschnappten “Reformwerkstatt”, die sich mit marktradikalem Eifer an sämtlichen Schalthebeln zur Prekarisierung und sozialen Verelendung betätigt, nicht endlich den Gemeinnützigkeits-Stecker aus der Steuersteckdose? Weil es eine Tatsache ist, dass die »gemeinnützige« Bertelsmann-Stiftung 76% der Aktienanteile an der Bertelsmann AG besitzt und dem Konzern auf diese Weise Milliarden an Abgaben und Erbschaftssteuern erspart? Oder weil niemand außer Bertelsmann die Chuzpe besäße, dem derart betrogenen Steuerzahler über seinen Haus- und Hofsender RTL auch noch vorrechnen zu lassen, wie viel er für den auf ihn abgewälzten Schaden in Zukunft noch bezahlen soll? (22.09.2009)

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